VW erhöht die Spannung

Kurz vor dem Autosalon in Paris verraten die Wolfsburger noch nicht viel zu ihrer angekündigten Studie, stellen aber klar: Diesmal meint es VW ernst mit der E-Mobilität.

Seit 2014 laufen in Wolfsburg auch E-Fahrzeuge vom Band – bislang auf Basis konventioneller Modelle wie dem VW Golf. Foto: VW

Seit 2014 laufen in Wolfsburg auch E-Fahrzeuge vom Band – bislang auf Basis konventioneller Modelle wie dem VW Golf. Foto: VW

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Wolfsburg ist nur ein Teil eines grossen Ganzen, das weltweit 119 Fertigungsstätten umfasst, doch das Gelände ist so gross wie Gibraltar. Allein auf der bebauten Fläche liesse sich das Fürstentum Monaco unterbringen. Täglich verlassen so viele Golf, Tiguan und Touran die Werkshallen, wie in der Schweiz in einem Vierteljahr neu immatrikuliert werden. Vor allem ist inzwischen fast jedes siebte Modell elektrisch.

Seit 2014 liefen mehr als 60'000 Exemplare des E-Golf und Plug-in-Hybrids Golf GTE vom Band – dank der modularen Produktionsmatrix sogar auf derselben Fertigungslinie wie die Verbrenner, um sich flexibel den Marktbedürfnissen anzupassen. Entsprechend werden auch der Passat GTE und der E-Up in den Werken Emden und Bratislava hergestellt. Bis Ende 2016 sollen damit über 100'000 VW mit Steckdosenanschluss produziert worden sein. Überdies konnte das 2010 formulierte Ziel, bis 2018 um 25 Prozent ökologischer zu produzieren, jetzt schon erreicht werden.

Die nächste Revolution

So zumindest steht es in den handgeschriebenen Notizen zum Presseanlass, der kürzlich in Wolfsburg stattfand. Und dort steht noch mehr, das der landläufigen Meinung widersprechen möchte, VW habe die E-Mobilität bislang vernachlässigt und sich lieber um Softwaremanipulationen gekümmert. Noch mehr als das Handgeschriebene sagt allerdings das während des Vortrags von Marketing- und Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann Handgezeichnete.

Denn es gibt – freilich ohne künstlerischen Anspruch – ein Präsentationschart wieder, auf dem der massenmobilisierende Käfer hinter dem Golf-Klasse begründenden Nachfolger steht. Und der wiederum steht vor – nun, keine Ahnung – einem weissen Tuch, unter dem sich ein weiteres Kompaktmodell abzeichnet. Stackmann will nicht mehr darüber verraten, als dass es sich um eine Elektrostudie handelt, die auf dem Pariser Autosalon nächste Woche enthüllt wird, doch die handgekritzelte Zeichnung sagt: VW sieht darin nichts weniger als die nächste automobile Revolution.

Teaserbild der Pariser Elektrostudie. Foto: VW

Das Timing genau ein Jahr nach Ausbruch des Abgasskandals ist natürlich kein Zufall. Von einem «Katalysator» ist die Rede. Davon, dass die Affäre die Entwicklung beschleunigt habe. «Aber wir glauben, die Kunden sind jetzt bereit dafür », hält Stackmann fest. So soll es bei der in Paris gezeigten Studie weder beim Show- noch Einzelstück bleiben. 2019 könnte der Kompaktstromer in Serie gehen, und bis 2025 sind konzernweit 30 neue E-Modelle geplant, die mit jährlich zwei bis drei Millionen gut ein Viertel des gesamten Absatzes ausmachen sollen. VW, so Stackmann, sehe sich in der E-Mobilität nicht als Nischenhersteller, sondern grosser Player – als «die führende Marke der Zukunft» schlechthin.

Bis 600 Kilometer Reichweite

Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Erarbeitung einer flexiblen, auch von anderen Konzernmarken nutzbaren Plattform, die unter dem Begriff Modularer Elektrifizierungsbaukasten (MEB) kompromisslos für die Herstellung reiner E-Fahrzeuge genutzt wird. Die Batterietechnologie in bestehende Architekturen zu zwängen, ist damit Geschichte: Wie bei Tesla gehört der Raum zwischen den Achsen den Akkus, um für eine bessere Raumausbeutung zu sorgen. Ein E-Auto mit den Abmessungen eines Golf könnte damit die Platzverhältnisse eines Passat erreichen.

Ob der Konzern dereinst eine eigene Batteriefabrik in Betrieb nimmt, um die Abhängigkeit von den asiatischen Produzenten zu verlieren, wurde noch nicht entschieden. Ambitioniert sind aber allein schon die Reichweitenziele, die Christian Senger, Leiter der Baureihe E-Mobility, mit 400 bis 600 Kilometern beziffert. «Das sind Reichweiten, bei denen die Käufer keinen Plug-in-Hybrid mehr in Erwägung ziehen», betont er. Darüber hinaus sollen die Autos der Zukunft Teil eines vernetzten Ökosystems mit 24-Stunden-Verbindung zum Internet sein, um für ein «ganz neues User-Erlebnis» zu sorgen. Was die Ladezeiten angeht: Derzeit wird an einem Projekt gearbeitet, um Batterien innert 15 Minuten zu 80 Prozent laden zu können.

Milliarden für die Zukunft

Bis es soweit ist, rollen in Wolfsburg noch viele Golf, Tiguan und Touran vom Band. Immerhin versprechen die elektrischen darunter künftig mehr Reichweite: Der E-Golf erhält nächstes Jahr ein Batterie-Update, um 300 statt 190 Kilometer weit stromern zu können. Ob damit auch die – 100'000 VW mit Steckdosenanschluss hin oder her – weltweit verhaltene Nachfrage nach E-Autos steigt, gilt abzuwarten. Wenn es nach Senger geht, dienten die bisherigen Schritte in Richtung null Emissionen aber ohnehin nur der Vorbereitung des Marktes. Entscheidend sei, was die Zukunftsinvestitionen im zweistelligen Milliardenbereich ab 2019 ergäben. Senger erinnert noch einmal an das Bild mit dem Käfer, dem Golf und dem weissen Tuch. «Es gibt keinen Grund, weshalb wir so etwas nicht noch einmal schaffen könnten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2016, 17:41 Uhr

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