Wo blieb die Warnung vor der Schlammlawine?

Jörg Kachelmann fragt sich, warum vor dem tödlichen Unwetter im Wallis kein Alarm herausging.

Tragische Ignoranz: Das extreme Unwetter im Wallis hatte eine Vorwarnzeit von 40 Minuten. Foto: Keystone

Tragische Ignoranz: Das extreme Unwetter im Wallis hatte eine Vorwarnzeit von 40 Minuten. Foto: Keystone

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In Chamoson starben Menschen durch ein Unwetter. Es ist wie bei jedem Unwetter in der Schweiz: Sie hätten nicht sterben müssen, nicht sterben dürfen. Im Wallis gab es viel Zeit, um Menschen zu warnen.

Das Gewitter von Chamoson begann mehr als drei Stunden vor dem Eintreffen im Wallis als ein «schüücher» Regenguss bei Valence südlich von Lyon: Diese Schauerzelle verstärkte sich in der Folge und lag eine Stunde später um 16 Uhr schon deutlich verstärkt als Hagelgewitter in den violetten Farben auf dem Radar unterwegs Richtung Nordosten: Nochmal eine Stunde später um 17 Uhr war das Gewitter in Obersavoyen bei Chambéry angekommen:

Um 18 Uhr kam das Unwetter dann mit extrem vielen Blitzen und Hagel auch über die höchsten Berge ohne Abschwächung ins Wallis: Das Stormtracking zeigt die Zugrichtung des Gewitters in Richtung des Unglücksorts.

Die Zugbahn-Vorhersage von 18 Uhr, die aus diesem Radar- und Blitzbild resultiert, gab folgenden Text aus, in dem auch der jeweilige Zeitpunkt des Gewitterzentrums für ausgewählte Orte auf der Zugbahn erwähnt wird, hier Chamoson mit einer Vorhersage für 18.34 Uhr.

Der Zoom des Stormtrackers von 18 Uhr auf den Bezirk Conthey zeigt im weissen Oval exakt, dass eine halbe Stunde später das Gewitter mit seinem Zentrum dort durchziehen würde, wo dann die verheerende Schlammlawine ausgelöst wurde, in den Bergen nördlich des Gemeindezentrums im Einzugsgebiet des Flusses Losentse.

Ein Einwohner der Gemeinde, der auch die Videos von der einbrechenden Schlammlawine aufnahm, schrieb, dass das Gewitter um 18.25 Uhr stark geworden sei und die Schlammlawine um 18.42 Uhr begonnen habe, was im selben Bezirksausschnitt auch durch die Radarbilder nachvollzogen werden kann: 18.25 Uhr, 18.30 Uhr, 18.35 Uhr.

Um 18.40 Uhr war der Regen schon wieder weitgehend vorbei (was auch in den Videos zu sehen ist), die Schlammlawine sollte erst zwei Minuten später ihre tödliche Wucht entfalten.

Das Problem war, dass in das gesamte Einzugsgebiet des betroffenen Gebiets zwar keine extreme Regenmenge insgesamt, aber alles in sehr kurzer Zeit fiel, wie die Stundensumme von 17.40 bis 18.40 Uhr in 1x1-km-Auflösung zeigt: Bei Martigny war es fast trocken geblieben, ausgerechnet im Einzugsgebiet des Flusses Losentse fielen in sehr kurzer Zeit bis zu 30 Liter Regen und Hagel pro Quadratmeter.

Extremgewitter sind fast immer durch eine extreme Blitzintensität gekennzeichnet: Das Unwetter behielt von Frankreich aus diese Charakteristik bei. Von 18.10 bis 18.40 Uhr wurden 2565 Blitze im Gebiet rund um Chamoson registriert:

Fazit:

  • Man wusste spätestens zwischen 18.00 und 18.05 Uhr, dass ein extrem heftiges Gewitter Chamoson treffen würde.
  • Man wusste aus den Informationen über Radar- und Blitzintensität, dass Starkregen und dessen Folgen sowie Blitzschlag die Hauptgefahren im Gewitter sein würden.
  • Man hatte eine Vorwarnzeit («Lead Time») von 30 bis 40 Minuten, um Menschen im Unwettergebiet zu warnen. In steilem Gelände geht es wie immer bei solchen Regenintensitäten nicht um herkömmliche Überschwemmungen, sondern um die einfache Überlebensmassnahme, sich von Bach- und Flussbetten fernzuhalten, weil auch bei Gewittern, die im alpinen Gelände am Ort selbst kaum spürbar sind, aus dem Einzugsgebiet des Bachs Hochwasser/Schlammlawinen entstehen können. Man kann heute alle fünf Minuten das in ein Nacheinzugsgebiet eingetragene Niederschlagswasser berechnen und mit vergangenen Ereignissen zur Einordnung vergleichen, um Warnungen sinnvoll einzuordnen. Man wird sicher bei erfahrenen Einheimischen oft damit rechnen können, dass dies vorsichtshalber geschieht, bei Auswärtigen und Touristen selten bis nie.
  • Behördliche Warnungen dieser Art bestehen in Gegenden der Welt, in denen man nicht zuschaut, was das Gewitter so anstellen wird, normalerweise mit Sirenen, Absperrungen durch lokale oder kantonale Behörden/Feuerwehr/Polizei. Oder man ist halt bei uns. Denken Sie nicht, dass es am Wallis liegt. Das Wallis ist überall.

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Erstellt: 14.08.2019, 12:31 Uhr

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