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STV-Untersuchung veröffentlichtBericht beweist: Sportlerinnen wurden regelmässig erniedrigt

Ein Anwaltsbüro untersuchte die Vorwürfe an den Schweizerischen Turnverband und fand Schockierendes heraus. Die neue Führung verspricht Aufarbeitung – blockt aber auch.

Ganz schön in Verruf geraten: die Rhythmische Gymnastik.
Ganz schön in Verruf geraten: die Rhythmische Gymnastik.
Foto: Pablo Gianinazzi (Keystone)

Unwürdige Trainingsmethoden. Erniedrigungen und Beleidigungen. Abschätzige Kommentare über Aussehen und Gewicht – die Rhythmische Gymnastik hat einen schlechten Ruf. Spätestens seit letztem Jahr hat sich die Kritik an der Disziplin des Schweizerischen Turnverbandes (STV) verschärft, nachdem diverse Medienberichte neuerliche Verfehlungen zeigten. Mehrere Turnerinnen klagten die Umgangsformen ihrer Trainerinnen an.

Der STV trennte sich daraufhin von Cheftrainerin Iliana Dineva und Nationalcoach Anelia Stantscheva und suspendierte den Chef Spitzensport, Felix Stingelin. Das Zürcher Anwaltsbüro Pachmann Rechtsanwälte beauftragte der Verband mit einer Untersuchung, dieses kontaktierte dafür 291 ehemalige und aktuelle Gymnastinnen und deren Eltern. Am Freitagmittag nun wurde dieser Bericht anlässlich einer Medienkonferenz durch Thilo Pachmann präsentiert. In anonymisierter Form wird er ab Montag aufliegen.

In schlechtem Gesundheitszustand

Bei der Präsentation zeigt sich: Einige der Vorwürfe haben sich bewahrheitet, andere wurden entkräftet. Zum grossen Bild sagt Pachmann: «Es ist schockierend, in welch konstant schlechtem Gesundheitszustand die Gymnastinnen waren.» Bei einer umfassenden Befragung der Opfer taten sich Abgründe auf: Regelmässig seien Gymnastinnen angeschrien worden und regelmässig beleidigt. Regelmässig fühlten sie sich blossgestellt. Und ein Viertel der Befragten sagte gar, dass ihnen durch die Trainerinnen regelmässig Schmerzen oder Verletzungen zugefügt worden seien. Mit «regelmässig» sei «einmal im Monat» zu verstehen, führte Pachmann aus. Wie die Verletzungen zustande kamen, erklärte er nicht.

Konkret kritisiert der Jurist die fehlende Kontrolle durch die Verantwortlichen im STV, neben Stingelin auch der langjährige Geschäftsführer Ruedi Hediger. Der Aargauer schied Ende Jahr einvernehmlich aus dem Turnverband aus. Es sei auch bei den Einstellungen von neuem Personal zu Verfehlungen gekommen. So wurde Maria Balado als Nachwuchschefin beschäftigt, obschon Vorwürfe gegen sie bereits bekannt waren. Wie der STV nun mit Balado verfährt, die noch immer angestellt, in Magglingen aber mit einem Hallenverbot belegt ist, bleibt offen. Der Verband äussere sich nicht zu einzelnen Personen, lässt er ausrichten.

Dineva zu Unrecht gefeuert?

Im Bericht von allen Anschuldigungen reingewaschen wird Iliana Dineva. Die Cheftrainerin soll die Gymnastinnen beleidigt, unter anderem als «fette Kuh» bezeichnet haben, hiess es in Berichten des «Blicks», der diese Vorwürfe im vergangenen Juni als Erstes publik machte.

Bei der umfassenden Befragung der Opfer und deren Angehörigen habe sich nun allerdings gezeigt, so Jurist Pachmann, dass sich bis auf eine Gymnastin niemand an eine solche Beleidigung erinnern könne. Oder sie Dineva nur schon zutrauen würde. Nachdem die Trainerin nach ihrer Entlassung mehrfach ihre Unschuld beteuert hatte, stellen sich in ihrem Fall deshalb nun vertragsrechtliche Fragen. Auch darauf geht der STV nicht ein.

Stattdessen spricht Fabio Corti, seit 1. Januar neuer Präsident des Zentralvorstandes, den Opfern im Namen des Turnverbandes eine Entschuldigung aus. Und die neue Direktorin Béatrice Wertli sagt: «Wir stellen uns der Verantwortung, den Fall aufzuarbeiten.» Wertli, einst Kommunikationschefin und Generalsekretärin der CVP Schweiz und in leitender Position bei der Schweizerischen Post und dem Bundesamt für Sport beschäftigt, ist Anfang Jahr auf Ruedi Hediger gefolgt.

Eine von Wertlis ersten Aufgaben wird sein, die Position des Chefs oder der Chefin Spitzensport neu zu besetzen, die Ersatzperson von Felix Stingelin. Gemeinsam soll nachher die Zielvereinbarung für das Nationalkader der Rhythmischen Gymnastik definiert werden. Sportlich ist dieses am Boden, die ursprünglich geforderte Qualifikation für die Olympischen Sommerspiele 2024 ist erledigt. Erst gilt es, für die Gymnastinnen würdige Trainingsmöglichkeiten bereitzustellen.

Und bei den «Magglingen-Protokollen»?

Der am Freitag veröffentlichte Bericht beschäftigte sich ausschliesslich mit den Vorwürfen zum Bereich Rhythmische Gymnastik. Die Anschuldigungen beim Frauen-Kunstturnen, die im «Magazin» unter dem Titel «Magglingen-Protokolle» bekannt wurden, beschäftigen derzeit die neu gegründete und unabhängige Ethikkommission des STV. In diesem Fall geht es unter anderem um die Trainingsmethoden des aktuellen Nationaltrainers Fabien Martin.

Zudem soll im Laufe des Jahres eine von Sportministerin Viola Amherd in Auftrag gegebene externe Untersuchung abgeschlossen sein.

17 Kommentare
    Heinz Schär

    Es ist sehr betrüblich, dass wir heute über dieses Thema endlich sprechen. Dies ist seit über 1-2 Jahrzehnten bekannt!

    Und wer glaubt, dies sei nur in dieser Sportart so, wird später nochmals enttäuscht!