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Luxus und DDR-CharmeBesuch auf Deutschlands grösster Insel

Rügen erlebt nach dem Corona-Lockdown einen Gästeansturm. Drei Charakterköpfe und ihr Leben auf der Ostseeinsel.

Der ruhige Kurort Binz zieht nach dem Lockdown wieder zahlreiche Besucher an.
Der ruhige Kurort Binz zieht nach dem Lockdown wieder zahlreiche Besucher an.
Foto: Getty

Matthias Schilling, Landwirt und Gastronom, Schaprode

Landwirt und Unternehmer Matthias Schilling hilft in seinem Restaurant Schillings Gasthof im Fährhafen von Schaprode tatkräftig mit.
Landwirt und Unternehmer Matthias Schilling hilft in seinem Restaurant Schillings Gasthof im Fährhafen von Schaprode tatkräftig mit.
Foto: Jacqueline Vinzelberg

Ein ruhiges Gespräch mit Matthias Schilling zu führen, erweist sich im Gasthof, der seinen Namen trägt, als ambitioniertes Unterfangen. «Mike, ich mache die Getränke bereit», ruft er dem Kellner zu, der in den gut gefüllten Aussenbereich von Schillings Gasthof in Schaprode eilt. «Einmal Unternehmer, immer Unternehmer», sagt der 39-Jährige, der im Norden Deutschlands zum TV-Star wurde.

«Das Fernsehen hat uns viel Aufmerksamkeit und Kundschaft gebracht.»

Der NDR hatte einen langen Film über das Leben Schillings auf der 75 Hektaren grossen Insel Oehe gedreht, über seine Weiderinder und Heidschnucken-Schafe. Der Film wurde mehrfach wiederholt. Es folgten kleinere TV-Episoden, und in der Corona-Krise strahlte der Sender ein Schilling-Gesamtepos aus. «Das Fernsehen hat uns viel Aufmerksamkeit und Kundschaft gebracht», bekennt Matthias Schilling.

Der studierte Agronom übernahm den Hof auf Oehe und setzte damit eine 700-jährige Familientradition fort. Die Insel liegt beim Hafen von Schaprode, eine altertümliche Fähre sorgt für die Verbindung zu Rügen. Der Tausendsassa lässt auf den Salzwiesen 200 Rinder weiden – eine Kreuzung der Fleischrassen Limousin und Blonde d’Aquitaine. Das Vieh lebt im Freien und kommt ohne Kraftfutter durch den Winter. Schilling vertreibt das sehr schmackhafte Fleisch über exklusive Läden, vor allem aber in seinem kleinen Imperium – im Gasthof in Schaprode, in seinen drei Restaurants auf Hiddensee und im dortigen Hofladen Tante Hedwig. Ausserdem ist Schilling in die Fischverarbeitung eingestiegen; die schönen Dosen mit den eingemachten Heringen geniessen Kultstatus. «Ich habe einfach aufgehoben, was am Boden lag», umschreibt Schilling sein Erfolgsrezept. «Nachdem ich zu Beginn der Corona-Krise Existenzängste hatte, läuft es nun hervorragend. Wir haben sogar neue Kundschaft gewonnen.»

Hinter der munteren Fassade steckt auch ein Grübler. Der Familienvater verlor 2016 seinen kleinen Sohn. «Ich wurde aus meiner Komfortzone gerissen. Das hat mich aber noch mehr motiviert, etwa zur Expansion auf die Nachbarinsel Hiddensee.» Bald wird der auf Nachhaltigkeit Bedachte seine Rinderherde aufstocken. 250 Hektaren Wiesland auf Rügen sind gepachtet. Auf der Anrichte im Gasthof dampfen jetzt Fisch und Steak. Schilling schnappt sich die Teller und balanciert sie zu den hungrigen Gästen.

Karsten Schneider, Bürgermeister, Binz

Karsten Schneider, Bürgermeister von Binz, gönnt sich im  Strandkorb in der Gemeindeverwaltung eine kurze Ruhepause.
Karsten Schneider, Bürgermeister von Binz, gönnt sich im Strandkorb in der Gemeindeverwaltung eine kurze Ruhepause.
Foto: Jacqueline Vinzelberg

Als die Touristen während des Corona-Lockdown der Insel Rügen fernblieben und das öffentliche Leben zum Stillstand kam, leerte sich die Agenda von Karsten Schneider. Dem Bürgermeister von Binz oblagen kaum Repräsentationspflichten. «Es war sehr ruhig», erinnert sich der höchste Binzer, seit 2011 im Amt. «Wir realisierten, wie sehr wir vom Tourismus abhängen.»

Schneider vermisste die Termine ausserhalb des Rathauses auch, «weil das meist positive Erlebnisse mit viel Wertschätzung sind». Die fehlt dem 56-Jährigen gerade etwas im Amt. Bei der Wahl der Gemeindevertretung, des 17-köpfigen kommunalen Parlaments, haben sich vor einem Jahr die Kräfteverhältnisse verschoben. Die Mehrheit liegt nun bei neun Vertretern von zwei Wählervereinigungen und einem AfD-Mann. Immobilien- und Tourismuslobby haben stark an Einfluss gewonnen.

«Man macht mir das Leben nicht leicht.»

«Man macht mir das Leben nicht leicht», sagt Schneider, ein kräftiger, grosser Mann mit einer tiefen, beruhigenden Stimme. «Mein Wohl verdrängt leider Gemeinwohl», konstatiert der Parteiunabhängige, der früher als Gymnasiallehrer arbeitete. Bis zu 18’000 Euro kostet der Quadratmeter Bauland im Ostseebad. «Wenn sich die Investoren behindert fühlen, fahren sie mit scharfem Geschütz gegen uns auf», sagt Schneider, der gerne den Verkehr in der 6000-Seelen-Gemeinde beruhigen möchte.

Ausserdem hält die Sanierung von Prora den Bürgermeister auf Trab: Die fünf verbliebenen Blöcke des gigantischen Seebades aus der Nazi-Zeit sind zu zwei Dritteln wieder hergerichtet. 3000 Gästebetten entstehen, dazu Wohnungen für Dauermieter. In einem Museum wird die belastete Geschichte aufgearbeitet.
«Wenn es gelingt, den Charme des traditionellen, eher ruhigen Kurortes Binz mit der neuen Ambiance von Prora zu verbinden, erzielen wir einen Mehrwert», wünscht sich Karsten Schneider. «Dann ist Binz ein hervorragender Ferienort für alle Generationen.»

Roberto Brandt, Fischer, Baabe

Fischer Roberto Brandt im Ölkittel mit seinem Boot am Strand von Baabe.
Fischer Roberto Brandt im Ölkittel mit seinem Boot am Strand von Baabe.
Foto: Jacqueline Vinzelberg

Die Möwen sind flugs zur Stelle: Roberto Brandt, sein Sohn Jan und Wolfgang Freitag, den alle nur «Zwölfer» nennen, ziehen das blaue Boot mit dem Namen Baabe 20 auf den Strand, hieven die Netze auf eine lange Metallplatte und klauben die Heringe heraus, die sich mit den Kiemen in den engen Maschen verfangen haben. «Wir nehmen die Fische aus, die Möwen stürzen sich wie wild auf die Innereien und Köpfe», schmunzelt Brandt.
Der 64-Jährige arbeitet seit 1976 als Fischer in Baabe im Osten von Rügen. Zu DDR-Zeiten unter dem Dach einer Genossenschaft, heute als Unternehmer, der die Wertschöpfungskette selber bestimmt: Brandt verkauft den gesamten Fang in seinem Restaurant zum Fischer, das er in einer ehemaligen Garage eingerichtet hat. «Wir haben in Baabe keinen Hafen, mein grösseres Boot ist nicht mal sieben Meter lang», sagt Brand, «die Möglichkeiten hier sind beschränkt.»

«1970 gabs in Baabe 30 Fischer, heute sind es noch zwei Betriebe.»

Im Frühling stellt er die Netze für die Heringe, die zum Laichen in den Greifswalder Bodden schwimmen. Im Laufe des Jahres kommen Steinbutt, Flunder und Dorsch an die Reihe. «1970 gabs in Baabe 30 Fischer, heute sind es noch zwei Betriebe», so Brandt, der am Strand mit dem wettergegerbten Gesicht, den langen Stiefeln und dem orangen Ölzeug ein beeindruckendes Bild abgibt.

Im Restaurant zum Fischer bleibt derweil kaum ein Platz frei. «Als wir den Betrieb nach der Corona-bedingten Schliessung wieder öffneten, erlebten wir einen extrem guten Juni – und der Andrang hält immer noch an.»
In der Küche kommt die Crew kaum nach mit der Zubereitung der Fischsuppe. Der kulinarische Stolz des Fischermeisters ist aber der Heringteller mit gebratenem und mariniertem Hering, Bismarckhering und Matjes. «Alles hausgemacht, sehr aufwendig», sagt Brandt. Von diesen Leckereien kriegen die Möwen ganz bestimmt nichts ab.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern.