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Becky Hammon will in die NBAJetzt schlägt ihre Stunde

Frauen im Männersport? Auch 2020 kaum denkbar. Doch nun schickt sich Basketball-Trainerin Becky Hammon an, das zu ändern. Sie hat gleich bei mehreren Vereinen eine Chance.

Becky Hammon spielte früher selbst auf höchstem Niveau Basketball. Jetzt ist sie Trainerin.
Becky Hammon spielte früher selbst auf höchstem Niveau Basketball. Jetzt ist sie Trainerin.
Foto: Mitchell Leff (Getty Images)

Warum eigentlich nicht? Diese Frage stellt sich ja wirklich ständig beim Sport kucken. Warum wedeln an den Seitenlinien so selten Frauen herum? Egal welche Sportart – meist sind nur Trainer zu sehen, aber selten Trainerinnen.

Eine Frau als Coach von Super-League-Fussballern, einem Männerteam, wohlgemerkt, das müsste längst zeitgemäss sein. Andersherum geht es schliesslich auch. Nils Nielsen trainiert seit 2018 die Nationalspielerinnen der Schweiz. Von Männern gecoacht spielen Belinda Bencic und Timea Bacsinszky Tennis auf der WTA-Tour. Der Cheftrainer der alpinen Ski-Damen? Ein Mann.

Trainerinnen sind trotz allem unwahrscheinlich

Es existieren exakt nullkommanull valide Gründe, warum Frauen schlechter coachen sollten als Männer. Keine physiognomischen, keine kulturgeschichtlichen und auch keine didaktischen. Trotzdem erscheint es unwahrscheinlich, dass bei der nächsten Drehung des sogenannten Trainerkarussells mal eine Frau als Kandidatin mit aufspringt.

Die ehemalige deutsche Nationalfussballlerin Inka Grings oder auch Imke Wübbenhorst zum Beispiel, sie bilden die Ausnahmen: Frauen, die im unterklassigen Bereich des deutschen Männerfussballs gecoacht haben. Es geht also.

Die Grössen des deutschen Fussballs tanzten nach ihrer Pfeife : Bibiana Steinhaus leitete vor wenigen Wochen den deutschen Supercup zwischen Bayern München und Borussia Dortmund .
Die Grössen des deutschen Fussballs tanzten nach ihrer Pfeife : Bibiana Steinhaus leitete vor wenigen Wochen den deutschen Supercup zwischen Bayern München und Borussia Dortmund .
Foto: Alexander Hassenstein (Keystone)

Es geht auch längst, dass mit der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus eine Frau Bundesliga-Spiele pfeift bzw. pfiff, denn sie hört ja auf. Aber eine Frau als Taktikerin in vorderster Reihe? Als Motivationskünstlerin? Als Guru wie Guardiola? Als Fachfrau? Oder schlicht als Wandervogel, die von Club zu Club zieht wie heute Felix Magath? Im Fussball seltsamerweise schwer vorstellbar – im Basketball dagegen ist die Moderne mit Becky Hammon weiter fortgeschritten. In der NBA wird sie vermutlich bald einen Chefposten kriegen.

Die Frage ist nur noch: wann?

Die 43-Jährige wäre die erste Cheftrainerin überhaupt in einer der grossen amerikanischen Ligen. Sie startete 2014 als erste Assistenztrainerin in Vollzeit im US-Profisport – seitdem sind viele hinzugekommen, zuletzt etwa Kara Lawson bei den Boston Celtics oder Lindsay Gottlieb bei den Cleveland Cavaliers.

Bei den San Antonio Spurs arbeitet Hammon, die aus Rapid City in South Dakota stammt, unter Cheftrainer Gregg Popovich, 71. «Pop» gilt in den USA als eine Art Christian Streich (Fussballtrainer beim Bundesligisten SC Freiburg) des Basketballs, seine Meinung hat Gewicht, weil er auch über ungemütliche Gesellschaftsthemen offen spricht. Seit 24 Jahren leitet er die Spurs, er wurde mehrfach Champion – und fördert Becky Hammon.

Becky Hammon und der «Er-Sie-Vergleich»

Er sagt: «Wenn sie irgendwo Cheftrainerin wird, wäre das auch aus Marketingsicht clever. Aber darum geht es nicht: Es geht darum, dass sie mit ihrer Kompetenz alles mitbringt, was es braucht.» Schon früher wies Popovich darauf hin, dass «der ganze Er-Sie-Vergleich» völlig am Thema vorbei gehe. «In erster Linie ist sie Trainerin, ihr Geschlecht spielt dabei gar keine Rolle.» Vielleicht beerbt Hammon ihn deswegen ohnehin in San Antonio: Popovichs Vertrag endet 2022. Er wäre dann 73.

Es gibt aber auch ein flinkeres Szenario: Während in der NBA soeben die Finals zwischen den LA Lakers und Miami Heat zu Ende gingen, laufen anderswo Zukunftsplanungen. Und Hammon wird immer wieder als Kandidatin genannt. Zuletzt bei den Philadelphia 76ers, wo nun Veteran Doc Rivers anheuerte, der zuvor bei den LA Clippers gehen musste. Hammon selbst geht offen mit ihren Ambitionen um. «Ich hatte zum Beispiel Gespräche mit den Indiana Pacers, jetzt muss man sehen, ob es passt – es liegt nicht mehr an mir», erzählte sie bei einer Trainertagung der NBA.

«Es gibt mittlerweile überall Frauen in Führungspositionen: im Supreme Court, in Vorständen, beim Militär – wieso sollte eine Frau nicht im Profi-Basketball coachen?»

Becky Hammon

Seit dem Termin mit den Pacers sind vier Wochen vergangen, der Club beschäftigt sich auch mit anderen, durchweg männlichen Kandidaten. Hat Manager Kevin Pritchard den Mumm, wirklich «out of the box» zu denken, wie er angekündigt hatte? Und passt Hammon mit ihrer Anpacker-Mentalität nach Indiana, wo die Ansprüche hoch sind? Oder wäre sie zum Start ihrer Cheftrainerkarriere bei einem Club im Neuaufbau besser aufgehoben? Etwa bei den New Orleans Pelicans, wo das Riesentalent Zion Williamson noch Schliff braucht? Vakanzen böten sich zudem bei den Clippers, den Houston Rockets und bei Oklahoma City Thunder. «Schlägt jetzt Becky Hammons Stunde?» fragte bereits die Zeitschrift «Sports Illustrated».

Becky Hammon mit ihrem Mentor bein den San Antonio Spurs: Für Gregg Popovich bringt Hammon  «alles mit, was es braucht».
Becky Hammon mit ihrem Mentor bein den San Antonio Spurs: Für Gregg Popovich bringt Hammon «alles mit, was es braucht».
Foto: Matteo Marchi (Getty Images)

Sie selbst ist sich ihrer Rolle bewusst: «Es gibt mittlerweile überall Frauen in Führungspositionen: im Supreme Court, in Vorständen, beim Militär – wieso sollte eine Frau nicht im Profi-Basketball coachen?» Ja, warum eigentlich nicht?

NBA-Boss will Männerdominanz durchbrechen

Die NBA ist jedenfalls bereit für diesen Meilenstein. Schliesslich engagiert sich der von Afroamerikanern geprägte Betrieb nicht nur im Kampf gegen Rassismus und Polizeigewalt, sondern auch für Diversität und Gleichberechtigung. NBA-Boss Adam Silver erzählte seit seiner Übernahme als Commissioner vor sechs Jahren mehrfach, dass die Branche nicht länger so männerdominiert bleiben könne.

Und tatsächlich tut sich was: Es besetzen mittlerweile auch zahlreiche Frauen Management-Positionen in Clubs. Silver möchte aber weiter gehen: «Unser Ziel ist, in Zukunft 50 Prozent weibliche Schiedsrichter und Trainer in der Liga zu haben.»

Hammon, die früher in der WNBA selbst zu den Besten ihres Sports gehörte, hat Erfahrungen in der ganzen Welt gesammelt. Sie war in Spanien und Russland aktiv, und sie gewann als eingebürgerte Spielerin mit Russland Bronze bei Olympia 2008. «Man kann mir nicht vorwerfen, dass ich auf dem Weg ins Traineramt irgendwas ausgelassen habe», bekräftigt sie. «Ich bin seit 22 Jahren in diesem Geschäft unterwegs und bereite mich schon lange darauf vor, Chefcoach zu sein. Wenn die Chance kommt, wird jeder sehen, dass ich es kann.» Als Pionierin will sie trotzdem nicht gesehen werden. Eher als jemand, die Fakten schafft und Normalität vermittelt.

Becky Hammon (rechts) spielte früher selbst professionell Basketball.
Becky Hammon (rechts) spielte früher selbst professionell Basketball.
Foto: Larry W. Smith (Keystone/EPA)

«Die Menschen müssen sich einfach daran gewöhnen, dass eine Frau coacht. Das Ziel muss doch sein, dass es am Ende keinen mehr interessiert.» Sie will jungen Athleten ihr Wissen vermitteln, an ihren Fähigkeiten feilen, sie besser machen. Im Grunde ist es simpel. Hammon strebt, wonach jede andere Trainerin und jeder andere Trainer auch streben: Anerkennung und Erfolg. Die bekommt sie nicht nur von Gregg Popovich, sondern auch von Pau Gasol, der unter der Assistentin Hammon bei den Spurs drei Jahre als Center spielte.

Er fände es verwunderlich, wenn sie nicht bald Chefcoach eines Clubs würde, schrieb der grosse, alte Spanier in seinem Essay «An Open Letter About Female Coaches» in der Players Tribune. «Ich sage nicht, sie kann es ganz gut oder sie kann es gut genug, um mitzuhalten. Und ich finde auch nicht, dass sie nahezu auf dem Niveau von Männern coachen kann. Ich sage: Becky Hammon kann ein NBA-Team führen. Punkt.»

9 Kommentare
    Walter Z.

    Der Autor dieses Artikels scheint etwas zu vergessen: Die ganze Postenvergabe im Profisport funktioniert nicht wie in der Wirtschaft, die Stellen werden nicht öffentlich ausgeschrieben. Die Trainerausbildungen, wie Sie beispielsweise die UEFA anbietet, ist nicht wie eine KV-Lehre, die man absolviert und sich dann auf verschiedene Jobs bewirbt.

    Man bleibt unter sich im Profisport und verfrachtet ehemalige Publikumslieblinge auf die Trainerbank. Vielfach bleibt diesen mangels Ausbildung auch nicht viel anderes übrig - in der Wirtschaft wird kaum ein Profisportler ein ähnliches Salär erzielen wie zur Zeiten seiner aktiven Karriere. Dadurch entsteht dann auch ein entsprechendes Überangebot an Ex-Profis die auf Trainer-Jobs schielen. Man darf dies den Vereinen auch nicht verübeln - bei Jungtrainern ohne grosse Erfahrung im Coaching kann man zumindest auf den Leistungsausweis aus der Aktivzeit zurückgreifen.

    So gibt auch fast keine - männlich wie weiblichen - Amateurtrainer die denn Sprung ins Profigeschäft schaffen, obwohl diese wahrscheinlich einen besseren Job machen würden als mancher recyclierter Ex-Profi.

    Der Profisport ist nicht frei von Sexismus, keines Falls. Aber all zu einfach sollte man es sich dann doch nicht machen.