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Studien zur KlimamigrationBleiben bis zur Schmerzgrenze

Die Klimakrise vertreibt Menschen schon heute aus ihrer Heimat, allerdings nicht überall gleich stark – und Europa ist nicht die erste Destination.

Syrische Flüchtlinge an der Küste der griechischen Insel Lesbos, nach der Flucht  im Schlauchboot von der Türkei  aus.
Syrische Flüchtlinge an der Küste der griechischen Insel Lesbos, nach der Flucht im Schlauchboot von der Türkei aus.
Foto: Santi Palacios  (AP)

Sie kamen von Afrika über das Meer, von Libyen oder Tunesien. Syrer und Afghanen nahmen die Balkanroute. Hunderttausende. Fünf Jahre ist der Spätsommer 2015 jetzt her. Viele verbinden mit den Bildern von damals noch immer den Beginn einer grossen Fluchtbewegung in Richtung Europa.

Doch die grössten Migrationsströme könnten der Welt erst noch bevorstehen. Wissenschaftler sind sich einig, dass die Erderwärmung einige schon jetzt unwirtliche Regionen beinahe unbewohnbar machen wird. Höhere Temperaturen und stärkere Niederschlagsschwankungen sowie plötzlich auftretende Naturkatastrophen wie etwa Tropenstürme vernichten zudem Ernten und damit die Lebensgrundlage vieler Bauern.

Doch wie viele Menschen sich tatsächlich auf den Weg in ein fremdes Land machen, ist durchaus umstritten. Schliesslich werden Landwirte in manchen Ländern durch derlei Krisen so arm, dass sie sich den teuren Umzug in andere Regionen schlicht nicht mehr leisten können. Andernorts sind Bauern technisch gut ausgestattet und kommen mit den veränderten klimatischen Bedingungen gut zurecht.

Flüchtlinge mit mittlerem Einkommen

Eine Überblicksstudie unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) zeigt nun, in welchen Ländern und unter welchen Bedingungen ein verändertes Klima Menschen am ehesten auswandern lässt. Ein fünfköpfiges Team um Roman Hoffmann vom PIK und dem Wiener Institut für Demographie hat dazu 30 Studien zur Klimamigration miteinander verglichen. Die Ergebnisse wurden diese Woche im Fachblatt «Nature Climate Change» veröffentlicht.

«Die arme Bevölkerung kann sich aufgrund fehlender Ressourcen einen Umzug oft nicht leisten.»

Roman Hoffmann, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Die 30 Studien beschäftigen sich mit Migrationsbewegungen von 1960 bis 2015 in verschiedenen Regionen; 27 davon kamen zu dem Ergebnis, dass Umweltfaktoren Migration beeinflussen. Hoffmann und Kollegen betonen, dass bislang insbesondere Länder mit mittlerem Einkommensniveau betroffen sind, die stark von der Landwirtschaft leben – also solche Nationen, in denen viele Menschen durch Ernteausfälle ärmer werden, aber noch genug Geld haben, um eine Reise in die Ferne zu finanzieren.

In manchen armen Ländern geht der Klimawandel tatsächlich auch mit weniger Migration einher. Hoffmanns Interpretation: «Die arme Bevölkerung dort kann sich aufgrund fehlender Ressourcen nach Missernten und anderen Umweltschocks einen Umzug oft nicht leisten.»

Meist arbeiten die Betroffenen auf dem Feld. «Besonders Kleinbauern sind auf stabile klimatische Bedingungen angewiesen und leiden unter Veränderungen und Schocks, da sie nicht über ausreichende Anpassungskapazitäten verfügen», sagt Co-Autorin Raya Muttarak. Anhand der Studienergebnisse konnten die Wissenschaftler abschätzen, wo Hotspots der Klimamigration liegen könnten. Besonders gefährdet sind demnach Lateinamerika und die Karibik, die Sahelzone, Ostafrika sowie Indien und kleinere Länder im südlichen Asien.

Europa nicht erste Destination

Dabei beeinflussen nicht alle Veränderungen des Klimas die Migration gleich stark. Die Gesamtmenge des Niederschlags spielt eine kleinere Rolle als dessen Schwankungen. Extreme Wetterereignisse wie Stürme verstärken Migrationsbewegungen im Mittel über alle Länder hinweg. Die Forscher betonen gleichwohl, dass es dabei keinen Automatismus gibt. Niemand lässt Freunde und Verwandte einzig und allein deshalb zurück, weil es in den letzten Jahren weniger geregnet hat. Entscheidungen mit solcher Tragweite werden meist aufgrund vieler verschiedener Faktoren getroffen.

Auch das Bild von afrikanischen Klimaflüchtlingen, die nach Europa wollen, ist zu simpel. So fanden die Forscher um Hoffmann zum Beispiel deutliche Belege dafür, dass Umweltveränderungen zunächst überwiegend zu Migration innerhalb eines Landes führen: Betroffene ziehen meist vom Land in die Städte. Dort gibt es aber nicht immer genug Arbeit für alle, was dann langfristig doch zu mehr Migration ins Ausland führen kann – allerdings häufig in andere Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen und nicht ins reiche Europa.

Zudem ist der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration wohl nicht linear. Das heisst: Nicht jede neue Dürreperiode führt stets zu einem gleich grossen Anstieg der Wanderungs- und Fluchtbewegungen. Einige Forscher vermuten, dass es sogenannte «soziale Kipppunkte» geben könnte: Erst passen sich die Menschen noch an den Klimawandel an – ehe dann plötzlich, wenn der Druck zu gross wird, viele auf einmal auswandern.

Ärmste leiden am stärksten

Auch der direkte Effekt des Klimawandels auf die Landwirtschaft ist vielschichtiger als manchmal suggeriert wird: In gemässigteren Breiten könnte der Klimawandel langfristig die Erträge sogar steigern, ein höherer Kohlendioxid-Anteil der Atmosphäre durch den Düngereffekt die Ernten verbessern. Doch in vielen subtropischen und heute schon trockenen Regionen werden Hitze und Wassermangel für deutlich magerere landwirtschaftliche Erträge sorgen.

Die Krux dabei ist, dass damit unabhängig von Migrationsströmen ausgerechnet die ärmsten Länder am stärksten unter der Klimakrise leiden werden. Die reichen Industriestaaten hingegen haben aber das meiste CO₂ in die Atmosphäre geblasen.