Aller guten Dinge sind drei

Yamaha nennt die Niken einen «Leaning Multi-Wheeler», der Normalo bezeichnet sie als Dreirad. Was unsexy tönt, macht richtig Spass – auch echten Bikern.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Keine Frage, einen Schönheitswettbewerb wird diese Maschine nicht gewinnen. Mit ihrer überbreiten Front und dem im Vergleich dazu schmalen Heck erinnert die Yamaha Niken eher an ein riesiges Insekt. Kein anderes Motorrad der jüngeren Zeit polarisiert so stark wie die Niken, die man englisch ausspricht, also Neiken.

Denn die umstrittene Optik ist kein Missgriff der Designer, sie ist systembedingt. Und die Niken ist kein Zweirad, sondern ein Dreirad, sie hat zwei Vorderräder. Für ­Puristen ein Gräuel, für Yamaha «das innovativste Design der Sporttourer-Klasse».

Egal, wie man das Design bezeichnet: Als Yamaha die neue Niken, was so viel heisst wie «Doppeltes Schwert», im Jahr 2018 ­präsentierte, erhob sich ein Shitstorm ohnegleichen. «Ist das überhaupt ein richtiges Motorrad?» fragten die meisten, um die Frage im gleichen Atemzug zu verneinen. Das von Yamaha versprochene «beispiel­lose Kurvenfahrerlebnis» wurde in Abrede gestellt, bevor das Dreirad auf der Strasse war.

«Du wirst nicht gegrüsst von Motorradfahrern»

Der Mechaniker, der kurz in die Testmaschine einweist, warnt schon mal vorsorglich: «Mit dieser Maschine wirst du nicht gegrüsst von anderen Motorradfahrern.» Die linke Hand zu heben, wenn einem eine andere Maschine entgegenkommt, ist unter Motorradfahrern zwar üblich.

Doch die ­Niken erinnert von vorne an einen dieser dreirädrigen Roller. Und Rollerfahrer werden von Motorradfahrern grundsätzlich ignoriert. Dabei hat die Niken mit einem dreirädrigen Roller nicht das Geringste zu tun, und zwar nicht nur, weil sie im Stand ohne Seitenständer genauso umfällt wie jedes andere Motorrad auch.

Die beiden Vorderräder bieten, was für das ­Motorradfahren elementar ist: jede Menge Grip.

Das merkt man bereits nach wenigen Metern. Als die Niken im vergangenen Jahr zunächst den Fachmagazinen für einen ersten Test zur Verfügung gestellt wurde, gerieten die professionellen ­Tester, allesamt erfahrene Motorradfahrer, die gerne flott unterwegs sind, unisono ins Schwärmen.

Schnell stellte sich heraus: Man kann mit der Niken nicht nur genauso gut fahren wie mit jedem normalen Motorrad, man kann sogar besser damit fahren. Denn die beiden Vorderräder bieten, was für das ­Motorradfahren elementar ist: jede Menge Grip, und zwar auch in ­Situationen, in denen normale Zweiräder an ihre Grenzen geraten. Das erlaubt höhere Kurvengeschwindigkeiten – und Kurvenfahren in Schräglage ist nun mal für die meisten Motorradfahrer der ultimative Spass.

Tatsächlich flösst die Niken dem Fahrer schon nach kurzer Eingewöhnung eine Menge Vertrauen ein. In Kurven scheint sie wie auf Schienen unterwegs zu sein, zwei Vorderräder bieten eben mehr Seitenhalt als nur eines. Vor allem auf schlechten Fahrbahnbelägen verhält sich die Niken phänomenal. Ob Kanaldeckel, Längsrillen, Bitu­menflecken oder plötzliche nasse Abschnitte, wie sie in Waldstücken oder im Gebirge jederzeit vorkommen können: Wo man mit einem normalen Motorrad die Fahrlinie korrigieren oder das Tempo reduzieren muss, bügelt die Niken stoisch drüber. Selbst bekannte und vertraute Hausstrecken werden so zu einem neuen Erlebnis.

Ist die Zeit reif für eine Revolution?

Mit mehr als 260 Kilo Gewicht ist die Niken zwar ein schweres Motorrad, doch mit dem feinen, 115 PS starken Dreizylinder, der auch in der MT 09 zum Einsatz kommt, ist sie völlig ausreichend motorisiert.

Der Federungskomfort reicht nicht an die ähnlich schweren grossen Reiseenduros heran, der Fahrspass hingegen schon. Denn die Niken erlaubt nicht nur grosse Schräglagen, sie gibt dem Fahrer – auch dem weniger geübten – dank ihrer enormen Stabilität das Gefühl, dass er sich solche auch ruhig zutrauen kann.

Ob ein neues Konzept ein Erfolg wird, hängt aber nicht nur von den Fakten ab. Die Zeit muss reif dafür sein. Denn auch wenn sich Motorradfahrer gerne an technischen Finessen erfreuen (die ganzen elektronischen Helfer sind da schon weit umstrittener), für eine Revolution sind sie nur schwer zu haben.

Das musste BMW vor Jahren mit dem Roller C1 erleben. Dieser war ein überdachtes ­Gefährt, auf dem man sich anschnallen ­konnte und keinen Helm tragen musste. Die Maschine wurde regelrecht weggemobbt und verschwand nach drei Jahren wieder vom Markt. Würde heute ein Hersteller so ein Konzept anbieten – idealerweise mit einem Elektroantrieb kombiniert – könnte das durchaus ein Verkaufsschlager für den urbanen Verkehr werden.

Auch Yamaha Europa bemüht sich, potenziellen Kunden die Niken schmackhaft zu machen, doch die Verkaufszahlen bewegen sich trotz einer gross angelegten Demo-Tour bisher höchstens im mittleren Bereich der Erwartungen. Dennoch scheinen die Japaner ihrem Konzept zu trauen, denn die ­Niken gibt es seit ein paar Wochen und ab 18'990 Franken auch als GT-Version mit Seitenkoffern und ­höherem Windschild – bereit für die grosse Reise. Gut möglich also, dass versierte Tourenfahrer demnächst auf Alpenpässen von einer Niken abgehängt werden, einem faszinierenden Dreirad.

Erstellt: 17.06.2019, 09:09 Uhr

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...