Kult-Autos

Spider im Concours-Anzug

Ein Schweizer namens Willy H. Felber baute in den Siebzigerjahren einen offenen Sportwagen auf Lancia-Basis und hatte Grosses vor damit.

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Willy H. Felber, ein distinguierter Westschweizer, führte in den Siebzigerjahren die Firma Haute Performance Morges und importierte und verkaufte unter anderem Fahrzeuge der Marken Ferrari, Lancia und Panther. Die Geschäfte liefen wohl gut, und angesichts der wohlhabenden Kundschaft begann der automobilbegeisterte Felber, eigene Wagen herzustellen.

Mit dem Felber (Ferrari) FF schuf Felber für den Genfer Auto-Salon 1974 seine erste Kreation, die nach heutiger Begriffswelt wohl am besten mit Retrodesign umschrieben würde. Inspirieren liess er sich beim Bau des FF vom Ferrari 125 S von 1947. Angetrieben wurde der leichtgewichtige Sportwagen von einem Ferrari-Zwölfzylindermotor mit rund vier Litern Hubraum. Kosten sollte er 90'000 Franken. Bereits 1975 vermeldete Felber sechs verkaufte Fahrzeuge, am Schluss soll es sogar ein gutes Dutzend gewesen sein. Der deutsche Rennfahrer Harald Ertl beschrieb den Wagen in der «Auto-Zeitung» als «reine Männersache».

Lancia-Derivat mit D24-Anleihen

Weil Autos in der 100'000-Franken-Klasse nicht allzu einfach an den Mann zu bringen waren, überlegte sich Felber, dass er mit einer günstigeren technischen Basis und grösserem Ausstoss zu attraktiveren Preisen kommen könnte. Gedacht, getan: Er liess bei Panther Westwinds – bereits der FF Ferrari war dort entstanden – einen Sportwagen mit der Technik der Lancia Fulvia aufbauen. Die optischen Anleihen bezog man dabei beim Lancia D24, der in den Fünfzigerjahren an der Carrera Panamericana für Furore gesorgt hatte.

Wiederum entstand das Karosseriekleid aus Aluminiumblechen, die über einen Rohrrahmen gestülpt wurden. 750 kg Leergewicht wurden angestrebt, zusammen mit den 110 DIN-PS des Fulvia-1300-Motors sorgte dies für sportliche Fahrleistungen. Als Preis wurden im Jahr 1976 33'700 Franken kommuniziert. Es blieb aber beim Einzelstück, denn inzwischen zog Felber die neuere Beta-Mechanik der Fulvia-Technik vor. Zudem hatte er im Rahmen eines Einzelstücks – dem Felber FF Croisette, einem Sportkombi auf Ferrari-400-Basis – die Zusammenarbeit mit Giovanni Michelotti in Turin begonnen.

Michelotti macht das Entlein zum Schwan

Am Auto-Salon im März 1976 wurde der Felber FF Lancia Spider vorgestellt. Der Vorgänger war in der neuen Karosserie nicht mehr wiederzuerkennen. Michelotti hatte den Entwurf geglättet und geschickt moderne und historische Elemente gemischt. Die «Automobil Revue» (AR) schrieb: «Der zweite Blickfang am Stand ist der FF Lancia Michelotti. Es handelt sich dabei um eine vom Lancia Beta abgeleitete Luxuslimousine mit Michelotti-Karosserie. In den wesentlichsten Zügen ist die Form unverändert geblieben, doch vor allem die Frontpartie, die entfernt an den früheren Alfa Romeo 2600 Sprint mit Zagato-Karosserie erinnert, unterscheidet sich deutlich vom Original. Das Interieur ist ausgesprochen luxuriös. Dieser FF Lancia Michelotti soll für rund 36'000 Franken zu haben sein.»

Im Herbst wurde der Spider dann am Salon von Turin ausgestellt. Jetzt wurden bereits grosse Pläne geschmiedet. Die AR kommentierte: «Die Stahl- und Aluminiumpressteile sollen bei Michelotti in Italien entstehen, während die Montage in einer jetzt im Bau befindlichen neuen Halle in Morges erfolgen soll. Felber rechnet mit einer monatlichen Produktion von zwei bis drei Wagen. Eine Anzahl des neuen Spiders ist von Käufern bereits fest bestellt worden. Das Modell 1600 soll ungefähr 38'000 Franken kosten. Es wird später auch eine Hardtopversion geben. Die Motorleistung kann frei gewählt werden von 100 bis 140 PS.»

Wartungsfreundliche Grossserientechnik

Technisch entsprach der FF Lancia Spider in vielen Komponenten dem Lancia Beta. Die Vorderräder wurden von McPherson-Aufhängungen mit unteren Dreiecksquerlenkern geführt, die Hinterräder ebenfalls einzeln durch zwei parallele Querlenker. Gebremst wurde über vier Scheibenbremsen, die selbstverständlich servounterstützt waren. Der quer eingebaute Motor wies zwei obenliegende Nockenwellen auf, die über Zahnriemen angetrieben wurden, und hatte einen Leichtmetall-Zylinderkopf. Geschaltet wurde über ein Fünfganggetriebe. Der Felber FF benötigte nicht mehr Wartung und Pflege als der Serien-Beta, was einen Ölwechsel alle 10'000 km bedeutete.

Obschon zwei bis drei Wagen pro Monat nur eine Kleinserie bedeuteten, wären auf diese Weise doch immerhin 24 bis 36 Fahrzeuge pro Jahr entstanden. Wie viele es tatsächlich waren, ist heute nicht mehr klar. Bekannt sind mindestens zwei überlebende Exemplare, gesprochen wird von drei produzierten Spidern.

Felber begann sich nach den wohl nicht besonders einträglichen Eigenkonstruktionen verstärkt auf die Umarbeiten von Grossserienfahrzeugen zu konzentrieren. Die Modelle hörten auf klingende Namen wie Pascha (Buick Skylark), Excellence (Pontiac Firebird), Oasis (International Scout II) oder Rubis (Lancia/Autobianchi A112). Bereits 1984 beendete Felber die Produktion von eigenen Fahrzeugen, 1991 wurde schliesslich die Firma W.H. Felber Automobiles SA liquidiert. Der Patron verstarb im Jahr 2002.

Ein Einzelstück ohne Marotten

Das Fahren mit dem raren Felber FF Lancia Spider macht keine besondere Mühe, geht erstaunlich problemlos vonstatten. Man erhält eigentlich nie den Eindruck, dass man in einem handgearbeiteten prototypähnlichen Wagen sitzt. Die Ergonomie ist nicht schlechter als in anderen Fahrzeugen der Siebzigerjahre, und es gibt auch keine Geräusche, die einen aufschrecken würden.

Den Schlüssel gedreht, und schon röhrt der Lancia-Motor los. Man hört ihn nicht zuletzt wegen der offenen Karosserie deutlicher als zum Beispiel im Coupé, aber angesichts der gediegenen Aussprache des Vierzylinders ist dies kein Nachteil. Pedale und Schaltung funktionieren erwartungsgemäss, nur der grossgewachsene Mitteleuropäer fühlt sich etwas ausgestellt, da recht hoch sitzend. Spritzig zieht der FF los, rund 120 kg weniger wiegt er als sein Beta-Coupé-Gegenstück. Bei 100 PS fällt dieser Unterschied ins Gewicht, aber auch in Kurven fühlt sich der Felber FF Lancia ohne überflüssige Pfunde handlich an.

Besonderheiten der Kleinserie

Dass man es mit einem mehr oder weniger individuell gebauten Einzelstück zu tun hat, merkt man weniger beim Fahren als beim Stehen. Der Zugang zum Motor ist sicher nicht optimal, der Kofferraum recht knapp angelegt. Das Dach erinnert eher an eine knapp sitzende Kapuze, in die Waschanlage fahren jedenfalls sollte man nur, wenn man eine Badehose trägt. Aber wer möchte ein derart seltenes Auto schon einer Waschanlage überlassen?

Der FF Lancia gehört ja auch nicht in den Pendlerverkehr, sondern eher an den Concours d’Elégance, wo seine Formen geschätzt und seine Seltenheit bewundert wird. Eine besondere Bedeutung kommt dem gefahrenen Exemplar zu, denn es soll einige Jahre von Willy H. Felber persönlich benutzt worden sein. Wer möchte nicht einen Ferrari besitzen, den Enzo Ferrari gefahren hat? Viel günstiger kommt man wohl nur selten zu einer wohlgeformten Sonderkarosserie, aber wer weiss, vielleicht hat ja auch deshalb jemand den Braten gerochen und den porträtierten Felber FF in der Touring-Garage in Oberweningen gekauft.

Weitere Informationen, viele Bilder und eine Tonaufnahme finden sich auf www.zwischengas.com.

Erstellt: 24.12.2013, 09:47 Uhr

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