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Stelvio lähmt Giro-FavoritenBen O’Connor erteilt eine Lektion in Frustbewältigung

In der ersten grossen Bergetappe riskiert kein Sieganwärter etwas. Zu gross ist ihr Respekt vor dem grössten Pass der Rundfahrt. Ein Australier lässt sich indes nicht niederkriegen.

Applaus für sich selber: Ben O’Connor gelingt am Giro mit seinem Sieg in Madonna di Campiglio ein perfektes Bewerbungsschreiben.
Applaus für sich selber: Ben O’Connor gelingt am Giro mit seinem Sieg in Madonna di Campiglio ein perfektes Bewerbungsschreiben.
Foto: Getty Images

Wir wissen nicht, ob Radprofis von ihren Chefs ein Arbeitszeugnis verlangen. Falls ja, müsste Ben O’Connor seinen Chef Doug Ryder nun fragen, ob er dieses mit «Kann Rückschläge verarbeiten» und «Verfolgt seine Projekte mit Beharrlichkeit» ergänzen könnte.

O’Connor hat schwierige Zeiten hinter sich: Am Tag vor dem Start des Giro d’Italia gab Ryder bekannt, dass sich seine Fahrer nach einem neuen Arbeitgeber umschauen könnten – der bisherige Titelsponsor NTT verzichtet auf ein weiteres Engagement im südafrikanischen Team, es bedeutet dessen Aus.

Ausgezeichnete Bewerbung

Plötzlich ging es für O’Connor und seine Kollegen in Italien also nicht nur um den sportlichen Erfolg. Sondern ums Überleben, sprich darum, sich in diesen drei Wochen von der allerbesten Seite zu zeigen. Und das tun sie: Ihr Leader Domenico Pozzovivo fuhr in der ersten Rennhälfte, als wäre er zehn Jahre jünger als die 37, die in seinem Pass stehen. Und als ob er nie einen lebensbedrohlichen Trainingsunfall gehabt hätte, wie er ihn im August 2019 erlebt hat.

Und da wäre eben O’Connor, dieser 24-jährige Australier. Es gibt kein besseres Bewerbungsschreiben als die zwei Tage, die er in dieser letzten Giro-Woche soeben erlebt hat. Am Dienstag schafft er es in die Fluchtgruppe des Tages. Es ist die letzte flachere Etappe vor den Bergen. Doch O’Connor fährt, als wüsste er nicht von den vielen Pässen, die noch anstehen. Im Finale schliesst er allein zum vorausfahrenden Jan Tratnik auf. Nur um von diesem auf dem letzten Kilometer wieder distanziert zu werden, chancenlos.

Was macht ein Fahrer, der am Vortag 200 Kilometer im Rennen vorausfuhr? Er greift erneut an – woher nimmt er nur die Kraft dazu? 150 Kilometer fährt er nun voraus, erneut lockt für ihn und seine Fluchtkollegen der Etappensieg. Es ist der Moment, in dem O’Connor nach zwei Parforceleistungen in Folge spätestens die Kraft ausgehen muss.

Nein: müsste. Sie tut es nämlich nicht. Gut acht Kilometer vor dem Ziel beschleunigt er, fährt 20 Sekunden Vorsprung heraus – und feiert in Madonna di Campiglio den wichtigsten Sieg seiner Karriere. Wenn das kein Beweis von Ausdauer und Frustbewältigung ist.

Doch kein Abstecher nach Frankreich – wegen Corona

Die Geschichte von O’Connor ist nett. Nur wäre sie vielleicht gar nicht erzählt worden, hätten die Favoriten dieses erste von drei verbleibenden Teilstücken in den Bergen nicht im Waffenstillstand absolviert. Zu gross scheint ihr Respekt vor dem Stelvio, dem höchsten und längsten Pass dieses Giro, der am Donnerstag als Nächstes ansteht. Und auch befahren wird, wie Giro-Direktor Mauro Vegni am Mittwochabend bestätigt. Ebenso das Gerücht, das schon die Runde gemacht hatte: Die letzte grosse Bergetappe am Samstag wird gekröpft. Kein Colle dell’Agnello und Abstecher nach Frankreich – die Franzosen legten aufgrund der steigenden Corona-Zahlen ihr Veto gegen den Giro-Besuch ein. Stattdessen wird am Samstag gleich dreimal nach Sestriere geklettert – was die Aufgabe doch ein Stück einfacher macht.

Das spricht für Leader João Almeida. Und bedeutet für seine Herausforderer: So schnell wie möglich den Respekt vor dem Stelvio ablegen.