«Wir wissen mehr als je zuvor, aber verstehen immer weniger»

Unternehmer Bernd Kolb suchte auf einer Reise die Weisheit und verlor dabei fast den Verstand. Dann lernte er mithilfe von Schamanen, die Verbundenheit mit allem Leben zu erfahren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Kolb, nach einer erfolgreichen Unternehmerkarriere und einem gescheiterten Versuch, die Welt mit Ihrem «Club of Marrakesh» zu verbessern, sind Sie 2012 zu einer Reise quer durch Asien aufgebrochen. Wonach haben Sie gesucht?
Ich suchte nach Antworten auf die Frage, warum uns Menschen stets etwas zum Glück fehlt. Die übrigen 8,5 Millionen Arten genügen sich selber, nur der Mensch tendiert zu Gier, Masslosigkeit und Überfluss. Warum sind wir so versessen auf materielle oder auch ideelle Güter? Das kommt aus einem Mangel heraus, den wir selber nicht erkennen, aber permanent zu befriedigen versuchen. Wir suchen etwas im Äusseren, was wir im Inneren verloren haben. Wir vermuten das Glück im persönlichen Erfolg, verdienen uns Anerkennung durch Leistung, durch Ertrag und Profit. So erreichen wir ein beachtliches Level an Wohlstand, aber niemals Zufriedenheit, weil das Ego die individualistische Selbstoptimierung immer weiter vorantreiben muss und wir dadurch auch als Gemeinschaft zu permanentem Wachstum verdammt sind. Ich wollte verstehen, was Bewusstsein wirklich ist, und bin deshalb zu den Quellen der ältesten Weisheitslehren Asiens gereist, nach Indonesien, Burma, Kambodscha, Thailand, Nepal und Indien.

Eine Reise, die Sie fast um den Verstand gebracht hätte.
Ja, ich bin mit typisch westlicher Wissensbegier losgezogen, ausgerüstet mit Laptop und Kamera, wollte alles analysieren und die Erkenntnisse dokumentieren. Mit jeder Begegnung wurde meine Verwirrung grösser. Weise Menschen sagten mir: «Wir verstehen, was du suchst, aber es wird dich nicht weiterbringen, wenn wir dir all deine Fragen beantworten.» Nach einem halben Jahr notierte ich in mein Reisetagebuch: «Ich verliere den Verstand.» Ich erlitt einen Zusammenbruch, und mein Projekt war kläglich gescheitert. Ich kehrte nach Berlin zurück und wusste nicht mehr, wo ich nach Antworten suchen sollte. Da fand ich zufällig im Briefkasten eine Einladung zur Premiere des Films «For the next 7 generations», der dokumentiert, wie sich 13 indigene Grossmütter aus unterschiedlichsten Kulturkreisen darüber verständigen, welches unser wichtigster Beitrag ist für die nächsten sieben Generationen.

Da gingen Sie hin?
Ja, ich war eine Stunde zu früh dort und begegnete im leeren Kinosaal einer alten asiatischen Frau, Ama Bombo aus Nepal. Sie schaute mich an, nahm meine Hand und wir steigerten uns beide vollkommen grundlos in einen Lachkrampf hinein und lagen am Ende nebeneinander am Boden. Schliesslich sagte sie mir mithilfe eines Übersetzers, in zwei Monaten, am 10. August, solle ich mich nachts auf dem Kalinchok, einem 3800 Meter hohen Berg in Nepal, einfinden. Es war wie eine Eingebung, der Einladung zu folgen, und so fand ich mich in dieser Vollmondnacht mit 1000 Schamanen aus dem ganzen Himalaja beim Schamanenfest auf dem heiligen Berg wieder. Fortan liess ich mich gänzlich von meiner Intuition leiten, folgte absichtslos einer Empfehlung nach der anderen, ohne nach dem Warum zu fragen. So bin ich fünf Jahre lang gereist und in die uralten Praktiken der alten Weisheitslehren eingetaucht, an denen mich die weisen Menschen teilhaben liessen, denen ich begegnet bin. Ich gelangte an entlegene Orte, von denen ich zum Teil noch nie etwas gehört hatte, und lernte Rituale kennen, die mich tief beeindruckten und immer wieder an meine Grenzen brachten – so etwa die Unterwassermeditation auf Java.

Nach der langen Reise sorgten Sie in Berlin mit einer Fotoausstellung und den zwei Bildbänden «Atman» und «Brahman» für Aufsehen. Waren Sie doch nicht so ganz absichtslos unterwegs gewesen?
Ich bin kein Fotograf und hatte nie die Absicht, eines der Bilder zu veröffentlichen, die in tiefer Verbindung mit den Menschen entstanden sind. 99 von 100 Bildern sind verwackelt oder am Motiv vorbei fotografiert, aber jene, welche die Verbindung zwischen Menschen in vollständigem Gewahrsein zeigen, lösten heftige Reaktionen aus, als ich sie im Freundeskreis zeigte. Schliesslich liess ich mich von einer Verlegerin überreden, die Fotografien in Buchform herauszubringen. Seither haben mir immer wieder Menschen gesagt, dass sie bei der Betrachtung dieser Bilder das Verbindende zwischen den Menschen spüren. Gerald Hüther, der bekannte Neurobiologe, meinte beispielsweise, er beginne dank den Bildern zu begreifen, was Menschsein eigentlich bedeute.

Sie haben sich in der Zwischenzeit in Java niedergelassen, dort geheiratet und einen Tempel gebaut. Was treibt Sie heute an?
Ich hatte vor meiner Reise Tausende von Fragen, jetzt ist nur noch eine übrig geblieben: Wie bringen wir das Menschsein wieder in Balance mit dieser einen Natur, deren Teil wir alle sind? Ohne Selbsterkenntnis kann das nicht gelingen. Solange wir uns in uns selber täuschen, täuschen wir uns in allen Dingen. Deshalb habe ich es zu meiner Aufgabe gemacht, Menschen dabei zu unterstützen, zu sich selber zu finden – indem sie meine Bilder betrachten, im Tempel meditieren oder einen meiner Workshops besuchen. Es geht darum, die eigene Essenz wieder zu erfahren, vom destruktiven Ego-System wieder in ein Öko-System zu finden, in dem sich nicht alles um die individualistische Selbstoptimierung dreht. Schon Albert Einstein hat geschrieben: «Der wahre Wert des Menschseins ist in erster Linie dadurch bestimmt, in welchem Grad und in welchem Sinn er zur Befreiung vom Ich gelangt ist.» Viele alte Kulturen pflegen Rituale, in denen das All-Verbundene erfahrbar wird. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir mehr besitzen und wissen als jemals zuvor, aber immer weniger verstehen und kaum noch zum Mitgefühl in der Lage sind, dieser höchsten Form von Intelligenz.

Wie reagieren frühere Weggefährten darauf, dass der frühere Sunnyboy und Erfolgsunternehmer Bernd Kolb nun aus den indischen Veden zitiert, im eigenen Tempel meditiert und in Deutschland und der Schweiz «Wisdom Days» abhält?
Ich polarisiere sicherlich stark mit dem, was ich tue. Manche begegnen mir mit Spott oder Zynismus, das überrascht mich wenig. Aber andere reagieren mit Offenheit, wieder andere suchen den Kontakt, ohne dass die Öffentlichkeit davon erfahren soll. Generell könnte man sagen: Je tiefer ich das Menschsein verstehe, desto weniger werde ich verstanden. Unsere Gesellschaft bleibt gerne an der Oberfläche. Solange wir über das Verhalten anderer urteilen, bleiben wir bei den Symptomen. Entscheidend ist, ob wir unsere Haltung, unser Bewusstsein verändern, unser Ego in die Schranken weisen. Ich bin kein Heiliger, ich habe den Porsche in allen Farben gehabt und den Überfluss selbst erlebt. Aber ich habe auf meiner Reise viel Grösseres erfahren, als man mit Geld kaufen kann, und im Dschungel gelernt, wie unwichtig es ist, wer ich als Person bin. Diese Erfahrung will ich gerne teilen und andere darin unterstützen, vom Äusseren ins Innere zu kommen.

Teil 1 des Interviews ist vergangene Woche an dieser Stelle erschienen.

Kontakt und Information:
www.wisdomway.ch oder info@wisdomway.ch.

Weitere Beiträge finden Sie im «Beruf + Berufung»-Archiv.

Erstellt: 19.07.2019, 15:17 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich bin mein Leben lang im Unruhestand»

Beruf + Berufung Internetpionier Bernd Kolbs «Club of Marrakesh» sollte die Wirtschaft radikal verändern – und scheiterte. Mehr...

Ein Teilzeit-Chef mit hohen Ambitionen

Beruf + Berufung Raphael Reber (27) ist einer der spannendsten Schweizer Jungunternehmer. Als «Digitalisierungshelfer» verändert er ganze Geschäftsmodelle. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...