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Prüfbericht über die ArmeeBeim Berufsmilitär ist so einiges im Argen

Intransparente Postenvergabe, mangelnde Nachwuchsförderung und Personalnot: Diese Mängel beanstandet die Finanzkontrolle in der Armee.

Viele Berufsoffiziersstellen sind unbesetzt, obwohl das Verteidigungsdepartement viel Energie und Geld in die Rekrutierung investiert. Offiziere bei einer Übung der Militärakademie Milak.
Viele Berufsoffiziersstellen sind unbesetzt, obwohl das Verteidigungsdepartement viel Energie und Geld in die Rekrutierung investiert. Offiziere bei einer Übung der Militärakademie Milak.
Foto: PD

Sie gelten als das Rückgrat der Schweizer Armee: die 2900 Berufsmilitärs. Sie bilden Milizionäre aus oder bekleiden wichtige operative Positionen und Leitungsfunktionen. Doch wie verläuft eigentlich eine Militärkarriere? Wie werden Posten vergeben und Löhne fixiert? Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) hat anhand von 14 Personaldossiers von Militärkadern aller Hierarchiestufen eine Stichprobenanalyse vorgenommen. Die EFK kommt nun zum Schluss, dass die Schweizer Armee bei der Postenvergabe zu wenig transparent ist, dass Vorgesetzte Mitarbeiter gerne selbst aussuchen und damit Verfahren ignorieren und dass es bei den Berufsoffizieren ein Nachwuchsproblem gibt.

Eine Berufskarriere im Militär ist speziell. Ähnlich wie in der Diplomatie lässt man sich als junger Mensch vom Verteidigungsdepartement einstellen und bleibt bis zur Pension beim selben Arbeitgeber. Um die Motivation zu behalten, sollten zwei Drittel der Berufmilitärs in Abständen von vier bis sechs Jahren die Funktion wechseln und sich dabei in der Hierarchie nach oben arbeiten. Die Realität sieht etwas anders aus. Das Rotationsprinzip wird zwar angewandt, aber längst nicht überall. Die einen Militaristen verbleiben teilweise viel länger als die vorgeschriebenen sechs Jahre auf ihren Posten, andere wiederum wechseln bereits nach einem oder zwei Jahren ihre Aufgabe wieder. Die EFK schreibt: «Die Motivationen, die diesen Abweichungen vom Rotationsprinzip zugrunde liegen, können nicht systematisch identifiziert und analysiert werden.»

Die EFK konnte nicht in allen Fällen verifizieren, ob Attachés einem Sprachtest unterzogen wurden, obschon ein solcher vorgeschrieben wäre.

Auch bei der Postenvergabe herrscht wenig Transparenz. Ein Berufsoffizier hält seinen Berufswunsch in der Regel für erfüllt, wenn er den Rang eines Obersten erreicht hat. Um dahin zu kommen, stehen ihm im Verteidigungsdepartement Fachleute für «Einsatz und Laufbahnsteuerung» zur Seite. Doch der Einfluss der Personalexperten ist beschränkt. Insbesondere Offiziere höheren Grades ernennen ihre Untergebenen gerne selbst, ohne Eignungsprüfung oder schriftliche Begründung. Ein weitläufiges Beziehungsnetz, ein guter Ruf und ein proaktives Verhalten können militärische Karrieren befeuern, stellt die EFK fest. Sie verlangt, dass bei einer Stellenbesetzung zumindest mehrere Kandidaten ins Verfahren einbezogen werden. Darüber hinaus gibt es auch bei der Ernennung altgedienter Militärkader als Verteidigungsattachés Verbesserungspotenzial. Die EFK konnte nicht in allen Fällen verifizieren, ob Attachés einem Sprachtest unterzogen wurden, obschon ein solcher unabdingbar wäre. Die Armee hält dem entgegen, die Attachés würden in einer «spezifischen Schulung» auf ihre Tätigkeit im künftigen Gaststaat vorbereitet, die auf den bereits vorhandenen Kenntnissen der internationalen Welt aufbaut.

Höhere Löhne als vorgesehen

Im Einzelfall werden für Berufsmilitärs Stellen auch «auf Mass angefertigt». Bei ihrer Stichprobe hat die EFK festgestellt, dass für einen Militaristen kurz vor Karriereende eine Stelle geschaffen wurde. Einen Stellenbeschrieb gab es nicht. Finanziert wurde die Stelle durch einen unbesetzten Posten in einer anderen Einheit. Das Verteidigungsdepartement argumentierte, man habe wegen des Gesundheitszustands des Betroffenen eine Sonderlösung finden müssen. Sonderlösungen kann es auch bei der Berechnung der Löhne geben. Bei den vierzehn von der EFK analysierten Personaldossiers bekam die Hälfte der Armeeangestellten einen höheren Lohn ausbezahlt, als dies im Stellenbeschrieb vorgesehen war. «Ad personam» angepasste Löhne verursachen gemäss der EFK jährlich 1,8 Millionen Franken Mehrkosten. Das Personalbudget des Militärs beträgt insgesamt 250 Millionen Franken.

Obwohl Geld für zusätzliches Personal vorhanden wäre, sind bei den Berufsoffizieren derzeit neun Prozent der Stellen unbesetzt, bei den Berufsunteroffizieren sind es 7 Prozent. 2019 fehlten der Armee rund 140 Berufsmilitärs. Das Rekrutierungsproblem werde sich verschärfen, prognostiziert die Finanzkontrolle. Der Grund ist, dass der Bundesrat 2018 entschieden hat, das Rentenalter für das Berufsmilitär von heute 60 auf künftig 65 Jahre zu erhöhen. Dadurch bleiben Kaderstellen länger besetzt, jüngere Militärs können weniger rasch aufsteigen, was den Berufseinstieg kurzfristig unattraktiver macht. Um die Personalnot zu lindern, dürfen temporär auch Offiziere aus der zivilen Armee als Berufsmilitaristen angestellt werden, ohne über eine entsprechende Ausbildung zu verfügen. Doch für die EFK ist klar: «Um die Personalprobleme zu lösen, muss der Beruf wieder attraktiver werden.» Die Armee hält in einer Stellungnahme zum Prüfbericht fest, sie sei bei den Rekrutierungen von Berufsmilitärs zwar während Jahren unter den Zielvorgaben geblieben, habe sie aber 2019 leicht übertroffen. Die Personalnot dürfte sich zumindest nicht verschärfen.

Armee nimmt Stellung

«Beim Berufsmilitär ist die Situation im Moment nicht akut sondern eine mittel- bis langfristige Herausforderung», bestätigt Armeesprecherin Carolina Bohren auf Anfrage. Um die Unternehmenskultur dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und digitalen Wandel anzupassen, wurde das Projekt Berufsmilitär 4.0 lanciert.

Das Ziel sei «Lösungen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der mobilen Arbeitsformen, der Arbeitszeitmodelle, der Lockerung des Laufbahnzwangs und der Durchlässigkeit zwischen zivilen und militärischen Laufbahnen zu erarbeiten», so Bohren.