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Proteste in BelgienBis Ende Juni soll Ex-König Leopold II. verschwinden

Die Anti-Rassismus-Proteste in den USA befeuern die Debatte über die belgische Kolonialgeschichte und die Hinterlassenschaften von Ex-König Leopold II.

Bei den Anti-Rassismus-Protesten in Belgien richtet sich die Wut auch gegen Statuen von König Leopold II.
Bei den Anti-Rassismus-Protesten in Belgien richtet sich die Wut auch gegen Statuen von König Leopold II.
Foto: Yves Herman / Reuters

Zuerst haben Unbekannte blutrote Farbe über die Statue geschüttet, den Sockel mit Graffiti überdeckt. Dann versuchten sie es mit Feuer und raubten Belgiens Ex-König Leopold II. den Säbel, auf den der Monarch aus Stein sich stützte. Inzwischen ist die überlebensgrosse Statue in Ekeren bei Antwerpen so beschädigt, dass sie am Montag per Kran entfernt werden musste.

Die Anti-Rassismus-Proteste in den USA befeuern in Belgien auch die Debatte über Ex-König Leopold II. und seine Hinterlassenschaft. Doch was hat die Polizeigewalt in den USA mit der Kolonialgeschichte einer 190 Jahre alten Monarchie in Europa zu tun? Da kommt vieles zusammen. Die Belgier lernen Leopold II. in der Schule noch immer als den König kennen, der das Land aufbaute und Brüssel zu einer Metropole mit europäischer Strahlkraft machte.

Kolonialgeschichte und Alltagsrassismus

Dass der Monarch Belgiens Aufbau mit Erträgen aus seiner Privatkolonie im Kongo finanzierte, ist allerdings auch kein Geheimnis . Inzwischen kritisiert nicht nur die kongolesische Diaspora in Belgien, dass die ehemalige Kolonialmacht ihre blutige Geschichte so gar nicht aufgearbeitet hat. Die kongolesische Gemeinschaft stört sich, wie die ehemaligen Zuwanderer aus Nordafrika, aber natürlich auch an der Polizeigewalt und der Diskriminierung im belgischen Alltag, bei der Job- oder Wohnungssuche.

«Wir haben nicht diese Opferzahlen wie in den USA, aber die Brutalität der Polizei erreicht in Belgien neue Dimensionen», sagt Mireille-Tsheusi Robert, Präsidentin der regierungsunabhängigen Bamko. Bei den Black- Lives-Matter-Protesten in Brüssel wurde auch an die zwei Jugendlichen Adil und Mehdi erinnert, die in den letzten Monaten auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle in Brüssel ums Leben kamen. Viele Jugendliche aus Einwandererfamilien hätten das Gefühl, was in den USA George Floyd geschehen sei, dem jungen Afroamerikaner, der unter dem Knie eines Polizisten erstickte, könne ihnen auch passieren, sagt Aktivistin Mireille-Tsheusi Robert.

Und immer wieder fokussieren sich die Proteste in den letzten Tagen auch auf die Leopold-Statuen. In Gent wurde eine Büste von Leopold mit roter Farbe überschüttet. «Ich kann nicht mehr atmen», hat jemand die letzten Worte von George Floyd draufgemalt. Manche sehen zwischen der unaufgearbeiteten Kolonialgeschichte und dem Alltagsrassismus eine Kontinuität. Fast jede Stadt hat eine Statue, in Brüssel sitzt ein mächtiger König Leopold II. an zentraler Lage auf einem Pferd. «Assassin» (Mörder) haben Unbekannte während der letzten Kundgebung auf den Sockel gesprayt. Hinzu kommen die Strassen und Plätze, die nach dem Monarchen benannt sind. Das Brüsseler Hauptquartier der Nato liegt am Boulevard Leopold II.

Statue für Massenmörder

«Niemand kann sich vorstellen, dass in Deutschland Statuen von Adolf Hitler stehen oder Plätze nach einem Massenmörder benannt sind», sagte Mireille-Tsheusi Robert von der NGO Bamko. König Leopold sei genauso ein Massenmörder gewesen wie Hitler. Belgiens zweiter König Leopold kontrollierte den Kongo ab 1885 als Privatkolonie, liess Rohstoffe ausbeuten und nach Europa bringen. 1908 überliess er das riesige Territorium dem belgischen Staat, der den Raubbau bis zur Unabhängigkeit des Kongo 1960 weiterbetrieb.

Je nach Schätzung sollen bis zu zehn Millionen Kongolesen oder ein Drittel der damaligen Bevölkerung während der Herrschaft Leopolds ums Leben gekommen sein. Der Monarch setzte zwar selber nie einen Fuss in den Kongo. Doch sein Kolonialregime gilt als besonders grausam. Leopolds Truppen hatten die Anweisung, Kongolesen die Hände abzuhacken, wenn sie die Arbeit verweigerten. Für einen menschlichen Zoo liess er um die Jahrtausendwende Afrikaner nach Brüssel bringen, die dort zum Teil an Kälte und unbekannten Krankheiten starben.

Eine beschädigte Skulptur mit dem ehemaligen König Leopold II. in Ekeren bei Antwerpen.
Eine beschädigte Skulptur mit dem ehemaligen König Leopold II. in Ekeren bei Antwerpen.
Foto: Bart Biesemans / Reuters

Die Belgier würden Leopold als König kennen, der ihr Land aufgebaut habe, so Aktivistin Mireille-Tsheusi Robert. Doch sei Belgiens Aufbau zu einem grossen Teil mit dem Diebstahl aus dem Kongo finanziert worden. Die jüngere Generation will auch inspiriert durch die Anti-Rassismus-Proteste in den USA nicht länger verdrängen. Zwei Onlinepetitionen, eine von einem 14-Jährigen lanciert, haben in Rekordzeit schon über 60000 Unterschriften vereinigt. Die Forderung: Bis zum 30. Juni, dem 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo, soll Leopold von allen Plätzen verschwinden. In Ekeren bei Antwerpen haben die Behörden bereits den Anfang gemacht. Die beschädigte Statue soll jetzt restauriert und vielleicht später in einem Museum wieder aufgestellt werden.