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GastkommentarBlindflug des Bundesrats in der Corona-Krise

Die Regierung nimmt mit ihren Pandemie-Massnahmen eine schwere Wirtschaftskrise in Kauf. Es fehlen aber weiterhin belastbare Zahlen dazu, was die Krankheit in der Schweiz tatsächlich anrichtet.

Entscheide ohne gesicherte Daten: Der Bundesrat informiert über Massnahmen gegen das Coronavirus.
Entscheide ohne gesicherte Daten: Der Bundesrat informiert über Massnahmen gegen das Coronavirus.
Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Wissentlich nimmt der Bundesrat in Kauf, dass wir in eine schwere Wirtschaftskrise rutschen, Tausende arbeitslos und Selbstständige ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Unzählige Menschen werden durch Kollateralschäden wegen verschleppter medizinischer Probleme, verschobener Eingriffe oder psychischer Probleme beeinträchtigt werden. Die junge Generation wird noch stärker belastet, als sie es durch den demografischen Wandel und die nicht nachhaltig finanzierte Altersvorsorge ohnehin schon ist.

Die Regierung agiert wissentlich unwissend: Die Daten, die der Bundesrat für seine Entscheide beizieht, sind verzerrt, denn sie beruhen nicht auf einer statistisch aussagekräftigen Stichprobe. Auch einen Monat nach den schweren Eingriffen in das private und öffentliche Leben gibt es keine verlässlichen Entscheidungsgrundlagen. Statistische Mindeststandards bei der Messung und Datenaufbereitung werden nicht eingehalten.

Die Versäumnisse sind nicht entschuldbar

Das sind drastische Aussagen. Warum so drastisch? Weil diese Versäumnisse mittlerweile kaum mehr entschuldbar sind und der Blindflug wissentlich und fahrlässig weitergeht. Zu Beginn waren viele Daten schlicht noch nicht vorhanden. Es fehlten die Tests und die Infrastruktur. Tests sind nun in grosser Zahl vorhanden, und die Infrastruktur hätte in dieser Zeit ausgerollt werden können.

Auf eine wöchentliche Zufalls- oder repräsentative Stichprobe – wie sie schon vor Wochen von Ernst Fehr vorgeschlagen wurde – wird weiterhin verzichtet. Seit Beginn ist klar, dass die dem heutigen Standard entsprechende Messung der Anzahl positiv Getesteter und die damit verbundenen Toten keine zuverlässige Information bezüglich der tatsächlichen Verbreitung des Virus zulassen. Damit wissen wir auch kaum etwas über den zu erwartenden Verlauf und die Schwere der Pandemie in der Schweiz. Dennoch werden noch immer vorwiegend diese Zahlen kommuniziert. Politische Entscheide werden darauf abgestützt.

Damit fehlt das Bild für das tatsächliche Risiko einer Ansteckung und den Krankheitsverlauf.

Warum ist dies so problematisch? Es werden nur jene mit Symptomen und vorwiegend jene, die zugleich einer Risikogruppe angehören, getestet. Damit fehlt das Bild für das tatsächliche Risiko einer Ansteckung und den damit einhergehenden Krankheitsverlauf. Unverzerrte Risikoabschätzungen und das vernünftige Auflösen unterschiedlicher Zielkonflikte, private wie gesellschaftliche, sind damit unmöglich.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Laut dem «Situationsbericht zur epidemiologischen Lage» des Bundesamts für Gesundheit hat die Schweiz «eine der höchsten Inzidenzen in Europa». Diese Aussage gleich zu Beginn dieses zentralen Berichts ist auf Grundlage der Zahlen zwar korrekt. Aber eben, die darauf beruhenden Aussagen sind wertlos, weil die Messungen verzerrt sind und sich die Teststrategien über die Länder hinweg stark unterscheiden.

Zu der nicht vorhandenen unverzerrten Datengrundlage aufgrund einer sauberen Stichprobe kommen weitere Lücken hinzu. Das BAG veröffentlicht beispielsweise keine systematischen und zeitnahen Informationen zur Auslastung der Kapazitäten in den Isolier- und Intensivstationen. Diese Informationen wären aber wichtig, soll der weitgehende Lockdown doch zuallererst Kapazitätsengpässe im Gesundheitswesen verhindern.

Weil all diese Informationen fehlen, bleibt es schwierig einzuschätzen, wie eine sinnvolle Lockerungsstrategie aussehen könnte.

Weil all diese Informationen fehlen, bleibt es schwierig einzuschätzen, ob, wie und welche Massnahmen für wen sinnvoll sind und wie eine sinnvolle Lockerungsstrategie aussehen könnte. Diese Intransparenz erschwert es erheblich, die Entscheide der Regierung nachzuvollziehen und, falls notwendig, evidenzbasiert zu kritisieren.

Politisch ist das zwar verständlich: Wenn Information der kritische Faktor zur Einordnung von Entscheiden ist, so ist es aus Sicht der Entscheidungsträger besser, Informationen erst gar nicht zu erheben. Damit wird auch die Aufbereitung nach der Krise und die damit verbundene Zuteilung der Verantwortung erschwert oder verunmöglicht. Aber das sollte nicht unser Standard sein.

127 Kommentare
    Rawyler Roland

    Was sagte Christoph Blocher am vergangenen Freitag zu den Entscheidungen der Landesregierung ? wer an den Hebeln der Macht sitzt, schnuppert an der Diktatur ! wer an der Diktatur richt, dem fängt sie an zu schmecken ! ich bin bei leibe kein Freund der SVP und somit auch nicht von ihrem Urgestein, was Blocher aber hier sagte, sollte ernst genommen werden !