Wann Neujahrsvorsätze doch etwas bringen

Pläne fürs neue Jahr bleiben oft genau das: Pläne. Mit ein paar Tricks kann man allerdings die Faulheit des Gehirns aushebeln.

Jeden Dienstag in der Mittagspause eine Runde Joggen – so könnte ein erfolgversprechender Vorsatz lauten. Foto: iStock

Jeden Dienstag in der Mittagspause eine Runde Joggen – so könnte ein erfolgversprechender Vorsatz lauten. Foto: iStock

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Sie fassen keine Vorsätze, weil Sie das banal finden? Oder weil es doch nichts bringt? Ist ja auch mühselig, sich an Silvester einmal mehr vorzunehmen, bei der Arbeit weniger zu stressen, um dann bereits Ende Januar zu merken, dass der Vorsatz auf der Strecke blieb. Aber wussten Sie, dass Sie mit dem Umsetzen von Vorsätzen mehr gewinnen als das Resultat selbst? Nämlich ein flexibleres Gehirn und mehr Willensstärke.

30 bis 50 Prozent unseres täglichen Handelns werden von Gewohnheiten bestimmt. Das macht uns zwar effizient und sicher. Aber: Wir sind im Verhalten und Entscheiden eingefahrener, als wir meinen. Das schmälert die Lebendigkeit im Job und nagt längerfristig an der Arbeitszufriedenheit.

«So haben wir es schon immer getan», ist eine Aussage, die wir gerne den Alten und Eingesessenen in verstaubten Firmen zuschreiben. Doch seien wir ehrlich: Es betrifft jeden von uns. Das Gehirn setzt unbewusst alles daran, in gewohnten Bahnen zu fahren.

Schwammige Vorsätze wie «weniger Stress im neuen Jahr» beeindrucken das Gehirn nicht.

Vorsätze können da helfen. Sie durchbrechen alte Muster und machen uns spontaner, neugieriger, innovativer und achtsamer. Eine einfache Regel lautet: «Etwas anderes tun» oder «etwas anders tun». Das ist einfacher gesagt als getan. Denn unser Gehirn reagiert gewissermassen bockig auf das Verlassen von Gewohnheiten:

  • Jede Abweichung vom Vertrauten bedeutet einen Kraftaufwand und ungewohnte Arbeit für das Gehirn, was es aus Energiespargründen vermeidet. Je gestresster wir sind, desto abweisender reagiert es auf neue Gedanken und Verhaltensweisen.
  • Das limbische Gehirnsystem bevorzugt kurzfristige Belohnungen gegenüber langfristigen Plänen und hebelt hierfür anstandslos die Willensstärke aus. Was als Belohnung gilt, ist antrainiert – für die einen ist es eine Sporteinheit, für andere ein Stück Torte.
  • Ob ein Verhalten kreativ oder bürokratisch ist, eine Gewohnheit dient oder schadet, ist für das Gehirn einerlei. Es handelt vorzugsweise so, wie es die letzten Monate gehandelt hat, egal, ob das Leben damit komfortabel ist oder nicht. Darum müssen wir ihm ab und zu aktiv aus dem Hamsterrad helfen.

Die Gehirnfunktionen zu unseren Gunsten nutzen

Schwammige Vorsätze wie «weniger Stress im neuen Jahr» beeindrucken das Gehirn nicht. Wenn wir es mit eingeschliffenen Automatismen aufnehmen wollen, müssen wir clever vorgehen. Ein mit Prosecco begossener Standardvorsatz bringt uns selten ans Ziel. Es gibt jedoch einen trivialen Trick, um auf Erfolgskurs zu gelangen: Statt Opfer der Macht unseres Gehirns zu sein, nutzen wir seine kraftvollen Funktionen für unser Vorhaben.

1. Das Gehirn braucht attraktive Zielvorstellungen
Besteht eine starke, konkrete Absicht, richtet das Gehirn von selbst die Aufmerksamkeit und seine Aktivitäten in diese Richtung. Sie suchen die passenden Fliesen für Ihr neues Badezimmer? Sofort sehen Sie überall Badfliesen. Sie wollen ein Kind? Es scheint, als gäbe es plötzlich doppelt so viele Schwangere auf der Strasse. Das gilt auch für Vorsätze bei der Arbeit. Je fassbarer und attraktiver Ihr Veränderungswunsch ist, desto besser unterstützt Sie das Gehirn bei dessen Erreichung. Seien Sie präzise bei Ihrer Vorstellung der gewünschten Zukunft – mit Zahlen, Fakten, inneren Bildern, angenehmen Gefühlen und Details auf allen Sinnesebenen.

2. Das Gehirn funktioniert nach dem Wenn-Dann-Prinzip
Gelingende Vorsätze brauchen konkrete Handlungsanweisungen. Nehmen wir den aktuell beliebtesten Neujahrsvorsatz als Beispiel: weniger Stress. Vorhaben wie «Ich mache mehr Pausen», «Ich bleibe ruhiger in hektischen Momenten» oder «Einmal pro Woche gehe ich joggen» versanden schnell. Vage Pläne laden das Lustprinzip ein, das Zepter zu übernehmen – Scheitern ist vorprogrammiert. Fürs Gelingen braucht das Gehirn klare und stabile Auslöser, wann welches Verhalten aktiviert werden soll: «Wenn XY eintrifft, dann ...».

Formulieren wir Vorsätze als sogenannte Wenn-Dann-Pläne, ist die Erfolgsrate dreimal höher. Über 200 Studien des Psychologen Peter Gollwitzer bekräftigen dies. Warum diese Wirkkraft? Unsere Gewohnheiten sind genauso programmiert, nur unbewusst: «Wenn Mittag ist, arbeite ich einfach weiter» oder «Wenn der Chef anruft, bin ich sogleich angespannt». Der Kniff liegt darin, dieses Wenn-Dann-Prinzip zugunsten Ihres Vorsatzes zu wenden: «Wenn Mittag ist, dann mache ich einen Spaziergang» oder «Wenn der Chef anruft, dann atme ich dreimal tief durch».

3. Das Gehirn braucht 66 Tage für neue Gewohnheiten
Was die meisten nicht wissen: Unser Gehirn braucht durchschnittlich 66 Tage, um einen neuen Vorsatz zu automatisieren. Das besagt eine grosse britische Studie der Psychologin Philippa Lally. Das Ringen zwischen neuem Vorhaben und altem Muster ist also absehbar. Wenn Sie durchhalten, wartet ein doppelter Bonus auf Sie. Zum einen wird die Willenskraft generell stärker, denn sie lässt sich trainieren: Brauchen wir sie, nimmt sie zu. Zum anderen profitieren wir von der Liebe des Gehirns für Gewohnheiten. Kaum vorstellbar, aber wahr: Ersetzen wir lange genug die Schokolade durch den Apfel, wird irgendwann der Apfel zum Glücklichmacher.

4. Das Gehirn kooperiert besser mit Belohnungen
Während der 66 Tage Eingewöhnungszeit fordert uns das limbische System mit seiner Neigung zur sofortigen Belohnung heraus. Damit es nicht just im falschen Moment die Willenskraft ausser Gefecht setzt, helfen einerseits präzise Wenn-Dann-Pläne und andererseits die Aussicht auf ein «Zückerchen». Belohnen Sie Ihr Durchhalten immer wieder bewusst mit guten Gefühlen und angenehmen Erlebnissen – am besten innerhalb von Tagesfrist. So werden Sie in Freundschaft mit dem Gehirn der erwünschten Zukunft entgegenschreiten.

Ob mit oder ohne Vorsatz: Durchbrechen Sie immer mal wieder eine Gewohnheit zugunsten von mehr Flexibilität, Willenskraft und Glücksmomenten im Arbeitsleben. Und schützen Sie Ihr Gehirn vor zu viel Stress. Es ist schade, wenn Ihr offener und neugieriger Geist zu oft im Korsett von Automatismen steckt. Viel Erfolg und Freude im neuen Jahr!

Erstellt: 06.01.2020, 14:24 Uhr

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