Kult-Autos

Wie der Capri die Konkurrenz abhängte

Der Ford stahl bei seiner offiziellen Vorstellung am Auto-Salon allen die Show – und wurde zum Trendsetter. Das Auto galt als praktisch, individuell und war ein Blickfang.

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Der Ford Mustang hatte den Weg geebnet. Junge Leute mit und ohne Familienanhang wünschten sich gegen Ende der Sechzigerjahre ein praktisches und dennoch individuelles und hübsch anzuschauendes Fahrzeug.

Marketing im «Driver Seat»

Das war nicht nur in Amerika so, sondern noch viel mehr in Europa. Die Marketing-Leute von Ford übernahmen die Führungsrolle und erstellten um die Mitte der 60er Jahre ein Pflichtenheft, das sich etwa wie folgt las: Es soll ein Auto mit sportlicher Karosserie im Stile eines Sportcoupés gebaut werden, dessen komfortables Interieur viel Platz für vier Erwachsene aufweist, das günstig gefertigt und zu attraktiven Preisen verkauft werden kann und viele Individualisierungsmöglichkeiten bezüglich Motoren und Ausstattungsvarianten zulässt.

Die Ingenieure machten sich an die Arbeit und trafen ins Schwarze. 1968 wurde erstmals ein Erlkönig gesichert und sorgte für verfrühte Publicity, 1969 am Autosalon von Brüssel wurde der Ford Capri dann offiziell vorgestellt und schlug wie eine Bombe ein.

Marketing und Kommunikation wie aus dem Schulbuch

Mit abgeschlossener Produktgestaltung wandten sich die Marketing-Leute der Kommunikation zu und kreierten Slogan um Slogan, mit denen sie ab 22. Januar 1969 in hoher Kadenz die Medien bearbeiteten:

  • Ford Capri, ein Auto, dem man nachschaut
  • Ford Capri, der Wagen aus einem Guss
  • Ford Capri, ein aussergewöhnliches Auto für einen gewöhnlichen Markt
  • Ford Capri, für Sport und Familie - ein neuer Wagen mit neuem Geist
  • Ford Capri, Schnellzug ohne Zuschlag - aussergewöhnlich, sportlich, sensationell im Preis
  • Ford Capri und noch mehr Sicherheit
  • Schneller Rücken aus Köln - Ford Capri - Fastback-Coupé mit sportlicher Prägung

Kommunikationstechnisch überliess man nichts dem Zufall und der Erfolg gab den Marketing-Leuten recht.

Individualisierung und Verkaufserfolg

Was heute üblich ist, musste vor über 40 Jahren zuerst erfunden werden, eine Baureihe mit immerhin zwölf Motorisierungsvarianten, verschiedenen Ausstattungspaketen und zusätzlichen individuellen Optionen. Verbunden mit einer schmucken, modernen Linienführung und einer robusten und anspruchsvollen Technik wurde der Capri sofort zum Verkaufsschlager.

In den ersten fünf Jahren wurden bereits rund eine Million Fahrzeuge verkauft, die Nische wurde zum Trend, die Konkurrenten mussten nachziehen.

Nicht konkurrenzlos, aber in der Summe der Eigenschaften besser

Natürlich war der Ford Capri nicht das einzige Familiencoupé im Markt. Aber entweder orientierten sich die Konkurrenten wie das Opel Kadett Coupé oder das Daf 55 Coupé zu sehr an den Limousinen-Verwandten, oder die einzugehenden Kompromisse bezüglich Komfort oder Platzverhältnisse waren zu gross, wie beim Fiat 850 Coupé oder beim Opel GT. Der Ford Capri konnte, insbesondere in der Basisvariante, zudem zu einem äusserst attraktiven Preis angeboten werden, was Kaufentscheidungen bei den Kunden, die ein individuelles, hübsches und trotzdem breit nutzbares Fahrzeug wolten, vereinfachte.

Simple Grundkonstruktion

Der Fokus bei der Entwicklung des Capris galt dem Design, die Technik sollte einfach und anspruchslos sein. Die selbsttragende Ganzstahlkarosserie beherbergte daher Grosserienmotoren mit vier und sechs Zylindern, vorne kamen einzeln an McPherson-Federbeinen aufgehängte Räder zum Einsatz, hinten tat eine Starrachse mit Halbelliptikblattfedern ihren Dienst. Vier vollsynchronisierte Gänge mussten zu Beginn genügen, ein Automatikgetriebe von Borg-Warner wurde als Alternative angeboten.

Positives Fazit in der Fachpresse

Die Zeitungs- und Magazin-Landschaft berichtete breit über den Neuankömmling, die ersten Tests erschienen schon bald und bis alle Varianten durchgetestet waren, dauerte es eine Weile. Die «Automobil Revue» wollte es besonders genau wissen und nahm gleich fünf Varianten in ihr Langstreckentestprogramm auf und zog ein weitgehend positives Fazit, wenngleich auch einige Mängel entdeckt wurden. Immerhin verlief die Testfahrt über 16'000 Kilometer Gesamtfahrleistung pannenfrei und die «Automobil Revue» rühmte insbesondere den geringen Durst der Capri-Modelle und lobte auch Fahrverhalten und -komfort auf guten Strassen. Weniger begeistert zeigten sich die Tester von der Fertigungsqualität der in England hergestellten Coupés, von den brummigen Motoren und teilweise von den Fahrleistungen.

Auch «Auto Motor und Sport» reihte einen Capri-Test an den anderen. 1969 aber legte man den Balken für die Medienkonkurrenz höher und veranstaltete einen gross angelegten Vergleichstest von fünf Sportwagen. Über 22 Seiten und zwei Hefte hinweg wurde der Ford Capri 2300 R mit den durchaus ernstzunehmenden Sportwagen Alfa Romeo GT Junior, Fiat 124 Sport, Ford Capri 2300 R, Opel GT 1900 und Triumph GT 6 MK II verglichen. Dem Capri erging es dabei nicht sonderlich gut, am Ende schaute nur Rang Vier heraus, deutlich vor dem Triumph, knapp hinter Opel und Fiat, aber klar vom siegreichen Alfa geschlagen. Immerhin konnte der Capri das Kapitel «Motor und Leistung» für sich entscheiden und auch die Alltagstauglichkeit und das Preis-/Leistungsverhältnis überzeugten die Tester. Handlichkeit, Komfort und Qualität konnten aber nicht vollends überzeugen.

Die Baureihe Capri dürfte im deutschsprachigen Markt als eines der Automobile in die Geschichte eingegangen sein, über das am meisten Testberichte erschienen sind.

Fortwährende Evolution und viele Verbesserungen

Der Ford Capri war ein Trendsetter, aber Ford ruhte nicht, reichte eine Variante nach der anderen nach und lancierte 1974, also nach fünf Jahren Produktionszeit, den Capri II nach. Grössere Fensterflächen, ein aufgefrischtes Interieur aber insbesondere die einzigartige Heckklappe mit umlegbaren Einzelsitzen im Fond sollten den Capri für die nächsten Jahre attraktiv halten. Beim Fahrwerk blieb man den konservativen Ansätzen aber treu, die Blattfedern durften weiterleben.

1978 legte man mit dem Capri III (offizielle Bezeichnung Capri II '78) nach, welcher mit Rundscheinwerfern, Lamellengrill, serienmässigem Spoilerwerk, neuen Stossfängern und «Powerbuckel» auf der Motorhaube glänzte. Die Motorenpalette blieb vorerst unverändert, im Jahre 1981 aber wurde der Essex-V6-Dreiliter durch den Kölner 2.8 Liter mit Einspritzung ersetzt und auch ein Fünfganggetriebe war ab 1983 beim «2.8 Injection», welcher der ganzen Baureihe neuen Auftrieb gab, erhältlich.

Noch stärker und noch schneller

Die Leistungsspanne der ersten Capri-Coupés war noch vergleichsweise gering, aber über die gesamte Bauzeit und unter Einbezug der Rennwagen finden sich im Capri-Fundus Motoren mit 50 PS beim Einstiegsmotor bis weit über 500 PS beim Turbo-Capri-Rennwagen von 1981. Aber auch bei den «normalen» Strassenfahrzeugen stieg die Leistung über die 200-PS-Schwelle.

Den Anfang machte der RS 2600, von Ford als Basis für den Breitensport konzipiert. 1040 kg Gewicht kamen auf 150 DIN-PS, produziert durch einen mit Kugelfischer-Einspritzung ausgerüsteten V6-2,6-Liter-Motor. Die Fahrleistungen waren für die Zeit, man schrieb das Jahr 1971, sensationell. Den Sprint von 0 bis 100 km/h schaffte der Testwagen der «Automobil Revue» in 7,9 Sekunden (AMS schaffte das noch zwei Zehntel schneller). Fast 210 km/h Spitzengeschwindigkeit brachten den Nachwuchssportler direkt ins Porsche-Land und das bei einem vergleichsweise günstigen Preis.

Die Turbo-Versionen von May, einem Schweizer Aufladungspionier, brachten es sogar auf gut 200 PS und das bereits 1971. Eine Spezialität war der in Südafrika gebaute V8-Capri, der mit rund 230 PS als Perana-Capri antrat und in weniger als sieben Sekunden von 0 auf 100 km/h beschleunigte und fast 230 km/h Höchstgeschwindigkeit erreichte. Ford feierte die Capri-Rennerfolge im Jahre 1981 mit einer Turbo-Version, 188 PS stark und über 220 km/h schnell. Die «Automobil Revue» jedenfalls war von den Fahrleistungen, den Fahreigenschaften und dem attraktiven Preis angetan, während die AMS-Redakteure den durstigen Turbo nicht mochten, sie empfahlen das um fast 8000 DM günstigere Modell 2.8i, wenn es denn unbedingt ein Capri sein solle. Tatsächlich wurden nur 200 dieser Turbos gebaut, entsprechend selten sind sie heute, 30 Jahre später. Und dass man auch mit dem schnellsten Capri-Rennwagen noch auf der Strassen fahren konnte, bewies Klaus Westrup, als er den mit Blinkern, Dämpfern und Zusatzlüftern angepassten rund 500 PS starken Gruppe-5-Turbo-Capri über mehr als 120 km Autobahnen, Landstrassen und Stadtverkehr von Köln zum Nürburgring fuhr.

Erfolgreich auch im Rennsport

Der Ford Capri war auch äusserst erfolgreich im Rennsport. Früh stellte Ford die Weichen und legte mit dem RS 2600 eine gute Basis für den Breiten- und Spitzensport. In vielen Ländern fuhren Capri an der Spitze der nationalen Meisterschaften mit, aber auch in internationalen Wettbewerben war man erfolgreich. 1971 gewann Dieter Glemser die Tourenwagen-Europameisterschaft in der Klasse über 2 Liter Hubraum. 1972 gingen gar die ersten beiden Plätze in der Tourenwagen-EM an Ford und auch die Tourenwagenwertung bei den 24 Stunden von Le Mans konnte gewonnen werden. Nachdem der Tourenwagen-Titel 1973 an BMW abgegeben werden musste, holte man sich diesen 1974 wieder zurück, Hans Heyer wurde Europameister.

Ab 1978 trat Ford nach einer Zäsur dann mit dem Turbo-Capri an, der bei Zakspeed entwickelt wurde. Das Auto war eine Sensation, Titelgewinne blieben aber aus verschiedenen Gründen bis 1981 aus. Im Jahr 1981 kam die Revanche. Klaus Ludwig holte sich bei jedem Rennen der Deutschen Rennsport-Meisterschaft die Poleposition und gewann zehn Rennen. Ein Nebeneffekt war die Rundenzeit von 7 Minuten 18,4 Sekunden, die Ludwig auf der Nordschleife des Nürburgrings fuhr, nur unwesentlich langsamer als die Formel-1-Wagen wenige Jahre zuvor.

Auch im Rallye- und Rallycross-Sport wurden Ford Capri eingesetzt. Speziell waren vor allem die 250 PS starken 4x4 Capri-Spezialversionen, die im Rallyecross allen Konkurrenten haushoch überlegen waren.

Tuning und Halbstarken-Image

Die Rennsporterfolge des Ford-Coupés, aber auch die «spezielle» Kundschaft, die das flache Coupé anzog, führten dazu, dass viele Capris «verbessert» und verändert wurden. Da wurden Schürzen angebracht, Kotflügelverbreiterungen im Ferrari-Testarossa-Stil angefertigt, Miura-Heckstoren montiert und eindrucksvolle Flügelwerke angebaut. Kaum ein Capri, der unverändert durch die Achtziger- und Neunzigerjahre ging. Und oft war es unerheblich, ob unter der Haube der schmalbrüstige 1300-er oder ein V6 hüstelte, Hauptsache das Ergebnis sah schnell aus. Seriöse Gebrauchtwagenkäufer machten denn auch einen Bogen um den Capri, viele Autos landeten auf dem Abbruch.

Vom Gebrauchtwagen zum Klassiker

In den Achtziger und Anfangs der Neunzigerjahre waren Ford Capri überdies Einstiegsautomobile für Führerscheinneulinge und billige Gebrauchsfahrzeuge, litten oftmals unter fehlender Zuneigung und verendeten zu Tausenden auf dem Schrottplatz. Seit einigen Jahren hat sich dies geändert und mehr und mehr Leute haben ihre Liebe zum eleganten Coupé, das auch heute noch gut aussehen kann, gefunden. Entsprechend sind die Preise für gute und vor allem unverbastelte Exemplare, wovon trotz fast 1,9 Millionen verkaufter Capri-Coupés nicht allzu viele übriggeblieben sind, angestiegen und erreichen schnell auch zweistellige Tausenderbeträge.

Ausnahme-Typen wie der RS 2600 sind sowieso seit vielen Jahren Sammler-Fahrzeuge geworden und haben im Wert den damaligen Neupreis schon lange hinter sich gelassen. Die Ersatzteillage könnte besser sein. Während Technik-Dutzendteile einfach und günstig erhältlich sind, kann die Beschaffung von typen-spezifischen Komponenten wie Auspuffanlage, Kotflügelverbreiterungen, Spezialsitze oder Spoiler in die berühmte «Nadel im Heuhaufen suchen»-Herausforderung münden. Korrosion ist auch beim Capri der Feind Nummer eins, während die Technik relativ robust und langlebig ist.

Auch heute noch verschafft ein Ford Capri viel Fahrfreude und Besitzerstolz, seine Form und die Rennsporterfolge sind sowieso unvergesslich.

Mehr über den Ford Capri in sechs weiteren Artikeln, in Verkaufsprospekten und unzähligen Abbildungen gibt es auf Zwischengas.com.

Erstellt: 28.02.2012, 10:09 Uhr

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