Sein Auftritt war immer «grande casino»

Am Genfer Auto-Salon wird der 70. Geburtstag der Automarke und Tuningfirma Abarth gefeiert. Ihr Gründer, Carlo Abarth, war schon zu Lebzeiten eine Legende.

Abarth Simca 1300: «Er hatte immer die schönsten Autos», sagten Rennfahrer über Carlo Abarth. Foto: PD

Abarth Simca 1300: «Er hatte immer die schönsten Autos», sagten Rennfahrer über Carlo Abarth. Foto: PD

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Im Sommer 1965 setzte sich Carlo Abarth selber auf Diät. Der Österreicher, sonst den weltlichen Genüssen nicht abgeneigt und immer in massgeschneiderten Anzügen unterwegs, hatte sich zum Ziel gesetzt, in das Cockpit eines von ihm konstruierten Formel-2-Rennwagens zu passen: Mit 57 wollte er es den Jungspunden noch einmal so richtig zeigen. Zwar hatte Abarth, am 15. November 1908 als Karl in Wien geboren und im Zweiten Weltkrieg nach Italien ausgewandert, keine Karriere im Auto-Rennsport gemacht (als Rad- und Motorrad-Rennfahrer hingegen schon), doch er wusste immer alles besser. Gerne stand er an der Rennstrecke und dirigierte seine Piloten wie Karajan seine Philharmoniker über den Kurs; einmal liess er in einer Kurve Zeitungen auslegen und hiess den Fahrer, sie immer genau in der Mitte zu überfahren.

Tatsächlich konnte er in jenem Sommer 1965 stolze 30 Kilo abnehmen – und tatsächlich fuhr er im Oktober 1965 zwei internationale Rekorde. Zwei von den insgesamt 113, die seine Marke zwischen 1957 und 1971 erringen konnte. Dazu kamen für Abarth in knapp 15 Jahren Renntätigkeit über 7000 Rennsiege, acht Europa- sowie sechs Weltmeisterschaften. Wohl auch deshalb wurde er «der Magier» genannt.

Begonnen hatte alles mit einem Konkurs: Carlo Abarth hatte nach dem Zweiten Weltkrieg bei Cisitalia gearbeitet. Das ging nicht lange gut, die junge Automarke kam in Geldnot, der Besitzer Piero Dusio wanderte nach Argentinien aus – Abarth übernahm die Konkursmasse. Mithilfe der Familie Scagliarini gründete er am 15. April 1949 seine eigene Firma, die ihren ersten Sitz noch in Bologna hatte, aber wenige Wochen später an die Via Trecate 10 in Turin umzog. Schon damals gab es zwei Sparten, einmal die Squadra Abarth, die sich um den Rennsport kümmerte, ausserdem die Abteilung, die Auspuffanlagen und Ansaugkrümmer herstellte. Diese «Zauberröhren» bildeten immer das Rückgrat der Unternehmungen von Abarth. 1955 konnten 92 119 Auspuffanlagen abgesetzt werden, in den 60er-Jahren bauten über 400 Mitarbeiter mehr als 300 000 Exemplare pro Jahr. Schon damals zeigte sich, dass Abarth auch ein Marketinggenie war: Er liess seine auch optisch sehr schönen Töpfe nicht nur über Autowerkstätten vertreiben, sondern stellte sie auch in Modeboutiquen aus.

Lukrativer Vertrag mit Fiat

Nachdem Abarth bis Mitte der 50er-Jahre sich vor allem mit Kleinserien und Einzelstücken (unter anderem auch für Ferrari und Alfa Romeo) einen Namen hatte machen können, bedeutete die Vorstellung des Fiat 600 auf dem Genfer Salon im März 1955 die grosse Wende. Dieser kleine Wagen, ein weiterer Geniestreich von Fiat-Konstrukteur Dante Giacosa, sollte für die nächsten mehr als 15 Jahre die Grundlage aller Rennsport-Aktivitäten von Abarth werden – und bescherte Abarth 1958 einen ausgezeichneten Vertrag mit Fiat, der alle Siege, die mit Fiat-Produkten erzielt werden konnten, mit einem namhaften Betrag (je nach Bedeutung der Veranstaltung) belohnte. Es heisst, Carlo Abarth habe jeweils am Montag ausgerechnet, wie viele Siege seine Fahrzeuge am Wochenende eingefahren hatten, um dann gleich die Rechnung an Fiat zu schicken.

Ein Skorpion war auch sein Firmenlogo: Abarth 1960 im Böro. Foto: PD

Carlo Abarth war ein aussergewöhnlicher Mann. «Ein irrer Typ war das», beschrieb ihn Werksfahrer Kurt Ahrens später, «das war einfach immer ‹grande casino›». Der Journalist Eckhard Schimpf wurde etwas deutlicher: «Nobler als Carlo Abarth mit seinem akkuraten Mittelscheitel war im Fahrerlager keiner. In der lärmenden Motorsportwelt der 60er-Jahre wirkte der stattliche Snob mit seinen gelben Lederhandschuhen wie ein Pfau im Hühnerhof.» Rennfahrerkollege Dieter Quester: «Der Mann besass eine derartige Autorität, dass man sich nicht den geringsten Scherz erlauben durfte. Ich hatte immer das Gefühl, bei Abarth-Einsätzen nicht unter Leistungsdruck zu stehen, sondern vielmehr unter Erziehungsdruck.» Doch Quester sagte auch: «Er hatte immer die schönsten Autos.»

Zwar waren seine Rennwagen Anfang der 70er-Jahre weiterhin erfolgreich, doch Fiat wollte aussteigen – und vor allem nicht mehr für die Rennsiege bezahlen. Die Verhandlungen von Carlo Abarth mit Fiat über den Verkauf seiner Marke liefen dann aber gar nicht so, wie er das erwartet hatte. Fiat drückte enorm auf den Preis mit der Begründung, man brauche ja keine Rennabteilung. Über den genauen Betrag wurde Stillschweigen vereinbart. Das enttäuschte Carlo Abarth derart, dass er sämtliches Rennmaterial an seinen Rennfahrer Vincenzo Osella verschenkte. Als Fiat nach den Sommerferien 1971 in den Corso Marche einzog, waren die ehemaligen Abarth-Hallen komplett leer. Osella gewann mit dem Abarth-Material 1972 den Marken-WM-Titel in der 2-Liter-Klasse sowie die hoch angesehene italienische Tourenwagen-Meisterschaft.

Carlo Abarth verstarb am 24. Oktober 1979 in den Armen seiner dritten Frau Annelies in der Nähe von Wien an Krebs.

Erstellt: 28.02.2019, 11:00 Uhr

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