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Accessoires für die BadiBademode-Hauptstadt Zürich

In keiner Stadt der Welt gibt es – gemessen an ihrer Grösse – so viele Strandtuch- und Swimwear-Labels wie hier. Was steckt hinter dem Boom?

In Altstetten entworfen: Badkleid von Volans.
In Altstetten entworfen: Badkleid von Volans.
Bild: zvg

Als Nathalie Schweizer vor zehn Jahren begann, in Zürich hochwertige Badekleider und Bikinis zu entwerfen, war sie mit ihrer Idee praktisch allein. «Ich wollte mich neu orientieren und mich auf ein Thema fokussieren», sagt die gelernte Schneiderin, die zuvor Damenmode genäht hatte. «Swimwear war die ideale Spezialisierung, zumal ich das Gefühl hatte, dass gerade für Frauen, die nicht Grösse XS tragen, die Schnitte oft zu wünschen übrig liessen.»

Schweizer gilt als Pionierin einer kreativen Bewegung, die in den letzten fünf Jahren geradezu explodiert ist. In dieser Zeit ist ein Dutzend Labels entstanden, das sich auf Bikinis, Badehosen oder Badetücher spezialisiert hat. Daneben gibt es mehrere Zürcher Frotteetücherproduzenten. Das dürfte weltweit einzigartig sein. Jedenfalls gibt es sonst keine Stadt dieser Grösse, die gleich mehrere Badetuchproduzenten vorweisen kann.

Einteiler made in Zurich: Badkleid von Nathalie Schweizer.
Einteiler made in Zurich: Badkleid von Nathalie Schweizer.
Bild: zvg

Zu diesen zählt Frottee di Mare, ein ausschliesslich auf Badetücher spezialisiertes Atelier, aber auch Textilfirmen wie Zig Zag Zurich oder Kollektiv Vier, die neben Wandteppichen oder Duschvorhängen auch Strandtücher entwerfen. Neumühle, Volans oder Saryta produzieren Badeanzüge, Zweiteiler und Badehosen. Mit Oy Swimwear gibt es eine Firma, die ausschliesslich auf Surfmode setzt.

Dieser aufs Wasser spezialisierte Geschäftszweig ist so abwegig ja nicht: Zürich hat die grösste Bäderdichte Europas. Man kann hier nicht nur an unzähligen unbewachten Stellen ins kühle Nasse hüpfen, sondern zwischen verschiedenen Baditypen wählen: Freibad, Flussbad, Kastenbad oder Seebad (finden Sie hier die Übersicht zu den Zürcher Badis und ihre Besonderheiten). Nach einem zögerlichen Saisonstart wegen der Pandemie sind diese endlich wieder offen.

Kunst am Tuch: Frotte di Mare
Kunst am Tuch: Frotte di Mare
Bild: zvg

Die Zürcher Badikultur manifestiert sich spätestens seit dem 19. Jahrhundert, als die Badeanlagen am See errichtet wurden. Ein regelrechter Lifestyle und eine damit einhergehende Mediterranisierung begann aber Ende der Neunzigerjahre – unter anderem im Zuge des liberalisierten Gastgewerbegesetzes. Im Seebad Enge traf man sich zum Sonnenuntergangsbier, beim Unteren Letten wurden Open-Air-Partys gefeiert, die Frauenbadi verwandelte sich in die Barfussbar.

Dass sich diese Kultur auch modisch niederschlägt, war nur eine Frage der Zeit. Warum sollte man als Gestalterin oder Gestalter in Zürich die Leute nicht mit den richtigen Produkten eindecken wenn man weiss, wie sie ticken, und was sie beim Baden gerne tragen? In Rio, der Strandstadt schlechthin, gibt es schliesslich auch unzählige Bikinimarken. Und in Basel wird die Kultur des Rheinschwimmens mit einer wachsenden Palette hübsch gestalteter Schwimmsäcke zelebriert.

Dass sich der Badiartikelboom in Zürich gerade jetzt manifestiert, dürfte mehrere Gründe haben: Das Bewusstsein für lokal entworfene, langlebige Produkte und nachhaltige Materialien ist stark gestiegen. Die Zürcher Labels – notabene auffallend oft von einem Duo gegründet – befrie­digen dieses Interesse.

Tücher mit Glacé- und Marmoroptik: Badetücher von Zig Zag Zurich.
Tücher mit Glacé- und Marmoroptik: Badetücher von Zig Zag Zurich.
Bild: Johannes Roman/zvg

Zwar werden die Badetücher in Österreich, Portugal und Italien gewoben; die Stoffe für die Swimwear stammen aus Italien, weil es in der Schweiz keine textile Verarbeitungsindustrie mehr gibt. Doch die Lieferketten sind nachvollziehbar, und die Macherinnen und Macher betonen, dass sie ihre Fertigungsmanufakturen oder Zulieferer kennen. «Wir legen Wert darauf, zu wissen, unter welchen Bedingungen unsere Produkte hergestellt werden», sagt etwa die Künstlerin Nina Hebting, die 2016 mit ihrem Partner, dem Architekten Jan Leu, Frottee di Mare gegründet hat. Die Tücher werden in Zürich entworfen und entstehen in Österreich. Quereinsteiger Peter Hornung ist ebenfalls Architekt.

Er kontrolliert nicht nur die Lieferkette bis ins kleinste Detail; er hat für seine erste Bademodekollektion sogar ein neues Material entwickelt, das einzigartig ist. Aus rezyklierten PET-Flaschen, die er eigenhändig aus der Limmat fischt, entsteht ein Garn. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Hornungs Label Round Rivers wegen seiner Innovation und des grossartigen Storytellings auch international für Aufsehen sorgen wird. Seit dieser Woche ist Round Rivers im Zürcher Modeladen Apartment erhältlich.

Vier Beine und ein Strandtuch: Badetuch von Kollektiv Vier.
Vier Beine und ein Strandtuch: Badetuch von Kollektiv Vier.
Bild: Primula Bosshard/zvg

Die Produkte gibt es wie auch die der anderen Labels online. Dank eines Webhops, der wie ein gut kuratierter Instagram-Kanal bei allen Start-Ups von Beginn an Teil der Strategie war, was sich nun während des Lockdown ausbezahlt hat, sind viele Labels auch international sichtbar. Zig Zag Zurich gibt es in Italiens bekanntestem Concept-Store Corso Como in Mailand; Frottee di Mare ist in zwei angesagten Läden in Südkorea präsent.

Nicht zuletzt ist die Zürcher Bademodebranche auch so fruchtbar, weil die Macherinnen und Macher etwas Essenzielles vereint: Sie alle sind leidenschaftliche Schwimmerinnen und Schwimmer und haben einen engen Bezug zu dem, was sie entwerfen.