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Debakel in der Champions LeagueBarcelona am Boden angekommen

Das 2:8 gegen Bayern im Viertelfinal der Champions League wird rund um das Camp Nou ein Erdbeben auslösen. Alle Blicke richten sich auf Lionel Messi.

Lionel Messi gilt als heimlicher Herrscher des Camp Nou. Wird er Barcelona verlassen?
Lionel Messi gilt als heimlicher Herrscher des Camp Nou. Wird er Barcelona verlassen?
Rafael Marchante (Getty Images)

Es war 23.03 Uhr am Freitag, als für die Expedition des FC Barcelona der letzte Spiessrutenlauf des Abends anstand. Das war der Zeitpunkt, als die Mannschaft zwei Bussen entstieg, deren Aufschrift einer Zeile der Barça-Hymne entnommen ist. «Wir haben einen Namen, jeder kennt ihn... Barça, Barça, Barça Und sie entschwanden getragenen Schrittes und die meisten jedenfalls gesenkten Hauptes ins Sheraton-Hotel; der deutsche Goalie Marc-André ter Stegen als einer der Letzten, er strich sich zweimal über die Stoppeln am Hinterkopf.

Drei, vier, vielleicht fünf Dutzend Fans hatten sich vor der Bleibe versammelt, sie standen hinter einem Gitter und in Schach gehalten von Beamten der portugiesischen Polizei, und meldeten sich doch zu Wort. Bei jedem Star, der aus einem der Busse stieg. In crescendo. Und das Gejohle war besonders laut, als Lionel Messi zu sehen war. «Sinvergüenza, Leo! Sinvergüenza!!!», krakeelte einer, der nicht zu denen zählte, die klangen, als seien sie Portugiesen, es ist das spanische Wort für ein schamloses Etwas. Und die Beschimpfungen verstummten erst, als auch der Letzte aus dem Team im Inneren des Hotels verschwunden war.

Das dritte Debakel in Serie

Wollte man die Barça-Hymne paraphrasieren, könnte man nun tatsächlich sagen: Jeder kennt nun ihre Namen ter Stegen, Semedo, Busquets, Lenglet, Alba, Rakitic, de Jong, Vidal, Messi und Suárez, die mit 2:8 gegen den FC Bayern verloren hatten. Eine wirklich beispiellose Schmach, die nicht dadurch besser wird, dass es dem Hamburger SV in den vergangenen Jahren oft ähnlich erging. Sondern schlimmer, wenn man daran denkt, dass Vidal auf die kleinen Sticheleien aus München am Vorabend der Partie gesagt hatte: «Die Bayern spielen nicht gegen ein Team aus der Bundesliga, sondern gegen Barça, die beste Mannschaft der Welt.» Tja. «Historische Demütigung», titelten die Zeitung «Sport» aus Barcelona und die «As» aus Madrid; «Schande», schrieb «Marca» über die Partie, bei der Barcelonas Lichter ausgingen, sinnigerweise im Estádio da Luz, im Stadion des Lichts.

Es bedurfte schon in den Schlussminuten keiner grossen Fantasie, um zu erahnen, dass das Camp Nou zum Epizentrum eines grösseren Erdbebens werden würde. Und das Resultat war deutlich genug, dass sich Gerard Piqué, einer der grössten Barça-Fans im Kader, einen Monolog zurechtlegen konnte, der zwar aus unvollendeten Sätzen bestand, es aber in sich hatte. «Schreckliches Spiel», sagte Piqué, «ein katastrophales Gefühl. Schande. Das ist das Wort. So kann man keinen Wettbewerb bestreiten. So kann man nicht durch Europa ziehen. Und es ist nicht das erste, das zweite und nicht das dritte Mal», fügte er in Anspielung auf die desaströsen Pleiten gegen Rom (0:3), Paris Saint-Germain (0:4) und den FC Liverpool (0:4) hinzu.

Ein unvergessliches Spiel: Nochmals alle Highlights der Partie im Video.
Video: Teleclub

«Es ist sehr hart, sehr hart. Ich hoffe, dass es zu etwas nütze ist. Und ja, jetzt müssen alle nachdenken. Der Club braucht Wechsel, und ich rede weder vom Trainer noch von den Spielern. Ich möchte nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Strukturell braucht die Mannschaft, braucht der Club alle möglichen Veränderungen. Niemand ist unverzichtbar. Wenn neues Blut kommen muss, um die Dynamik zu ändern, bin ich der Erste, der geht. Denn jetzt sind wir wirklich am Boden angekommen. Wir müssen schauen, was das Beste für Barça ist», proklamierte Piqué.

Dass Trainer Quique Setién, der im Januar Ernesto Valverde ersetzte, nicht mehr weitermachen wird, ist nun endgültig klar. Seine Absetzung dürfte eine Frage von Stunden sein. Präsident Josep María Bartomeu sagte, dass man nun einige «Entscheidungen, über die wir schon vorher nachgedacht hatten», umsetzen werde, ohne sie näher zu präzisieren. In Barcelona wurde er in einem Restaurant mit Mauricio Pochettino gesehen, aber der Ex-Trainer von Tottenham ist wegen seiner Espanyol-Vergangenheit und seinen Flirts mit Real Madrid für Barcelona-Fans ein rotes Tuch.

Auch am Morgen nach der Schmach stand noch eine Handvoll Fans vor dem Hotel, Polizisten und rund zehn Kamerateams waren da. Bartomeu ging um 9.43 Uhr zum Reisebus, zusammen mit Präsidiumsmitgliedern. Kurz nach 10 Uhr waren dann alle weg. Sie gingen durch einen Nebeneingang hinaus, den sie aber immer genutzt haben, um nicht durch die Lobby zu gehen.

Wie geht es mit Bartomeu und Messi weiter?

Auch wenn der Präsident das Wort Rücktritt umschiffte, wird auch vor ihm das Debakel nicht haltmachen. Es ist vermutlich die schlimmste Barça-Pleite der Geschichte. Schlimmer als das 1:11 bei Real Madrid von 1943, da konnte man es auf den Schiedsrichter schieben, schlimmer als die tragische Niederlage im Landesmeisterfinal von 1961; schlimmer als das 0:4 im Champions-League-Final 1994 mit Trainer Johan Cruyff gegen die AC Milan.

«Bitte, meine Herren, gehen Sie (alle)», titelte ein Kolumnist der Zeitung «El Periódico de Catalunya» nach «Barças grosser Schande» (El País). Bartomeus Mandat endet im kommenden Jahr, aber es dürfte unumgänglich werden, die Wahlen vorzuziehen. Für Montag hat Bartomeu eine Krisensitzung einberufen. Dass er das Wort Demission vermied, kann im Grunde nur einen Grund haben: den Club jetzt nicht komplett führungslos durch die globale Krise schiffen zu lassen. Barcelona ist hoch verschuldet, hat durch die Einnahmeverluste der Corona-Krise kein Cash, absehbar keinen Trainer mehr und muss dennoch das teuerste Kader der Welt bezahlen, das dringend renoviert werden muss.

Bislang war man in Barcelona davon ausgegangen, dass Messi bleibt, allen Gerüchten zum Trotz.

Von der Mannschaft, die 2015 in Berlin das Triple perfekt machte und nach der spanischen Meisterschaft und den Pokal mit einem 3:1-Finalsieg gegen Juventus auch die Champions League gewann, standen ter Stegen, Piqué, Alba, Busquets und Suárez auf dem Platz. Und natürlich: Lionel Messi.

Von ihm war Freitagnacht nicht ein Wort zu hören. Doch auf ihn richten sich nun alle Blicke, weil er als der heimliche Herrscher beim FC Barcelona gilt und weil schon seit Wochen Gerüchte kreisen, er könne den Verein Richtung Italien verlassen. Er hat sich in Mailand eine Luxusimmobilie gekauft, die chinesischen Eigner von Inter Mailand wollen ihn angeblich in die Lombardei locken. Bislang war man in Barcelona davon ausgegangen, dass Messi bleibt, allen Gerüchten zum Trotz. Weil niemand das Nettogehalt von etwa 50 Millionen Euro bezahlen würde. Weil er sich an der katalanischen Küste mit seiner Familie zu wohl fühlt und sein Vertrag bis 2021 läuft. Aber nun lautet die Frage, mit der Barcelona am Samstag erwachte, ob man sich wirklich vorstellen kann, dass Messi Teil einer Mannschaft sein will, die gegen den FC Bayern 2:8 verliert.