«Als Prostituierte spürte ich die Verletzungen nicht mehr»

Als junge Frau hat Anna Schreiber zwei Jahre lang ihren Körper verkauft. Nun tritt sie mit einem Buch über ihre Erfahrungen an die Öffentlichkeit.

Einst Prostituierte, heute Psychotherapeutin: Anna Schreiber will zum besseren Verständnis der Sexarbeit beitragen. Foto: Fotostudio Thomas

Einst Prostituierte, heute Psychotherapeutin: Anna Schreiber will zum besseren Verständnis der Sexarbeit beitragen. Foto: Fotostudio Thomas

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Frau Schreiber, Sie arbeiten als Psychotherapeutin in eigener Praxis, sind verheiratet und mehrfache Grossmutter. Warum haben Sie ein Buch geschrieben über Ihre weit zurückliegende Zeit als Prostituierte?
Ich wäre selbst nicht auf die Idee gekommen. Aber ein Traumatherapeut, bei dem ich eine Weiterbildung absolvierte, nahm mir das Versprechen ab, dieses Buch zu schreiben. Sein wichtigstes Argument war: Es gibt einige Erfahrungsberichte von Prostituierten, und es gibt Fachleute, die aus Expertensicht über Prostitution sprechen können. Es gibt aber niemanden, der aus einer Doppelperspektive darüber schreibt: als Betroffene und als Psychotherapeutin. Das hat mich überzeugt.

Haben Sie nicht gezweifelt, ob Sie sich so exponieren wollen mit Ihrer Geschichte?
Doch, ich fragte mich immer wieder: Darf ich das? Muss ich es vielleicht? Schade ich damit meiner Familie? Jahrelang habe ich viel niedergeschrieben und wieder gelöscht. Schliesslich habe ich das Buch geschrieben in der Hoffnung, ein tieferes Verständnis der Prostitution zu ermöglichen und klarzumachen, warum es unter keinen Umständen in Ordnung ist, dass eine Person zum Objekt degradiert und zur Benutzung freigegeben wird.

Sie haben im Alter von 22 bis 24 Jahren als Prostituierte gearbeitet. Wie lange haben Sie gebraucht, um dies zu verarbeiten?
Die Erinnerung an diese Zeit lebt in mir weiter wie ein Mahnmal. Es ist alles andere als selbstverständlich, dass ich da lebend wieder herausgekommen bin. Die erste Befreiung war meine Entscheidung: «Nie wieder Sex gegen Geld!» Ich schaffte es dann zehn Jahre lang nicht, über das Erlebte zu sprechen – auch nicht im geschützten Therapierahmen. Als ich mich in einer Gruppe öffnen konnte und weder ausgeschlossen noch verachtet wurde, erlebte ich das wie eine zweite Befreiung. Ich weihte später auch meine Eltern, meine ältere Tochter und meine Chefin ein, um nicht mehr erpressbar zu sein. Ich lernte mit der Zeit, über meine Vergangenheit zu sprechen im kleinen Kreis. Es war kein Tabu mehr. Und nun also die dritte Öffnung, der Schritt in die Öffentlichkeit. Ich habe jedes der 33 Jahre gebraucht, um dafür bereit zu sein. Ich bin heute so stabil wie noch nie, aber es bricht jedes Mal wieder etwas von der alten Verletzung auf, wenn ich mich mit diesem Thema exponiere.

Weil Sie nun öffentlich über Dinge sprechen, die in Ihren Augen eigentlich nicht in die Öffentlichkeit gehören?
Ja, ich mache mich in gewisser Weise noch einmal nackt, um verständlich zu machen, warum Prostitution kein Beruf wie jeder andere ist. Es macht mich wütend, wie in den Medien darüber berichtet wird. Oft lautet der Tenor: Solange die Prostituierten diese Arbeit freiwillig machen und gut versichert sind, ist alles in Ordnung. Man kann Bordelle sogar online bewerten nach Sauberkeit und Anzahl der Parkplätze; es gibt Gütesiegel, die sogenannte Edelbordelle auszeichnen. Diese Pseudonormalisierung der Prostitution führt dazu, dass das Leid negiert wird oder viel leichter ausgeblendet werden kann. Und so geht vergessen, wie brutal es ist, einen anderen Körper für die eigene sexuelle Befriedigung zu benutzen, lieblos, seelenlos, völlig unpersönlich und austauschbar.

Sie schliessen kategorisch aus, dass jemand freiwillig oder sogar gern dieser Arbeit nachgeht?
Es gibt zwei Arten, Prostitution zu verharmlosen und sich das Drama dahinter vom Hals – besser gesagt: vom Herz – zu halten: Die eine besteht darin, Prostituierte abzuwerten als Schlampen, Nutten, Huren, kurz: als minderwertige Menschen; die andere gipfelt in der Annahme, Prostituierte seien Frauen, die dauernd Sex wollen und damit nebenbei auch noch gut verdienen. Die Realität sieht ganz anders aus. Der grösste Teil ist Zwangsprostitution und betrifft Frauen, die von Banden verschleppt und dazu genötigt wurden. Sie leben wie Sklavinnen, auch wenn das natürlich keine ihren Freiern so erzählt.

«Jeder Mensch spürt doch, dass Sex gegen Geld nicht in Ordnung ist.»

Es arbeiten doch auch Frauen als Prostituierte, die nicht dazu gezwungen wurden. Ein prominentes Beispiel ist Salomé Balthus, die lange Zeit eine Kolumne in der «Welt» hatte und auch im Schweizer Fernsehen selbstbewusst über ihre Arbeit als «Edelprostituierte» sprach.
Ich kenne Frau Balthus nicht persönlich. Sie mag das, was sie sagt, so sehen. Auch ich habe mir selbst die Geschichte verkauft, es sei ein Zeichen von Stärke, Unangepasstheit, Emanzipation, in hohen Stiefeln und knappen Kleidern Männer zu empfangen. Ich glaubte selbst, das zu wollen, was ich tat, weil ich schon abgespalten war von meinen Gefühlen und meiner Körperwahrnehmung. Ich spürte die Verletzungen und die Wunden gar nicht mehr und verstand noch gar nicht richtig, was ich tat. Ich sah nur, dass mein Handeln funktionell war, weil es Geld einbrachte und dafür sorgte, dass ich gesehen wurde von meinem Mann, von anderen Männern.

Kann man diese persönliche Erfahrung verallgemeinern?
Ich halte die Wirkung von Medienauftritten wie jenem von Frau Balthus für sehr gefährlich. Sie erzählen eine Hochglanzgeschichte, die es so zumindest auf seelischer Ebene nicht gibt. Während auf der Reeperbahn in Hamburg alle, die einen Rest Empathie übrig haben, das Elend der Prostitution sehen, den Alkohol, die Drogen, die leeren Gesichter, können potenzielle Freier von sogenannten Edelprostituierten oder Escort-Girls sich durch die Illusion entlasten, hier handle es sich um Frauen, die aus purem Spass ihren Körper verkaufen. Und junge Frauen sehen Bezahlsex als attraktive Option, als Lifestyle mit einer künstlerischen Note. Dabei ist Prostitution immer mit Geld kaschierte Gewalt. Wenn mehr Geld im Spiel ist, ist die Gewalt besser kaschiert. Aber Gewalt ist es in jedem Fall.

Wie kommen Sie zu dieser kategorischen Aussage?
Jeder Mensch spürt doch, dass Sex gegen Geld nicht in Ordnung ist – ich kenne jedenfalls keine Eltern, die nicht schockiert wären, wenn ihr Kind dies als Beruf in Erwägung ziehen würde. Als ich das erste Mal Geld annahm für Sex, fühlte sich das fundamental falsch an. In meiner Kindheit hatte ich lernen müssen, Gefühle und Körperwahrnehmungen auszublenden. Dies nahm nun eine neue Dimension an: Meine Psyche spaltete das Falsch-Gefühl ab, ebenso wie all den Ekel und Schmerz während der Prostitution – Fachleute nennen das Dissoziation. So machte ich mich passend, war aber völlig getrennt von meinem inneren Erleben.

Teil 2 des Interviews erscheint in einer Woche an dieser Stelle.

Kontakt und Informationen: www.annaschreiber.de oder kontakt@annaschreiber.de

Das Buch: Anna Schreiber: Körper sucht Seele. Taotime-Verlag 2019.

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 26.10.2019, 09:56 Uhr

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