Surren statt knattern

Probefahrt 73 Jahre nach der ersten Vespa wollen die Italiener mit der Elektroversion des Kultrollers durchstarten.

Auf der Elettrica sitzt man bequem und entspannt. Foto: PD

Auf der Elettrica sitzt man bequem und entspannt. Foto: PD

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Der Motor der schweren Moto Guzzi, die gerade an der Ampel direkt neben einem angehalten hat, blubbert vernehmlich. Sobald die Ampel auf Grün springt, gibt ihr Fahrer kräftig Gas; mit einem eindringlichen «Wruuumm» rauscht die Italienerin davon. Man selbst dagegen kommt zwar ebenfalls rasch weg von der Ampel. Doch anders als die Moto Guzzi ist von der Italienerin unter dem eigenen Hintern allenfalls ein leises Surren zu hören. Der Vorteil der neuen Vespa Elettrica liegt somit klar auf der Hand: Die direkte Umwelt fühlt sich durch den Elektroantrieb weniger gestört.

Mehrmals schon hatte der Vespa-Hersteller Piaggio eine elektrische Version seines von vielen als Kultmobil verehrten Motorrollers angekündigt; auf diversen Zweiradmessen wurde zunächst nur die Karosserie gezeigt und einige Technikdetails verraten, seit diesem Frühjahr nun steht die Elettrica bei den Händlern. Und die hoffen auf grosse Nachfrage für den kleinen Stromer. Und diese Hoffnung ist durchaus berechtigt.

Denn schon bei der ersten Ausfahrt fällt auf, wie gut gelungen die Sitzposition für den Fahrer, einen durchschnittlich grossen Mitteleuropäer, ist. Der hat einen guten Überblick, sitzt bequem und entspannt mit angenehm angewinkelten Knien, anders als auf vielen anderen Rollern.

Hier zeigt sich die jahrzehntelange Erfahrung der Vespa-Konstrukteure. Die Fahrleistungen erweisen sich als für den Stadtverkehr ausreichend, wenn auch nicht aussergewöhnlich. Der 3,5 Kilowatt starke Motor treibt den Roller zwar gut an, andere Stromer indes, etwa der N1S des chinesischen Herstellers Niu oder die E-Schwalbe der Deutschen Firma Govecs, kommen deutlich flotter voran. Was auch daran liegen dürfte, dass die beiden Wettbewerber um ihre schweren Akkus herum leichte Plastikkarosserien konstruiert haben; die Vespa-Ingenieure setzen aber auch bei der Elettrica auf ein Gehäuse aus Stahlblech. Das wirkt deutlich hochwertiger und sieht auch edler aus, ist dafür aber auch schwerer.

Ein weiteres Manko, das aber alle Rollerhersteller haben: Bei einer Höchstgeschwindigkeit von rund 45 Stundenkilometern regeln die kleinen Stromer bauartbedingt ab. Der Gesetzgeber lässt nicht mehr zu – zumindest dann nicht, wenn die Elektroroller mit dem gelben Kontrollschild auf die Strasse rollen. Wer also, ähnlich dem Moto-Guzzi-Fahrer an der Ampel, den Gashebel voll aufgedreht und noch flott von der Ampel weggekommen ist, der merkt nach kurzer Zeit einen Ruck – nämlich dann, wenn die Temposperre greift und die elektronische Tachoanzeige bei 48 km/h stehen bleibt, der Körper sich aber auf weitere Beschleunigung eingestellt hat. Immerhin: Wer die «grosse» Elettrica ohne Begrenzer und mit weissem Kontrollschild bestellt, der schafft rund 53 km/h. Der Käufer zahlt dafür aber auch 300 Franken mehr.

Akkus fest verbaut

Ein weiterer Nachteil der E-Vespa im Alltag: Die beiden Akkus sind fest unter der Sitzbank verbaut und lassen sich nicht entnehmen. Das verleiht dem Roller zwar einen angenehm tiefen Schwerpunkt, hat aber zur Folge, dass eigentlich nur Garagenbesitzer oder Hauseigentümer mit Aussensteckdose mit der Elettrica glücklich werden. Wer in einer Etagenwohnung lebt, muss sich erst umständlich Lademöglichkeiten suchen. Immerhin ist unter der Bank Platz für ein Helmfach, in dem zumindest ein schmaler Jethelm Aufnahme findet.

Erstellt: 05.06.2019, 21:07 Uhr

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