Kult-Autos

Offen für alles

Der Fiat 124 Spider sah nach Ferrari aus, war technisch den Alfa Romeo ebenbürtig, kostete aber deutlich weniger. Und er macht einfach Spass.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Luft riecht frisch, die Bäume tragen Gelb und Braun. Es ist Herbst. Aus der Ferne erklingt ein leicht grollendes Brummen, es stammt offensichtlich von einem Vierzylindermotor mit luxuriöser Nockenwellenausstattung. Da rollt sein Träger auch schon um die Ecke, der Fiat 124 Sport Spider in der zur Jahreszeit passenden Lackierung «Giallo Positano». Schon bald verschwindet der offene italienische Sportwagen hinter der nächsten Kurve, die Musik aus dem Auspuff verliert sich in der Ferne. Herbstsonate.

Bereits im Frühjahr 1966 hatte Fiat mit dem Modell 124 den Nachfolger der Baureihe 1300/1500 präsentiert. Der Fiat-Cheftechniker Dante Giacosa hatte eine moderne Limousine geschaffen, die auch die Basis für weitere Modelle bereitstellte. Und neue Modelle benötigte Fiat, denn der bis 1966 gebaute Fiat 1500/1600 Spider basierte noch auf der technischen Basis des 124-Vorgängers.

Eine offene Version des 124 präsentierte Carrozzeria Touring am Turiner Autosalon des Jahres 1966, es war eine zum Cabriolet umgestaltete Limousine. Obschon die Reaktionen positiv waren, hatte man sich beim Fiat bereits für den bei Pininfarina gestalteten Spider entschieden. Für die Firma Touring war das nur einmal gebaute 124 Cabriolet das letzte Auto überhaupt.

Angelehnt an die Corvette Rondine

Pininfarina überzeugte Fiat mit der Chevrolet Corvette Rondine, die 1963 in Turin präsentiert worden war. Den Zeichenstift bei der Rodine hatte Tom Tjaarda geführt, und folglich wurde der in Pininfarina-Diensten arbeitende Amerikaner auch für den 124 Spider beauftragt. Allerdings war es weit schwieriger als erwartet, die Rondine-Linien an das kürzere und gedrungenere Fiat-Chassis anzupassen. Tjaarda hätte schon beinahe aufgegeben, als ihn Franco Martinengo, der Chef des Designstudios, beiseitenahm und meinte, dass der Wagen ja keine Corvette werden sollte und daher ein divergierendes Design zulässig sei.

Nun ging es schnell vorwärts und es blieben trotzdem noch einige Rondine-Elemente, notabene das schwalbenschwanzähnliche Heck, erhalten. Das Design zeigte aber auch viele Ähnlichkeiten mit damaligen Ferrari-Modellen, insbesondere mit dem 275 GTS von 1964 und dem 365 California von 1966. Aber vor allem war es gefällig, und zwar unabhängig von nationalen Vorlieben – eine wichtige Voraussetzung für einen Bestseller.

Günstiger als die Konkurrenz

Der Fiat 124 Spider war ein modernes Fahrzeug, verfügte über eine selbsttragende Karosserie und einzeln an Dreieckslenkern aufgehängte Vorderräder. Hinten sorgte zwar eine Starrachse für die Radführung, sorgte aber mit Kurvenstabilisatoren für gute Fahreigenschaften. Rundum waren Scheibenbremsen montiert, schon nach wenigen Monaten wurde Servounterstützung für die Verzögerung nachgereicht. Das Tüpfelchen auf dem i aber war der neue Motor, abgeleitet vom Limousinenaggregat. Zur Leistungssteigerung setzte man einen neuen Zylinderkopf mit zwei zahnriemengetriebenen Nockenwellen auf den Vierzylinder. Derartig modifiziert leistete der 1438 cm3 grosse Kurzhuber 90 PS bei 6500 Umdrehungen. Fiat wilderte mit dieser Konstruktion direkt im Jagdrevier von Alfa Romeo.

10'980 Mark kostete der Fiat 124 Spider im Jahr 1967 in Deutschland, 2010 weniger als Alfa Romeo für den Duetto mit ähnlichen technischen Charakteristiken verlangte, aber auch deutlich weniger, als Triumph für den TR 4 in die Preisliste schrieb (DM 12'750). In der Schweiz lagen die Verhältnisse ähnlich: Während für den Fiat 124 Spider mit 1,4-Liter-Motor 14'500 Franken auszulegen waren, kostete der Alfa Romeo Duetto mit dem 1,6-Liter 15'900 Franken, der MG B allerdings war mit 12'200 Franken günstiger zu haben.

«Er ist wie die Schweiz: unbeirrt neutral»

Henry Keller verglich den Fiat 124 Spider für die Zeitschrift «Auto Motor und Sport» im Jahr 1967 mit den damaligen Konkurrenten Triumph TR4 und Alfa Romeo Duetto. Porsche (912 Targa) und BMC (MG B) konnten oder wollten keinen Vergleichsteilnehmer stellen. Im Ergebnis siegte der Alfa knapp vor dem Fiat, aber im Fahrverhalten erhielt der 124 Spider nur lobende Worte: «Es war einmal ein Mann, der fuhr zu schnell in eine Kurve hinein. Ehe er sich’s versah, befand er sich neben der Strasse. Das wäre ihm mit dem Fiat nicht so leicht passiert. Denn dieser Fiat ist ein Wunder an Gutmütigkeit. Es versagen alle Begriffe von Untersteuern und Übersteuern – er tut weder noch. Er ist wie die Schweiz: unbeirrt neutral. Das macht ihm nicht mal der Alfa nach.»

Etienne Cornil fuhr den Fiat einige Monate später für die «Automobil Revue». Er lobte Motor, Getriebe und Fahrverhalten. Die Stoppuhr zeigte 11,3 Sekunden, als der Wagen von 0 beschleunigt 100 km/h erreicht hatte, die Höchstgeschwindigkeit lag bei fast 172 km/h. Damit war der «Schweizer» Spider etwas schneller als die AMS-Version, die 13,7 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h gebraucht hatte und 169 km/h Spitze lief. Im Verbrauch war man sich wieder weitgehend einig, gute 12 Liter verbrannte der sportlich gefahrene Fiat. «Bezüglich Fahrsicherheit und Leistung für den sportlichen Fahrer bleiben kaum Wünsche offen. Dank dem mässigen Preis ist der Fiat 124 Spider prädestiniert, zu einer breiten Käuferschicht Zugang zu finden», fasste Cornil seine Testerfahrungen zusammen.

19 Jahre lang gebaut

Sergio Pininfarina wurde zitiert mit den Worten, dass der Spider genau das gewesen sei, was die Leute damals wollten. Aber nicht nur das Design entsprach den Erwartungen der (schwergewichtig amerikanischen) Käufern, sondern auch die Konzeption und die Details. Das Dach liess sich öffnen und schliessen, ohne dass man das Auto verlassen musste. Geschlossen wies der Wagen eine fast optimale Rundumsicht auf, weil Fiat kleine Dreiecksfenster eingebaut hatte, die sich mit dem Dach automatisch versenkten. Der Kofferraum fasst immerhin fast 200 Liter, und wenn dies nicht reichte, konnten auf den Rücksitzen weitere Gepäckstücke untergebracht werden. Zu allem war er auch noch vorbildlich kompakt, denn mit 3,97 Metern Länge und 1,61 Metern Breite war er 28 Zentimeter kürzer und zwei Zentimeter schmäler als der Konkurrent von Alfa Romeo.

Dem Fiat 124 Spider war ein langes Leben beschieden. Auf die erste Serie (AS genannt) folgte 1971 der Nachfolger mit 1,6 Litern Hubraum (BS genannt). Bereits 1973 wurde ein weiterer Wechsel fällig, der Hubraum blieb allerdings gleich (Baureihe CS). 1973 profitierte der «Normal»-Spider dann vom Abarth-Derivat (CSA) und erhielt ebenfalls 1756 cm3 und 118 PS. 1974 wurde der Verkauf in Europa gestoppt, für Amerika erhielt der offene Klassiker grössere Stossstangen, um mit den dortigen Aufprallvorschriften klarzukommen.

Gegen Ende der Siebzigerjahre stieg der Hubraum dann schliesslich auf fast zwei Liter, eine Einspritzung zügelte Durst und Abgasemissionen und plötzlich gab es den nun «Spider Europa» genannten Wagen auch in Europa wieder. Selbst das Fiat-Signet entfiel, Pininfarina bauten das Cabriolet in eigener Regie weiter, der Vertrieb erfolgte aber nach wie vor über das Fiat-Händlernetz. Im Jahr 1985 war dann nach 19 Jahren Bauzeit endgültig Schluss, mit dem Volumex aber gab es sogar noch eine Variante mit Kompressor und 135 PS.

Ein Jahrhundert-Klassiker

Der schicke Fiat 124 Spider und seine direkten Nachkommen verkauften sich rund 200'000-mal, einen direkten Nachfolger gab es nicht. Bereits 1972 hatte Fiat den keilförmigen X 1/9 mit Mittelmotor vorgestellt, doch den Cabriolet-Anhängern war diese Targavariante wohl suspekt. Erst mit dem Barchetta (1995 bis 2005) bot Fiat wieder ein echtes Sportcabriolet an.

Der Fiat Spider gehört zu den beliebtesten Klassikern überhaupt. Sein Design hat die fast 50 Jahre seit seiner Vorstellung gut überstanden, er wirkt noch immer frisch und hübsch. Das Lenkrad steht etwas flacher, als man es sich von anderen Sportwagen gewöhnt ist, dies irritiert aber nur anfänglich. Man lässt den Blick über das Armaturenbrett schweifen, betrachtet die hübschen Veglia-Instrumente und startet den Motor über das Zündschloss rechts an der Lenksäule.

Ein Italiener mit makellosen Manieren

Sofort erklingt der Doppel-Nockenwellen-Vierzylinder, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Der Ton erinnert dezent an Alfa Romeo. Los gehts. Das Ausfädeln aus einer Parklücke wird dank der übersichtlichen Karosserie zum Kinderspiel. Die Hilfe moderner Abstandsradarsysteme wäre unnötig, könnten die vier Ecken nur an jedem Auto so gut eingesehen werden wie beim Fiat 124 Spider. Die Manieren des kompakten Italieners sind makellos, sobald der Motor einmal auf Betriebstemperatur ist.

Der 1,4-Liter-Motor ist ein angenehmer Begleiter, er fühlt sich nie überfordert an und zieht den Wagen Steigungen erstaunlich kraftvoll hoch. Die fünf Gänge lassen sich mit geringem Kraftaufwand wechseln und auch der Kupplungs- und Bremsfuss stösst nicht auf unüberbrückbare Hindernisse. «Fahren in seiner schönsten Form» dichteten einst deutsche Werber für ein anderes Automobil, auf den Fiat 124 Spider trifft dieser Spruch aber gerade an einem lauen Herbsttag besonders zu.

Wir danken Franks Originale für die Möglichkeit, mit dem gelben Fiat 124 Spider von 1969 in engen Kontakt treten zu können.

Mehr Informationen, viele Bilder, Marktpreise und technische Daten zum Fiat 124 Spider finden sich auf www.zwischengas.com.

Erstellt: 22.11.2013, 17:21 Uhr

Präsentiert von Zwischengas.com


Mehr Bilder und zusätzliche Informationen zu diesem Thema finden sich auf Zwischengas.com

Bildstrecke

Fiats Rennsportcoupé

Fiats Rennsportcoupé Das sensationelle Rennsportcoupé Fiat 8V von 1952 wies eine hervorragende Aerodynamik auf.

Bildstrecke

Artikel zum Thema

Volksmotorisierung auf Italienisch

Kult-Autos Aus diesem Mäuschen machte der Markt einen Elefanten: Der Fiat Topolino war zu seiner Zeit der erfolgreichste Kleinwagen Europas. Mehr...

Die Einsteigerautos unserer Eltern

Rund 10'000 Franken reichten im Jahr 1975, um einen familientauglichen Neuwagen zu kaufen. Doch wie unterschieden sich die Kleinwagen von Audi, Citroën, Datsun, Fiat, Mini, Peugeot, Renault und Simca? Mehr...

Die Konkurrenten des Käfers

Kult-Auto Der VW Käfer dominierte das Strassenbild der Sechziger. Dabei bauten Austin, Fiat oder Opel überzeugende Alternativen. Ein Blick auf die Tausender-Generation. Mehr...

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...