Spannung auf der Rennstrecke

Beim Lignières historique wurde erstmals ein 100-Runden-Rennen mit Elektroautos durchgeführt – ohne Lärm, ohne Emissionen, aber nicht ohne Emotionen.

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Ohrenbetäubender Motorenlärm, Temporausch, volle Konzentration auf Ideallinie, Gegner und Sieg – so stellt man sich die Teilnahme an einem Autorennen vor, und dann das: Ich sitze entspannt am Volant, summe eine belanglose Melodie vor mich hin und lasse einen Gegner nach dem anderen kampflos an mir vorbeiziehen. Dann klingelt es über die Audioanlage. Ich drücke auf die Lenkradtaste mit dem Telefonsymbol. «Wie geht es dir?», meldet sich eine Männerstimme. «Gut», erwidere ich und lese vor, was mein Display meldet: 55 Prozent. Das sei prima, versichert mir die Stimme, worauf ich frage: «Kann ich jetzt schneller fahren?» Wobei «fragen » vielleicht der falsche Ausdruck ist – ich schreie eher, mit gespielter Hysterie, und zwar ungeachtet davon, dass es keinen Motorenlärm zu übertönen gibt. Im Zeitlupentempo über eine Rennstrecke zu rollen ist schliesslich zum Verrücktwerden und allmählich scheint mir, dass mich auch die Zuschauer für verrückt halten, wenn ich scheinbar auf Valium, Selbstgespräche führend an ihnen vorbeischleiche. «Nein, immer schön weiter so», beschwichtigt mich die Stimme von Beat Kilchenmann, der die Leitung des Nissan-Teams übernommen hat.

«Geschichte schreiben»

Unter den Gegnern sind bekannte Rennfahrer wie Fredy Barth, Yann Zimmer und Max Welti, das Tragen eines Schutzhelms ist obligatorisch, die Streckenposten schwenken mal blaue, mal weisse Flaggen, und für alle Fälle stehen neben der Piste zwei Ambulanzen bereit. Aber damit hat es sich auch schon mit Rennsport-Normalität. Die Boliden sind unspektakuläre Alltagsautos, in der Boxengasse warten keine Mechanikerteams, sondern zwei Schnellladestationen auf ihren Einsatz, und der einzige Lärm stammt aus den Lautsprechern. Whitney Houstons «I will always love you», dröhnt etwa aus den Boxen, oder – passender noch – gemächlicher Walzer. Auf der Strecke spielen sich derweil Szenen wie diese ab: Die schleichende, vor sich hin schreiende Nissan-Leaf-Pilotin wird von einem etwas weniger schleichenden, hupenden Mitsubishi-i-Miev- Pilot überholt, der ihr dabei vergnügt zuwinkt.

Harte Zweikämpfe sehen anders aus. Willkommen beim «1st Swiss Energy Grand Prix» – einem Autorennen der ganz besonderen Art. Den Rahmen dafür bildet die vergangene Woche ausgetragene Lignières-historique- Veranstaltung. Während Jahrgen, inzwischen vor allem für Fahrtrainings genutzten Circuit zwischen Biel und Neuenburg Schweizer Rennsportgeschichte geschrieben worden; vor einem Jahr wurde die Tradition mit historischen Fahrzeugen wiederbelebt. «Aber wir wollen nicht nur Geschichte zeigen sondern auch schreiben», erklärt Organisator Tony Staub die Einführung eines 100-Runden-Rennens mit neuen, rein elektrisch angetriebenen Autos.

Trotz «Zero Emissionen» soll die etwas andere Motorsportprüfung «Emotionen pur» wecken. Am Start: Vier Mitsubishi i-Miev, drei Smart Brabus ed, ein Renault Zoe, ein Nissan Leaf, ein VW e-Golf, ein Tesla Roadster sowie ein Tesla Model S. Die Teams bestehen aus je drei Fahrern; wer als erstes 100 Runden absolviert hat, gewinnt. Nicht ganz so simpel gestaltet sich das Reglement bezüglich der Startaufstellung. Ein 421 PS starker Tesla mit über 400 Kilometer Reichweite hat logischerweise viel bessere Siegeschancen als ein 82 PS leistender Smart, der auf höchstens 145 Kilometer kommt – eine Handicapformel soll für Ausgleich sorgen: Als das Model S startet, sind die drei Smart schon seit 20 Minuten unterwegs.

Vollgas oder Sparfahrt

Entscheidend ist – wie so oft auch in der Formel 1 – allerdings vor allem die Strategie. Denn für die meisten Teams reicht die Batteriekapazität für 100 schnellgefahrene Runden nicht aus. Sie müssen sich schon vor dem Start entscheiden: zwischen Vollgas und Tankstopp an der Ladestation, oder einer batterieschonenden Fahrweise ohne Zwischenhalt. Unser Frauenteam im Nissan – inoffiziell auch Team Handtäschchen genannt – setzt auf Letzteres. Der Leaf bietet nebst 109 PS höchstens 199 Kilometer Reichweite, die in der Praxis eher 120 betragen, darüber hinaus gehen wir nicht davon aus, beim Schnellfahren mit den Rennprofis mithalten zu können. Allerdings hätten wir es letztlich nicht ganz so gemütlich nehmen müssen: Als die schwarz-weiss karierte Flagge nach rund zwei Stunden geschwenkt wird, haben wir gerade mal die 83ste Runde erreicht, und der Batterieladezustand ist noch nicht ganz auf null. Das reicht bloss für Platz acht, knapp vor drei von vier Mitsubishi-Teams.

Doppelsieg für Tesla

Wirkliche Spannung kommt bei diesem Rennen nur unter den Motorhauben auf: Die beiden leistungs- und reichweitenstarken Tesla rollen das Feld von hinten auf und landen wenig überraschend auf Rang eins und zwei, während dem drittplatzierten Smart auf den Sieg zehn Runden fehlen. Und doch haben die Veranstalter mit «Emotionen pur» nicht zu viel versprochen: Lockere Stimmung und Sprüche im Fahrerlager, Selbstironie auch bei den Profis und besagte Valium- und Selbstgesprächfahrt – ich habe jedenfalls selten so viel gelacht bei einem Autorennen.

Erstellt: 23.08.2014, 02:50 Uhr

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