So fährt sich der 1224 PS starke Elektro-Sportwagen

Die Beschleunigung ist so extrem, wie auf einer Achterbahn: Unterwegs als Beifahrer im Rimac Concept One aus Kroatien.

Rimac Concept One: Wer damit fahren will, sollte schwindelfrei sein. Foto: PD

Rimac Concept One: Wer damit fahren will, sollte schwindelfrei sein. Foto: PD

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Krešimir stellt sich mit seinem Spitznamen vor: «Crash». Wie bitte? Doch, doch, richtig gehört: «Crash». Das habe aber nur was mit dem Vornamen zu tun und rein gar nichts mit seinem Fahrstil, beteuert er und lächelt. Das kann ja lustig werden: eine Testfahrt mit dem elektrischen Supersport­wagen Rimac Concept One – Höchst­geschwindigkeit 355, von 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden – und der Chauffeur heisst «Crash». Soll man da jetzt wirklich einsteigen?

Immerhin: Es ist nicht Krešimirs erste Ausfahrt mit dem (fast) lautlosen Renner. Regelmässig pilotiert er potenzielle Käufer oder Journalisten durch das Hinterland von Zagreb in Kroatien. Eine eigenhän­dige Probefahrt am Steuer des Ein-Millionen-Euro-Flitzers? Die gibt es nur für Kunden, die eine 10-Prozent-Anzahlung leisten. Also 100'000 Euro auf den Tisch legen. Und selbst die Privilegierten dürfen nur auf einer abgesperrten Strecke ans Steuer. Denn mit dem Concept One muss man umgehen können: Der Zweisitzer hat 1224 PS, bei Tempo 355 wird die Höchstgeschwindigkeit abgeregelt. Wegen der Reichweite und der Sicherheit.

Eines von insgesamt nur acht Exemplaren ging bereits in Flammen auf: Der englische TV-Testpilot Richard Hammond (vormals «Top Gear», jetzt «The Grand Tour») raste bei einem TV-Dreh am Bergrennen Hemberg SG über eine Böschung. Bilanz nach dem Abflug und mehreren Überschlägen: ein gebrochenes Knie und Totalschaden.

Also einsteigen. Aber wo ist der Türgriff? Freundlich lächelnd zeigt Krešimir den Knopf an der Unterseite des Aussenspiegels. Einmal drücken, dann springt die Tür auf. «Einsteigen» ist definitiv das falsche Wort. Es ist eine Mischung aus Reinklettern und Reinquetschen. Einmal drin, sitzt es sich in den Rennsitzen einigermassen komfortabel. Im Innern des Zweisitzers fällt auf: Einen Innenrückspiegel hat er nicht. Und auch keine Fondscheibe. «Dieses Auto ist nicht zum Rückwärtsfahren gemacht», sagt Krešimir. Rückwärts einparken ist ein Kunststück, denn die windschnittig-tropfenförmigen Aussenspiegel sind winzig, und piepsende Einparkassistenten gibt es nicht.

Jetzt klingt er wie ein schallgedämpfter Staubsauger

«Crash» schafft es, den Flitzer unfallfrei aus der engen Werkstatt zu rangieren. Die Autobahn ist nicht weit von Sveta Nedelja, dem Vorort von Zagreb, in dem sich die acht Jahre junge Manufaktur befindet. Auf dem Weg aus dem Gewerbegebiet zeigt der Wagen gleich: Die Federung hat bei Rimac nicht oberste Priorität. Das würde nur Gewicht bringen und die Beschleunigung hemmen. Die Beschleunigung ist so extrem, dass schon zwischen Werksgelände und dem ersten Kreisverkehr klar ist: Wer eine Fahrt in diesem Auto geniessen will, braucht einen Kopf und einen Magen, die Achterbahnfahrten mögen. Auf dem Beschleunigungsstreifen zur Autobahn schnurrt das Einganggetriebe schnörkellos auf 130 hoch. Jetzt klingt der Wagen wie ein aufgemotzter, aber schallgedämpfter Staubsauger.

Wenn «Crash» gerade nicht am Steuer sitzt, arbeitet er bei Rimac als Vertriebsleiter. Deshalb kann er nicht nur Gas geben, sondern auch Geschichten erzählen. Die digitale Tachoanzeige zeigt 130, da spricht Krešimir davon, dass die Beschleunigung bei Elektroautos ohne Verzögerung kommt. Dann drückte er das Pedal, der Hals knackst, der Rimac hüpft von 130 auf 230. Dass das Tempolimit auf Kroatiens Autobahnen bei 130 km/h liegt, kümmert «Crash» im Moment weniger. Der Beifahrer reibt sich noch das Genick, da betont Krešimir, heute fahre er wirklich «like a gentleman». Schliesslich sei das ein Kundenauto, das könne man nicht bis zum Anschlag treiben. Sein Chef, Firmengründer Mate Rimac sei da «viel gnadenloser».

Keiner beschleunigt schneller: Der Rimac Concept Two ist das Nachfolgermodell des Concept One. Foto: PD

Das gilt auch für das nächste Modell aus dem Hause Rimac. Der Concept Two hat 1900 PS und 412 km/h Topspeed. Von 0 auf 100 beschleunigt er in 1,97 Sekunden und von 0 auf 300 in 11,8 Sekunden. Damit gilt der Concept Two als das am schnellsten beschleunigende Auto der Welt. Es lässt also auch Turbos wie Ferraris und Bugattis hinter sich. Der Wahnwitz hat seinen Preis: Wer eines der 150 Exemplare haben will, muss 1,79 Millionen Euro investieren. 2020 sollen die Stromschleudern mit Flügeltüren auf die Strasse rollen. Derzeit laufen die Crashtests, die für die Zulassung nötig sind.

Man muss ihn sehen, denn hören tut man ihn nicht

Der vergleichsweise lahme Concept One surrt nun runter von der Autobahn. Rauf auf eine kurvige Landstrasse. Nicht existente Federung hin oder her, die Strassen­lage lässt keine Wünsche übrig. Das hofft der Beifahrer jedenfalls angesichts des Tempos, mit dem «Crash» sich in die engen Kurven stürzt. Wenn jetzt ein dicker LKW ums Eck käme, überlege ich. Und schon kommt ein dicker LKW ums Eck. Der rechte Fuss stemmt sich reflexartig nach unten, obwohl da auf der Beifahrerseite weit und breit kein Bremspedal ist. Jetzt schepperts. Schepperts jetzt? Nein, der Rimac hat eben nicht nur eine wahnsinnige Beschleunigung, sondern eine ebensolche Bremse mit Scheiben aus Carbonkeramik. Dass man dabei auch noch Energie zurückgewinnt, das kümmert mich jetzt gerade überhaupt nicht.

Angetrieben werden die vier Räder des Concept Two von jeweils einem flüssigkeitsgekühlten Elektromotor. Der Fahrer kann auf einem iPad-grossen Touchscreen auf der Mittelkonsole einstellen, welchen Modus er gerne hätte: Sport, Race, Custom oder Range. Range steht für Reichweite; laut Hersteller fährt der Concept One «bis zu 350 Kilometer» weit. Der Concept Two soll sogar 550 Kilometer Reichweite schaffen. Für beide Angaben gilt: Dazu muss der Fahrstil noch viel mehr gentlemanlike sein als bei «Crash».

Am Ende der Testfahrt parkt Krešimir den Wagen neben einem älteren Renault. Bei genauem Hinsehen sind die nachträglich montierten Kameras sowie Radar- und Lidar-Sensoren erkennbar. Bei Rimac basteln sie auch am Autopiloten, verrät Krešimir, der Concept Two werde bereits für (vollautomatisiertes) Level-4-Fahren vorbereitet. Die ersten ausgelieferten Modelle werden das noch nicht können, aber später soll der Autopilot dann aufgespielt werden.

Egal ob mit oder ohne Autopilot: Der Concept One und der Concept Two von Rimac gehören zu jenen Autos, die gefahren werden, um bewundernde Blicke von Passanten einzuheimsen. Sie wollen eben etwas Besonderes sein. Weil sie allen davonfahren und das auch noch rein elektrisch, strahlen sie zusätzlich den Reiz des Neuen, Avantgardistischen aus.

Doch eines müssen die nach Aufmerksamkeit lechzenden Käufer wissen: Der Rimac fällt – im Gegensatz zu den Ferraris und Bugattis – nur dann auf, wenn er auch wirklich gesehen wird. Aufgrund des Motorengeräuschs dreht sich in den Dörfern rund um Sveta Nedelja keiner um. Dazu ist er schlicht zu leise.



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Erstellt: 02.09.2019, 11:38 Uhr

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