Früherkennung des Stinkefingers

Können neue elektronische Fahrassistenten im Auto die Sicherheit von Velofahrern verbessern?

Velofahrer haben es im Alltagsverkehr besonders schwer: Neuer Fahrradstreifen an der Zürcher Langstrasse. Foto: Thomas Egli

Velofahrer haben es im Alltagsverkehr besonders schwer: Neuer Fahrradstreifen an der Zürcher Langstrasse. Foto: Thomas Egli

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Das System war so einfach wie effektiv. Eine orangerote, am Gepäckträger montierte Kelle, die man Richtung Fahrbahn ausklappen konnte. «Bleib mir vom Leib – Abstand halten», signalisierte sie den Autofahrern, wenn sich vor 30 Jahren Schulkinder mit dem Velo auf den Weg machten.

Seit den 80er-Jahren hat sich einiges geändert im Zusammenleben von Auto- und Fahrradfahrern auf öffentlichen Strassen. Die Verkehrsdichte ist weitaus höher bei inzwischen rund 6 Millionen in der Schweiz zugelassenen Motorfahrzeugen. Personenwagen wurden mit jedem Modellwechsel breiter und nehmen so mehr Raum auf den Fahrbahnen ein. Gleichzeitig wurden vor allem in Innenstädten die Verkehrsflächen für den Motorverkehr reduziert und das Velowegenetz ausgebaut. Und schliesslich erfordert die wachsende Zahl von Elektrobikes mehr Wachsamkeit von Autofahrern, weil sie mit höheren Geschwindigkeiten als bei gewöhnlichen Velos konfrontiert werden.

Geblieben ist aber das Gefahrenpotenzial im Miteinander von Autos und Velos im Strassenverkehr. Insgesamt sinken die Unfallzahlen: Laut Road Cross Schweiz haben 2016 so wenige Menschen wie noch nie seit 1945 in Verkehrsunfällen ihr Leben gelassen. Gleichzeitig stieg aber die Zahl der verunfallten Fahrradfahrer. Allein in der Stadt Zürich verunglückten 2016 460 Personen mit dem Fahrrad, was einem Plus von 42 Prozent gegenüber dem Schnitt der fünf vorhergehenden Jahre entspricht. Schweizweit zählte das Bundesamt für Strassen im letzten Jahr 4048 verunfallte Velofahrer.

Hilfreiche Assistenzsysteme

Ein guter Teil des Rückgangs der Opferzahlen im Strassenverkehr insgesamt dürfte auf das Konto moderner Assistenzsysteme in Autos gehen. In den letzten Jahren ist ihre Zahl deutlich gestiegen: Adaptive Tempomaten halten automatisch Abstand zum Vordermann, Kameras lesen Tempolimitschilder und warnen bei Überschreitung oder schauen in die toten Winkel neben dem Auto und melden sich, wenn dort ein Objekt unterwegs ist. Spurhalteassistent, Querverkehrswarner, dazu Notbremsassistenten, die das Vorfeld des Autos per Radar überwachen und unter Tempo 30 mit einer automatischen Notbremse verhindern können.

Bis hinunter ins Segment der Kleinwagen sind diese Systeme durch die Modellpaletten diffundiert. Und auch Velofahrer profitieren von ihnen. Vor allem vom Querverkehrswarner, der beim rückwärts Ausparkieren meldet, wenn ein Objekt den Fahrweg kreuzt, oder vom Totwinkelwarner, der sie beim Stopp an der roten Ampel neben dem Auto aufspürt und per Lampe im entsprechenden Aussenspiegel meldet. Speziell auf die Begegnung mit Velofahrern sind diese Systeme aber nicht zugeschnitten – sieht man einmal von Audis im aktuellen Q5 lanciertem Ausstiegs­assistenten ab, der die Insassen beim Türenöffnen vor von hinten herannahenden Velos oder Autos warnen soll.

Doch die Fahrradfahrer scheinen mehr ins Bewusstsein der Autoindustrie zu dringen. Zulieferer Bosch zeigte an der Consumer Electronics Show in Las Vegas im Januar ein Concept-Fahrzeug, das per Vernetzung permanent mit Velos im Umfeld Informationen über Position und Fahrtrichtung austauschen kann, um das Kollisionsrisiko zu senken. Das 2015 gezeigte Mercedes-Konzept F 015 kommuniziert über eine LED-Matrix im Frontgrill mit dem Umfeld und kann so signalisieren, dass es beispielsweise einem Velo Vortritt gewährt.

Der britische Autobauer Jaguar Land Rover schliesslich hat 2015 mit Bike Sense den Prototyp eines auf Velofahrer zugeschnittenen Auto-Assistenz­systems vorgestellt. Digitale Kameras überwachen das Umfeld des Autos und schlagen Alarm, wenn sich ein Zweirad ­nähert. Mit Fahrradklingeln oder Töffhupenton, vibrierenden Türgriffen und einem Tippen auf die Schulter des Fahrers, um alle Sinne anzusprechen und möglichst schnell wahrgenommen zu werden. Und um eben auch eindeutig auf die Art der Gefahr hinzuweisen, ohne dass der Fahrer die Warnung noch lange interpretieren muss. Das akustische Signal ertönt aus dem Lautsprecher, der der Richtung entspricht, aus der sich das Velo oder das Motorrad nähert. Bike Sense identifiziert laut Wolfgang Epple, Technikvorstand bei Jaguar Land Rover, Fussgänger und Radfahrer auch dann, wenn sie aus der Fahrerperspektive noch durch parkierende Autos verdeckt werden.

Nur schwer zu erkennen

Serieneinsatz des Systems? Noch offen. Aber spätestens mit der Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge wird man solche Sensorik zur Erkennung von Fahrradfahrern einbauen müssen. Gerade die Velo-Erkennung ist aber relativ aufwendig: Die künstliche Intelligenz der Bordelektronik muss vorab in langwierigen Prozessen erst lernen, Fahrradfahrer von Fussgängern, Autos oder statischen Objekten zu unterscheiden und ihre Bewegungen vorauszuahnen. Fussgänger sind vergleichsweise langsam und eindeutig, Velos hingegen bewegen sich schnell, erfordern unmittelbares Reagieren auf eine mögliche Gefahrensituation und haben als Liegeräder oder mit Veloanhänger unterschiedliche Erscheinungsformen, die das System erkennen können muss.

Die Ausrüstung von Fahrrädern mit Assistenzsystemen steckt dagegen noch in den Kinderschuhen. Das Zürcher Start-up Velohub hat beispielsweise eine Lichteinheit mit Blinkern und Bremsleuchte entwickelt, die die Fahrtrichtungsanzeige eindeutig machen soll. Aber Umfeldüberwachung per ­Radar oder ähnliche, denen im Auto entsprechende Systeme sind noch in weiter Ferne.

Den wichtigsten Fahrassistenten indes bringt jeder Fahrer selbst mit: einen Kopf und Augen für einen prüfenden Schulterblick vor dem Abbiegen oder dem Einparkieren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2017, 20:55 Uhr

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