«Es fühlen sich mehr junge Menschen einsam als ältere»

Altersdiskriminierung habe gesundheitliche Folgen und verursache hohe Kosten, sagt der Forscher Christian Maggiori. Er will Kindern ein neues Bild vom Alter vermitteln.

«Die Lebensphasen haben sich generell nach hinten verschoben», sagt Christian Maggiori. Foto: Franziska Rothenbuehler

«Die Lebensphasen haben sich generell nach hinten verschoben», sagt Christian Maggiori. Foto: Franziska Rothenbuehler Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Maggiori, Haben Sie Angst vor dem Alter?
Ich habe nicht Angst vor dem Alter. Aber ich habe Angst, im Alter diskriminiert zu werden. Ich befürchte zum Beispiel, als Patient nicht mehr mit dem nötigen Respekt behandelt zu werden.

Woher kommt diese Angst?
In einer alternden Gesellschaft gibt es Spannungen zwischen den Generationen. Viele befürchten, dass die Sozialwerke für die nachfolgenden Generationen nicht mehr finanziert werden können. Zudem nimmt das Verständnis für die Lebensrealität älterer Menschen ab. Studierende der Psychologie, der Medizin und der Sozialarbeit werden in ihrer Ausbildung nur unzureichend damit konfrontiert.

Aber die Gesellschaft wird ja immer älter?
Deshalb braucht es dringend mehr Berufsleute, die im Umgang mit älteren Menschen kompetent sind. Studien aus dem medizinischen Bereich zeigen, dass Fehlbehandlungen älterer Menschen häufig auf die Unkenntnis der Bedürfnisse dieser Menschen zurückzuführen sind.

Aber heute reden doch alle davon, dass es zum Beispiel mehr palliativmedizinische Angebote braucht?
Das Problembewusstsein steigt. Schliesslich weisen die Statistiker seit langem auf die demografischen Herausforderungen hin. Aber bis zur Umsetzung von Massnahmen dauert es eine Weile.

Was ist denn überhaupt Altersdiskriminierung?
Altersdiskriminierung beruht auf Stereotypien und Unkenntnis. Es gibt mehr negative Stereotypien übers Alter als positive. So gelten ältere Menschen als deprimiert, alleine, krank, abhängig, fragil und schwach. Viele dieser Stereo­typien sind falsch.

Zugleich sagt man heute, 60 sei das neue 40. Die Alten würden immer fitter.
Die ältere Bevölkerung als solche gibt es nicht. Die Realitäten differenzieren sich immer mehr aus. Aber die Stereotypien bleiben.

Gemäss einer europäischen Studie ist Altersdiskriminierung schlimmer als Sexismus oder Rassismus. Ist das ein Witz?
Leider nein. Ich würde keine Rangliste der Diskriminierungsformen erstellen. Aber Altersdiskriminierung ist ein gravierendes soziales Problem, das weniger bekannt ist als Sexismus und Rassismus. Im Französischen gibt es dafür den Begriff des «âgisme».

«Warum sollte man ältere Menschen nicht direkt fragen, ob sie übers Sterben oder über Sterbehilfe reden wollen?»

Früher galten ältere Menschen als weise. Ist Altersdiskriminierung eine Folge der Industrialisierung?
Das kann man so nicht sagen. Es hat schon seit jeher Formen der Altersdiskriminierung gegeben. Aber es gibt eine US-Studie, die 400 Millionen Begriffe aus den Jahren 1810 bis 2010 auf Stereotypien gegenüber älteren Menschen analysiert hat. Resultat: Seit 1810 nimmt deren Häufigkeit exponenziell zu. Und ab 1880 gibt es mehr negative als positive Stereotypien.

Also ist Altersdiskriminierung doch eine Folge der Industrialisierung?
Ein Zusammenhang ist schwierig nachzuweisen. Den Begriff «âgisme» gibt es erst seit 1969. Dies deutet darauf hin, dass auch die demografische Alterung der Gesellschaft eine der Ursachen von Altersdiskriminierung ist. Sie hat das Verhältnis zwischen den Generationen und die Vorstellungen vom Alter verändert. Die Weltwirtschaftskrise ab 2008 hat dies noch verstärkt.

Warum ist man sich denn des ­Problems kaum bewusst?
Die Lebensphasen haben sich generell nach hinten verschoben. Mit 40 kriegen viele noch Kinder. Und mit 60 oder 70 fühlt man sich noch nicht alt. Aber selbst wenn man sich in diesem Alter noch jung fühlt, ist das keine Garantie gegen Altersdiskriminierung. Wer weisse Haare und einen weissen Bart hat, wird oft mit lauter Stimme angesprochen, obwohl er sich vielleicht noch jung fühlt.

Die laute Ansprache könnte auch höflich gemeint sein?
Wenn man die angesprochene Person kennt und weiss, dass sie Probleme mit dem Gehör hat, ist eine laute Ansprache höflich. Aber wenn man eine Person bloss aufgrund ihrer weissen Haare laut anspricht, ist das diskriminierend, weil damit die Person auf ihr Alter reduziert wird.

«Negative ­Vorstellungen vom Alterverursachen gesundheitliche Probleme.»

Das klingt etwas gesucht.
Nein. Auf der Suche nach älteren Auskunftspersonen, mit denen wir über Lebensende, Sterben und Sterbehilfe reden wollten, haben die angefragten Institutionen zunächst abweisend reagiert. Es hiess, wir sollten das Thema meiden, weil das die Personen unnötig beunruhigen könnte. Warum sollte man die älteren Menschen nicht direkt fragen können, ob sie über diese Themen sprechen möchten? Es ist diskriminierend, sie präventiv davon zu verschonen. Man nimmt in Anspruch, für jemand anderen zu entscheiden, was ihm zugemutet werden kann und was nicht.

Was ist das Gemeinsame von Sexismus, Rassismus und Altersdiskriminierung?
Das Stereotyp. Auf der Basis von Stereotypien bestimmen wir unser Verhalten.

Ältere Menschen gehen aber nicht auf die Strasse. Sie sind sich ihrer Diskriminierung offenbar gar nicht bewusst?
Das trifft nur auf den ersten Blick zu. Vor zwei Jahren haben wir im Rahmen eines Projekts rund hundert Personen im Alter von 65 plus gefragt, ob sie im letzten Jahr Opfer von Altersdiskriminierung geworden sind. Das haben nur 35 Prozent bejaht. Als wir die Leute aber präziser gefragt haben, ob sie wegen ihres Alters schon mal der Langsamkeit bezichtigt wurden oder ob ihre Meinung ignoriert oder ihre Probleme banalisiert wurden, haben dies durchschnittlich 80Prozent der Befragten bejaht.

Sie erhielten einen Förderpreis, weil Sie Kinder für Altersdiskriminierung sensibilisieren wollen. Warum arbeiten Sie nicht mit den Opfern?
In einer idealen Welt müsste man auf allen Stufen sensibilisieren. Wir haben uns für die Kinder entschieden, weil die Stereotypien in diesem Alter internalisiert werden.

Welche Vorstellung vom Alter wollen Sie den Kindern vermitteln?
Die Kinder sollen das Alter besser verstehen lernen. Natürlich gibt es Menschen, die im Alter einsam sind. Aber in der Schweiz fühlen sich mehr junge Menschen einsam als ältere. Das wollen wir den Kindern aufzeigen.

Wie wollen Sie das machen?
Wir fragen zuerst ältere Menschen, welches Bild man den Kindern vom Alter vermitteln sollte. Später möchten wir mit hundert bis zweihundert Kindern beginnen und in Schulklassen Gesprächsgruppen mit älteren Menschen bilden. Dort können die Kinder von ihnen und diese wiederum von den Kindern lernen. Im Zusammenhang mit der Fachhochschule für Ingenieurwissenschaften wollen wir interaktive Videos oder Videospiele entwickeln, in denen ältere Menschen die Protagonisten sind. So sollen bei den Kindern die Vorstellungen vom Leben im Alter erweitert werden. Kinder lernen, dass ältere Menschen fast alles machen können, wenn auch vielleicht in einer anderen Weise als junge Menschen. Im besten Fall erhalten die Schulen «Werkzeuge», um das Thema Altersdiskriminierung zu vermitteln.

«Der Kampf gegen Altersdiskriminierung könnte viel zur Senkung der Gesundheitskosten beitragen.»

Wenn Sie dafür Geld wollen, müssen Sie die Politik überzeugen.
Da bin ich zuversichtlich. Das Bewusstsein für die Folgen einer zunehmend überalterten Gesellschaft wird steigen.

Warum sollte man Altersdiskriminierung erforschen? Welcher Schaden könnte entstehen, wenn man es ­unterlässt?
Altersdiskriminierung kann gravierende Folgen haben, auch ökonomisch. Sie hat einen negativen Effekt aufs Selbstvertrauen, auf die intellektuellen Fähigkeiten und auf die Gesundheit. Wer von Altersdiskriminierung betroffen ist, hält sich eher für abhängig von anderen. Eine belgische Studie hat gezeigt, dass selbst der menschliche Gang durch Altersdiskriminierung negativ beeinflusst wird. Zwei Gruppen älterer Menschen nahmen an einem Gedächtnisexperiment teil. Den Mitgliedern der einen Gruppe sagte man, wenn sie Probleme hätten, Begriffe zu memorieren, sei das nicht weiter schlimm, weil ältere Menschen sowieso Probleme mit dem Gedächtnis hätten. Anschliessend liess man beide Gruppen einen Gang entlanggehen, um ihre Bewegungen mittels Kameras zu analysieren. Wem gesagt wurde, dass Gedächtnislücken im Alter normal seien, der ging langsamer und gebückter den Gang entlang.

Klingt eigenartig.
Nein. Stellen Sie sich vor, dass man Sie jeden Tag derart «rücksichtsvoll» behandelt. Das hat Folgen, selbst für Ihren Lebenswillen. Dieser ist bei Opfern von Altersdiskriminierung erwiesenermassen weniger ausgeprägt. In Langzeitstudien hat man festgestellt, dass negative Vorstellungen vom Alter und vom Älterwerden tatsächlich mehr gesundheitliche Probleme im Alter verursachen. Fazit: Der Kampf gegen Altersdiskriminierung könnte viel zur Senkung der Gesundheitskosten beitragen.

Wie hoch sind denn die Kosten von Altersdiskriminierung?
Das kann man leider nicht sagen.

Haben Sie die Krankenkassen schon um Unterstützung gebeten?
Nein. Für uns wäre es interessanter, von den Kassen Informationen und Daten zum Problem zu erhalten.

Verhalten sich die Krankenkassen selber nicht altersdiskriminierend, wenn sie ältere Leute nicht mehr in die Zusatzversicherung aufnehmen?
Ich habe das Verhalten der Krankenkassen nicht analysiert. Aber man müsste sicher auch die Kassen für Altersdiskriminierung sensibilisieren. Ein 45-jähriger Kollege von mir konnte die Zusatzversicherung nicht mehr wechseln, weil er Asthma hat. Aber solche Formen von Diskriminierung gibt es nicht nur bei Krankenkassen, sondern auch bei anderen Institutionen: Vor ein paar Jahren hat eine Bank in Belgien Kunden über 65 Jahre nur die Hälfte der verlangten Summe am Bankomaten ausbezahlt. Sie begründete dies damit, dass Kunden in diesem Alter eher Opfer von Betrügereien und Diebstahl werden könnten.

Soll man die Anti-Rassismus-Strafnorm auf Altersdiskriminierung ausweiten?
Ja. Artikel 8 der Bundesverfassung schreibt unter anderem vor, dass niemand wegen seines Alters diskriminiert werden darf. Aber ohne entsprechendes Gesetz bleibt diese Bestimmung zahnlos. In Belgien und Frankreich ist Altersdiskriminierung ein strafrechtlicher Tatbestand.

Erstellt: 05.04.2019, 23:35 Uhr

Der Forscher des Übergangs

Der 45-jährige Christian Maggiori ist Professor an der Hochschule für Soziale Arbeit in Freiburg. Nach dem Studium der Psychologe arbeitete er unter anderem als Projektleiter beim Bundesamt für Statistik. Maggiori forscht zur Gesundheit älterer Arbeitnehmenden, zu Fragen der Pensionierung und zum Alterssuizid. Ende letzten Jahres erhielt er einen Preis der Stiftung Leenaards für ein Forschungsprojekt zum Thema Alters­diskriminierung.

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