Raumfahrt für jedermann

Mit dem Future Bus macht Mercedes-Benz den Stadtbus zum Spaceshuttle.

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Mürrische Busfahrer, gammelige Sitze, endlose Verspätungen und ein ruppiger Fahrstil: Was heute vielen Städtern die Lust am Busfahren verdirbt, ist vielleicht bald Vergangenheit. Das jedenfalls ist die Vision, mit der Mercedes-Benz jetzt den sogenannten Future Bus auf die Räder gestellt hat: Gezeichnet fast wie ein Raumschiff auf Rädern, wird der Fahrgastraumin der Vision der Mercedes-Designer nicht nur zum Fahrgast-Traum, der im Zentrum mit einer Expresszone und im hinteren Bereich mit einer Lounge für längere Fahrten, Parkatmosphäre und zeitgemässem Infotainment lockt, sondern mit seinem neuen City- Piloten macht er gleich auch noch den Fahrer überflüssig. Oder zeigt zumindest auf, dass der oftmals gestresst wirkende Mitarbeiter am grossen Lenkrad irgendwann einmal überflüssig werden könnte. «Mit unserem Highway-Piloten haben wir ja schon vor knapp zwei Jahren gezeigt: autonomes Fahren wird den LKW-Fernverkehr effizienter und sicherer machen. Jetzt bringen wir diese Technologie als City-Pilot in unsere Stadtbusse», freut sich Bereichsvorstand Wolfgang Bernhard über die neuste Entwicklung. «Das macht den öffentlichen Nahverkehr effizienter, sicherer und leistungsfähiger: mehr Menschen können schnell, pünktlich und komfortabel von A nach B kommen. Busbetreiber, Busfahrer, Fahrgäste – alle profitieren.»

Lounge, Bänke und TV

Während die Passagiere hinten in Lounges auf bunt verteilten Bänken reisen oder sich an Stangen festhalten, die wie Bäume im Park zu dem von einem Blätterdach inspirierten Himmel wachsen, und sich von zwei 43-Zoll-Bildschirmen informieren oder unterhalten lassen, sitzt der Fahrer vorne hinter der riesigen Frontscheibe in einem radikal reduzierten Cockpit, legt die Hände in den Schoss, hält die Füsse still und lässt die Arbeit den City-Piloten machen. So jedenfalls wurde es erklärt. Das System basiert auf dem Highway- Piloten, den Mercedes vor zwei Jahren in einem Actros-Prototypen vorgestellt hat und mittlerweile auch auf der deutschen Autobahn erprobt. Allerdings hat Kollege Computer schon wieder dazugelernt, kann jetzt auch Fussgänger und andere Hindernisse erkennen, sich mit den Ampeln vernetzen und seine Umgebung so präzise erfassen, dass er auf den Zentimeter genau und ohne das Zutun eines Fahrers an die Haltestelle fährt. Dafür nutzt der von einem 299 PS starken Diesel angetriebene Bus auf Basis des Mercedes-Benz Citaro – der auch mit einer Erdgas-Turbine oder ab dem Jahr 2018 elektrisch fahren könnte –, zehn hochwertige Kameras und zahlreiche Radarsensoren, die ihn bei der Spurführung tatkräftig unterstützen. Der Future Bus wählt sein Tempo so, dass er möglichst lange auf der Grünen Welle schwimmt, bleibt bis auf 20 Zentimeter genau auf der Mitte seiner Fahrspur und hält immer exakt fünf Zentimeter Abstand zum Trottoirrand, sodass man durch die beiden in die Mitte gerückten Türen mit der elektronisch gesteuerten Einbahnregelung bequem einsteigen kann, ohne dass im Gegenzug die Reifen unter dem Kontakt mit der Bordsteinkante leiden.

Mit 70 Stundenkilometern

Zwar haben die Stuttgarter all das schon seit Wochen und Monaten erfolgreich auf abgesperrten Testgeländen erprobt, doch jetzt bekommt der Future Bus seine Feuertaufe im echten Leben: Denn rund zwei Monate vor der Publikumspremiere auf der Nutzfahrzeug-IAA in Hannover geht der futuristische Bus in Holland zu Testzwecken in den offiziellen Liniendienst. Auf der Linie 300 zwischen dem Amsterdamer Flughafen Schiphol und der Stadt Haarlem muss sich die ausgeklügelte Theorie nun auch auf einem 20 Kilometer langen Abschnitt in der oft so unberechenbaren Praxis beweisen. Mit bis zu 70 Stundenkilometern chauffiert der City-Pilot den eleganten Riesen deshalb über Schnellstrassen und Ortsdurchfahrten, über Ampelkreuzungen und Brücken, und laut Bernhard «traut er sich auf seiner Teststrecke sogar in ein paar Tunnel ohne GPS-Signal».

Tickets auf dem Smartphone

Während der Computer im Future Bus dabei laufend Höchstleistungen erbringen muss, ist zwar weiterhin die Aufmerksamkeit des Fahrers gefordert, weil er immer die letzte Instanz ist und im Notfall eingreifen muss. Denn mit Rücksicht auf die nicht angeschnallten oder stehenden Passagiere verweigert die Elektronik zum Beispiel eine Vollbremsung. Doch solange alles nach Plan läuft, ist auch der Fahrer nur ein besserer Passagier, der nicht einmal mehr Tickets ober Abonnemente verkaufen oder kontrollieren muss. Denn das Ticket für den eleganten Spaceshuttle auf Rädern löst man selbstverständlich online, speichert es auf dem Smartphone und sendet es beim Betreten automatisch an den Bus. Das sollten doch Aussichten sein, die selbst dem mürrischsten Busfahrer ein Lächeln entlocken.

Der Future Bus ist ab sofort in Amsterdamautonomunterwegs: Der Fahrer bleibt an Bord, aber nur noch als «letzte Instanz».

Erstellt: 18.07.2016, 13:32 Uhr

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