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Innovative TraditionsherstellerBeim Orgelbau ist die Schweiz an der Weltspitze

Heute wird die neue Orgel des Basler Stadtcasinos eingeweiht. Zürich wird bald folgen – und St. Gallen plant sogar eine globale Neuheit: ein Instrument mit 3-D-Klang.

Das Gehäuse der Orgel im Stadtcasino Basel ist denkmalgeschützt, der Inhalt neu – und aus Fair-Zinn und Schweizer Holz hergestellt.
Das Gehäuse der Orgel im Stadtcasino Basel ist denkmalgeschützt, der Inhalt neu – und aus Fair-Zinn und Schweizer Holz hergestellt.
Foto: PD

Dunkelroter Stoff, hübsche Nischen, stilvoll originelle Beleuchtung: Als im August das renovierte Stadtcasino Basel eröffnet wurde, galt die ganze Aufmerksamkeit den Architekten Herzog & de Meuron, die aus dem Bau weit mehr herausgeholt haben, als drinzustecken schien. Aber ein besonderes Bijou blieb da noch unbemerkt. Es versteckt sich im Musiksaal, in einem denkmalgeschützten, nun ebenfalls frisch restaurierten und vergoldeten Gehäuse von 1905und klingt bei einer kurzen Proben-Stippvisite grossartig.

Eine neue Orgel ist es, und es ist fast ein Zufall, dass sie überhaupt gebaut wurde. Denn eigentlich hatten die Basler Organisten Babette Mondry und Thilo Muster nur die Idee, ein Orgelfestival zu gründen, weil die alte Orgel im Stadtcasino seit Jahren vor allem stumm und dekorativ herumstand.

Bei der Renovierung sollte sie ebenfalls überholt werden, wie das bei Orgeln nun mal alle rund zwanzig Jahre nötig ist. 350’000 Franken hätte das gekostet; aber je weiter die Planung fortschritt, desto lauter wurden die Seufzer über den dünnen, nicht besonders schönen Klang. Und so beschloss man, den Moment der architektonischen Aufwertung zu nutzen und das Instrument zu ersetzen: Wenn schon, denn schon.

Nun steht also eine neue Orgel im historischen Gehäuse. Die Dietikoner Traditionsfirma Metzler hat sie gebaut – und die engen Platzverhältnisse in Zusammenarbeit mit dem Basler Orgelbau Klahre ausgetrickst, indem man die grössten Pfeifen hinter die Bühne versetzt hat. Was das Instrument kann, wie füllig selbst die leisen Töne klingen, wie attraktiv die Klangfarben sind: Das wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Zwanzig Organisten reisen an für die erste Ausgabe des als Biennale geplanten Festivals, sie spielen Widors berühmte Toccata oder Uraufführungen, Lindy Hop und Balkanmusik.

Auch im normalen Konzertbetrieb soll die Orgel zum Zug kommen: Chorprojekte gibt es bereits, auch diverse Orchester sind interessiert. Die Hoffnung, dass das neue Instrument auch neue Energie in die Orgelszene bringt, ist gross.

Auftakt zu einer dynamischen Zeit

Dies gilt nicht nur in Basel. Denn bald wird es auch in Zürich und St. Gallen neue, grosse Orgeln geben; die Basler Einweihung ist der Auftakt zu einer Zeit, die man für Orgelverhältnisse als extrem dynamisch bezeichnen muss. Denn Orgeln sind langlebig, die meisten sind Jahrzehnte im Einsatz. Wenn eine ersetzt wird, ist das ein Ereignis.

In Zürich sehnt man es schon lange herbei. Wie in Basel hat man auch hier die Renovation des Saales als Anlass genommen, die Orgel auszutauschenund damit ein besonders verkorkstes Kapitel der lokalen Musikgeschichte abzuschliessen. Begonnen hatte es 1988, als die Tonhalle eine Konzertorgel von Kleuker und Steinmeyer erhielt, die sich im Konzertalltag nie etablieren konnte.

Nicht nur Organisten taten sich schwer mit ihr, weil sie so besonders war, dass nur Eingeweihte ihr Potenzial nutzen konnten; auch optisch wurde sie kritisiert, weil sie weit über die Orgelnische hinausragte. Das neue Instrument der Männedorfer Firma Kuhn, die einst die allererste Tonhalle-Orgel geliefert hatte, hält sich nun wieder an die räumlichen Vorgaben.

In Zürich steht nun die Intonation der Orgel bevor – eine Kunst, die nur ganz wenige beherrschen.

Derzeit wird die Orgel eingebaut, in aller Ruhe, denn die Einweihung wurde wegen Corona auf den September 2021 verschoben. Eine Orgelnacht wird es dann geben, später vielleicht ein wiederkehrendes kleines Festival; die Pläne sind da noch weniger konkret als in Basel.

Aber vorher, ab November, steht noch die entscheidende Schlussphase des Orgelbaus bevor: die Intonation. Spricht man mit Spezialisten über dieses Thema, wird der Tonfall jeweils feierlich. Denn das Intonieren ist eine Kunst, die nur ganz wenige beherrschenund die aus einer Orgel erst ein stimmiges, charakteristisches Instrument macht. Der Ausgleich zwischen den Registern, die Balance im Raum, die klanglichen Nuancen: Die werden hier eingestellt (respektive programmiert: Eine Orgel ist längst auch ein digitales Meisterwerk).

Vier Monate wird dieser Prozess in der Tonhalle dauernauch Nichtorganisten können daraus ablesen, wie kompliziert ein solches Instrument ist. Und während man bei Kirchenorgeln beim Bau wie bei der Intonation zuweilen pragmatisch vorgehen muss, sind Konzertsaalorgeln für die Auftraggeber wie für die Hersteller immer auch Prestigeobjekte: besonders aufwendige, besonders experimentelle Instrumente.

So ermöglicht in Basel ein erstmals in eine Saalorgel eingebautes winddynamisches Werk, die an sich statischen Klänge zu modulieren. In Zürich dagegen hat man zwei neue Register kreiert, die «Nasenflöte» im Hinblick auf zeitgenössische Werke sogar in Vierteltönen. Die Entwicklung einer Konzertorgel, sagt der Basler Organist Thilo Muster, «bedeutet immer auch einen Innovationsschub für den Orgelbau an sich».

Eine 3-D-Orgel für St. Gallen

Die spektakulärste neue Schweizer Orgel wird aber dennoch eine Kirchenorgel sein. Entwickelt wird sie für die reformierte St. Galler Kirche St. Laurenzen. Es ist eine denkmalgeschützte Kirche aus dem frühen 16. Jahrhundert, und eine architektonisch eigenwillige: Der Grundriss ist quadratischund damit ideal für das weltweit einzigartige Projekt einer 3-D-Orgel.

Der Begriff 3-D mag modisch sein, das musikalische Konzept dazu ist alt; rein zufällig sogar genau so alt wie St. Laurenzen. Entstanden ist es allerdings nicht in St. Gallen, sondern in Venedig, in San Marco, wo man die Instrumentalisten und Sänger im 16. Jahrhundert auf verschiedenen Emporen platzierte und damit einen Raumklang schuf, der die damaligen Komponisten zur Erfindung der Mehrchörigkeit inspirierte.

In St. Gallen soll dieses Prinzip der Mehrchörigkeit nun auf die Orgel übertragen werden. Das bisherige Kuhn-Instrument vorne in der Kirche bleibt bestehen; dazu kommen auf der hinteren Empore und in den erhöhten Seitenschiffen weitere Pfeifenstandorte: einer für die Prinzipalpfeifen, die den typischen Orgelsound ausmachen; einer für die weichen, obertonarmen Flöten-Register und einer für die obertonreichen, damit auch schärferen Streicher-Register.

Das Projekt stösst international auf grosses Interesse, lokal aber auch auf Kritik. Als grössenwahnsinnig wurde es bezeichnet.

In einer normalen Orgel mischen sich diese Registerfarben im Instrument und strömen dann als Gesamtklang in den Saal. In St. Laurenzen wird der Mix dagegen erst im Raum selbst zustande kommen; die Hörer werden also sozusagen im Instrument drinsitzen.

Aber wird das auch funktionieren, wie man es sich vorstellt? Ja, sagt Organist Bernhard Ruchti: Das habe man in Tests gründlich abgeklärt, indem man Instrumentalisten an den vorgesehenen Pfeifenstandorten spielen liess: «Die Klänge mischten sich perfekt und erstaunlicherweise überall im zentralen Kirchenschiff ungefähr ähnlich

Das Projekt stösst international auf grosses Interesse, lokal aber auch auf Kritik. Als grössenwahnsinnig wurde es bezeichnet, denn natürlich wäre eine blosse Renovation des bisherigen Instruments billiger gewesen. Inzwischen ist die Finanzierung zwar «nicht abgeschlossen, aber gesichert», sagt Ruchti. Für die Kirchgemeinde sei das Projekt ein «Lupf», noch sammelt man deshalb Geld, um die Defizitgarantie nicht ausschöpfen zu müssen. Aber dass die Orgel realisiert werden kann, ist bereits klar.

Bauen wird sie die Firma Goll in Luzernneben Metzler und Kuhn die dritte international renommierte Schweizer Adresse für Orgelbau. Mit der Basler Einweihung beginnt also auch ein Wettstreit der Giganten. Und wer weiss: vielleicht tatsächlich eine neue, lebhaftere, experimentierfreudigere Zeit für die Orgelmusik.