Die Zweitwohnung von Susanne Leutenegger Oberholzer

Die Baselbieter SP-Nationalrätin kämpfte 2012 für die Annahme der Zweitwohnungsinitiative, obwohl sie sich im Bünderland zwei Wochen vor der Abstimmung eine eigene Zweitwohnung kaufte.

Obwohl sie im Befürworter-Komitee sitzt, hat sie selber eine Zweitwohnung: SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer.

Obwohl sie im Befürworter-Komitee sitzt, hat sie selber eine Zweitwohnung: SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer. Bild: Keystone

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Als wir auf der Voa Principala ins Bündner Feriendorf Valbella einfahren, herrscht ein Bilderbuchwetter, sodass man sich sogleich die Ski anschnallen und die beruflichen Motive des Aufenthalts vergessen möchte. Wir erblicken ins Sonnenlicht getauchte Skipisten, reich an Schnee, kaum bevölkert. Wir atmen frische Bergluft und spüren frühlingshafte Wärme. Valbella, das schöne Tal.

Weil es sich hier oben in der Region Lenzerheide so schön und auch zurückgezogen leben lässt, haben sich zahlreiche Prominente in Valbella ein Feriendomizil eingerichtet. So auch Roger Federer, dessen Baupläne für ein luxuriöses Doppel-Chalet letztes Jahr durch die Medien gingen. Aber auch Normalverdiener leisten sich in der schlichten Berggemeinde auf 1510 Metern Höhe, die nur 25 Autominuten von Chur entfernt liegt, mit Vorliebe eine hübsche Zweitwohnung.

Unter Druck

Das Urlaubsziel Lenzerheide ist für seine kalten Betten bekannt: Gemäss Statistik des Bundesamtes für Raumplanung beträgt der Zweitwohnungsanteil hohe 76 Prozent. Die Zahl bezieht sich auf die politische Gemeinde Vaz/Obervaz, der fünf Dörfer angeschlossen sind (darunter Lenzerheide und Valbella).

Vor drei Jahren, im 2012, als die Schweiz im Frühjahr über die Zweitwohnungs-Initiative abstimmte und die Vorlage überraschend annahm, verzeichnete die Bauabteilung von Vaz/Obervaz einen starken Anstieg von Baugesuchen, wie Amtsleiter Walter Büchi der BaZ erklärt. Die Kaufinteressenten waren unter Zeitdruck geraten und mussten rasch handeln. Sie schlugen zu, solange es das Gesetz noch erlaubte. Schliesslich verlangte die Initiative, dass der Zweitwohnungsanteil der Gemeinden auf 20 Prozent beschränkt werden solle. Ein Wert, der in Valbella wie überall in der Lenzerheide massiv überschritten wird.

Kurz vor Abstimmung gekauft

Unter der Masse der Personen, die sich in letzter Sekunde auf dem Bündner Immobilienmarkt mit Wohneigentum eindeckten, befand sich auch eine prominente Persönlichkeit aus dem Baselbiet: SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer. Gemäss Grundbuchauszug kaufte sie via Aktiengesellschaft am 21. Februar 2012 auf der Parzelle 2865 Stockwerkeigentum. Das Grundstück liegt an einem schmalen Seitenweg zur Hauptstrasse. Bei dem Kaufobjekt handelt es sich um eine viereinhalb Zimmer grosse Dachwohnung im linken Flügel der Liegenschaft «Im Park» (siehe Bild), die sich aus zwei miteinander verbundenen Häusern zusammensetzt. Beide Gebäudeteile umfassen je 15 Appartements unterschiedlicher Grösse. Die meisten davon sind Zweitwohnungen.

Die Lage ist vorzüglich: Vom Balkon reicht der Blick weit übers Tal bis zu den südlichen Alpen. Nur wenige Schritte neben dem Ferienhaus beginnt das Rothorn-Skigebiet. Nach Einschätzung eines lokalen Marktkenners dürfte Leutenegger Oberholzer für die Dachwohnung rund 900'000 Franken bezahlt haben. Zusätzlich zur Immobilie erstand die Politikerin eine Garage-Einzelbox im Erdgeschoss.

Zusammenhang bestritten

Dass sich ausgerechnet die Baselbieter SP-Nationalrätin darum bemühte, in ihrem Heimatkanton Graubünden noch rechtzeitig in den Besitz einer Zweitwohnung zu gelangen, erstaunt. Denn Leutenegger Oberholzer kämpfte zu jener Zeit für die Annahme der Zweitwohnungs-Initiative. Mehr noch: Sie sass sogar im Initiativkomitee.

Wie erklärt das Aushängeschild der Linken diesen Widerspruch der Öffentlichkeit? In einer ersten Stellungnahme behauptete Leutenegger Oberholzer, zwischen ihrer Person und dem Stockwerkeigentum in Valbella bestünde kein Zusammenhang. Sie schrieb der BaZ: «Ich habe keine Zweitwohnung. Da gibt es keinen Widerspruch. Sie meinen eventuell die Wohnung der Riva Chur AG, die nicht mir gehört. Es ist eine juristische Person, die seit Langem existiert. Sitz ist in Chur.»

Tatsächlich wird im Grundbuchauszug die Riva Chur AG als Käuferin aufgeführt. Doch der Blick ins Handelsregister zeigt: Als Präsidentin dieser Aktiengesellschaft amtet Susanne Leuten­egger Oberholzer. Die beiden anderen Verwaltungsräte sind ihre Schwester und ihre Nichte. Das Wirtschaftsmagazin Bilanz schrieb denn auch im 2013, hinter der Riva Chur AG stecke die familieneigene Immobilienfirma Leutenegger Oberholzers, die einst eine Baugenossenschaft gewesen sei. Wie aktiv das Unternehmen ist, bleibt unklar. Über eine Website verfügt die AG nicht.

Tatsache ist, dass die gebürtige Churerin den Kauf der Zweitwohnung via Aktiengesellschaft abgewickelt hat – als Komiteemitglied der Zweitwohnungs-­Initiative. Entlasten würde Leutenegger Oberholzer einzig, wenn sie bloss als Mandatsträgerin, nicht aber als Eigentümerin der Aktiengesellschaft gehandelt hätte. Auf die Frage, ob sie an der Riva Chur AG beteiligt ist und zu welchem Anteil, weicht die Politikerin zunächst aus: «Es (die Firma; Anm. d. R.) hat mehrere EigentümerInnen. Die stehen bei einer juristischen Person nicht im Handelsregister. Da stehen nur die Zeichnungsberechtigten.»

Beteiligung eingeräumt

Später räumt sie jedoch schriftlich ein, zu den Inhabern der Riva Chur AG zu gehören. «Ich bin – wie von den Medien mehrfach berichtet – über die Gesellschaft Riva Chur AG Minderheitsaktionärin und damit Miteigentümerin einer in den Siebzigerjahren erstellten Wohnung in Obervaz/Valbella.»

Wer die weiteren beteiligten ­Personen sind, will sie nicht offenlegen. Über entsprechende Fragen empört sie sich und erhebt den Vorwurf der Schnüffelei.

Leutenegger Oberholzer krebst im Verlauf der Recherche auch zurück, was die Wohnungsnutzung betrifft. «Die Wohnung ist vermietet. Ich hoffe, Sie belästigen unsere MieterInnen nicht», sagt sie anfänglich und betont auf Nachfrage, sie würde dort keine Ferien verbringen: «Ich leider nicht.»

Am Briefkasten und im Eingangsbereich der Liegenschaft ist allerdings ihr Name und jener ihrer Schwester angegeben. Dazu sagt sie: «Die Anschrift ist so, weil es persönlicher und evtl. für den Pöstler einfacher ist. Aber ich habe auch schon daran gedacht, das zu ändern, um Schnüffler wie Sie abzuwenden.» Als die BaZ nochmals nachhakt, gibt Leutenegger Oberholzer zu, regelmässig in der Dachwohnung zu logieren. Sie kann fast nicht anders: In Valbella ist die Baselbieterin mit dem Bündner Akzent bestens bekannt. Im Restaurant Bossis Bistro Romana ist sie oft zu Gast. «Eine umgängliche Frau, die viele Fragen stellt», berichtet der Kellner.

Leutenegger Oberholzer sagt weiter, das Stockwerkeigentum werde nicht öffentlich zur Miete ausgeschrieben, sondern an «Familienmitglieder und Dritte» vermietet.

Empörung in Valbella

In der Region Lenzerheide, die sich gegen die Zweitwohnungs-Initiative zur Wehr gesetzt hatte, löst das Verhalten der SP-Nationalrätin Empörung aus. Seit dem Ja des Stimmvolks klagt das Gewerbe über massive Auftragseinbrüche. Bedachungs- und Spenglereiunternehmer Roman Schweizer, Inhaber der Firma Bergamin in Valbella, musste Personal entlassen. Er sagt über Leutenegger Oberholzer: «Ein unehrliches Vorgehen. Die Frau scheint zwei Gesichter zu haben.» Weiter äussern wolle er sich nicht, ansonsten drohe er die Fassung zu verlieren. Beat Blaesi, Geschäftsführer der Blaesi Immobilien AG, findet: «Es ist total egoistisch, sich zuerst einzudecken und dann genau das Gegenteil zu propagieren.»

Auch der Gemeindepräsident von VaZ/Obervaz, Urs Häusermann (FDP), ist sauer: «Die Glaubwürdigkeit der ganzen Politik nimmt Schaden», kritisiert er.

Erstellt: 11.03.2015, 14:47 Uhr

Links oben befindet sich die Dachwohnung von Leutenegger-Oberholzer. (Bild: Christian Keller)

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