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GastkommentarBilder zeigen nie die ganze Realität

Tageszeitungen und Online-Medien sollten darauf verzichten, besonders symbolträchtige Bilder von Ereignissen zu zeigen.

Das verhüllte Gesicht der Pandemie: Ein Polizist beim Einsatz im Zürcher Milieu Anfang September.
Das verhüllte Gesicht der Pandemie: Ein Polizist beim Einsatz im Zürcher Milieu Anfang September.
Foto: Urs Jaudas

Das Foto des vermummten Polizisten kürzlich auf der Frontseite des «Tages-Anzeigers» hat mich entsetzt – so entsetzt, dass ich mein Abonnement kündigen wollte. Mir geht es dabei nicht um die Unverhältnismässigkeit des Einsatzes, die der Tagi wenige Tage danach auch thematisiert hat. Es geht mir schlicht darum, dass so ein Bild überhaupt auf der Frontseite einer grossen Tageszeitung abgebildet wird.

Solche Bilder sind stark. Weil sie so stark sind, tragen sie zur Meinungsbildung bei. Sie können aber auch missbraucht werden. Als ich im Jahre 2000 als Arzt mit den Médecins Sans Frontières in Moçambique bei verheerenden Überschwemmungen im Einsatz war, ging ein solches Bild um die Welt. Es zeigte eine Mutter, die ihr Kind auf einem isolierten, aus den Fluten ragenden Baum auf die Welt gebracht hatte. Dank dieses Bildes konnte die Regierung das wundersame Ereignis zum Symbol für die Widerstandskraft des krisengeschüttelten Landes emporstilisieren.

Hoffnung, wo es eigentlich keine Hoffnung gibt: Ein Helikopter holte im Jahr 2000 eine Frau und ihren Säugling von einem Baum im überschwemmten Moçambique.
Hoffnung, wo es eigentlich keine Hoffnung gibt: Ein Helikopter holte im Jahr 2000 eine Frau und ihren Säugling von einem Baum im überschwemmten Moçambique.
Foto: AP

Diese Geburt auf einem Baum war ebenso real wie der Einsatz der Zürcher Stadtpolizei. Allerdings zeigen die beiden ikonischen Bilder jeweils nur einen Ausschnitt der Realität, einen speziellen, eben symbolträchtigen: Dort das Überleben unter widrigsten Umständen, hier das verhüllte Gesicht einer weltweiten Pandemie. Dieses Gesicht ist jedoch verfälscht. Es gibt den Eindruck eines Killervirus à la Ebola, was es – ohne es zu verharmlosen – definitiv nicht ist. Es ist Zeit, differenziert und reflektiert die Handhabung der Epidemie zu beleuchten.

Etwas Zweites ist den zwei Bildern gemeinsam: Beide Krisen wurden primär durch die Natur ausgelöst. Dort die sintflutartigen Regenfälle, hier die Pandemie. Aber nicht nur die schicksalhafte Naturgewalt hatte weitreichende Folgen.

In einer Zeit der Verunsicherung und der tief sitzenden Angst sollten Journalisten auf solche Bilder verzichten.

In Moçambique verschlimmerte die Öffnung der Schleusen zum Bersten voller Stauseen in Südafrika die Lage. In der aktuellen Pandemie werden viele langfristige Folgen auch durch die von den Menschen veranlassten Massnahmen über Jahre zu spüren sein. Wie viel Leid wir verhindert haben, indem wir die Pandemie bekämpften, werden wir nie wissen. Wir werden aber genauso wenig wissen, wie viel Leid angerichtet wurde durch den Lockdown und die immer noch gültigen, äusserst weitreichenden Massnahmen gegen die Verbreitung des Virus.

In einer Zeit der Verunsicherung und der auch teilweise tief sitzenden Angst wünschte ich mir, dass die Journalisten in den Tageszeitungen auf solche Bilder verzichten. Zumindest diesen beeinflussbaren Faktor des Leids sollen sie nicht noch steigern.

12 Kommentare
    Daniel Stoffer

    Bravo! Zu diesen Bildern kann man auch die zählen, die den angeblichen Transport von mutmasslichen Corona-Toten auf Armeelastwagen zeigen sollen. Aber genau das ist der Zielkonflikt den solche Tagszeitungen haben. Auflage generiert sich nicht einfach so und etwas Populismus hat, in dieser Beziehung, noch nie geschadet. Da bleibt dann die Vernunft auf der Strecke.