Droht wirklich ein weiterer Extremsommer?

Die Voraussage des US-Wetterdienstes Accuweather macht gerade Furore. Doch die Berichte entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage.

Ob uns dieses Jahr wieder ein Hitzesommer erwartet, wissen wir heute noch nicht: Der beinahe ausgetrocknete Lac de Brenets im Kanton Neuenburg im Herbst 2018. Foto: Keystone (Anthony Anex)

Ob uns dieses Jahr wieder ein Hitzesommer erwartet, wissen wir heute noch nicht: Der beinahe ausgetrocknete Lac de Brenets im Kanton Neuenburg im Herbst 2018. Foto: Keystone (Anthony Anex)

Viele Medien haben die Geschichte gebracht: Die Langzeit-Vorhersage des privaten US-Wetterdienstes Accuweather warnt vor einem extrem heissen Sommer mit hoher Waldbrandgefahr. Müssen wir also alle sterben?

Wissenschaftlich unseriös: Hitzewarnungen aus nicht allererster Adresse für Meteorologie. Foto: Accuweather

«Wildfire Threat» sieht natürlich schlimm aus in einer nicht allzu waldbrandgeübten Schweiz. Zur Erinnerung: Wälder brennen nicht von selber, weil ihnen warm ist, die Temperaturen spielen dabei keine Rolle. Es braucht 1. eine längere Trockenheit, damit der Wald brennen kann. Man braucht 2. entweder einen Blitz, bei dem es gerade gleichzeitig wenig regnet (eher selten bei uns) oder 3. einen Deppen, der etwas Brennendes in den Wald wirft (kommt bei uns im Vergleich häufiger vor).

Die Interpretationen sind inkonsistent

Wie immer in solchen Fällen gilt die goldene Medien-Regel: «Amerikanische Experten haben festgestellt, dass europäische Medien alles abdrucken, wenn amerikanische Experten etwas festgestellt haben.» Dass Accuweather nicht die allererste Adresse ist, was wissenschaftliche Meteorologie betrifft, könnte jeder Mensch einfach herausfinden.

Auf ihrer Website bieten die Amerikaner eine 90-Tages-Vorhersage für jeden Ort an. Das ist natürlich an und für sich schon völliger Blödsinn, aber man erkennt wenigstens den Versuch eines wissenschaftlichen Hintergrundes daran, dass die Daten miteinander konsistent sind. Betrachten wir die Vorhersagen von Accuweather für Zürich (andere Orte nachsehbar) für die Sommermonate Juni bis August:




Wir sehen unschwer, dass wir ganz viele Waldbrände brauchen werden, um einen – nach Accuweather – kalten und verregneten Sommer mental und medial zu überleben. Katastrophe! Nicht einmal 30 Grad! Nie über 26 Grad – das wäre einer der kältesten Sommer ever.

Man sieht weiter: Es ist immer das Elend, wenn man unwissenschaftlich arbeitet: Das Raten und Würfeln sollte wenigstens von allen Abteilungen gleichermassen gehandhabt werden. Entweder ist es uhuere kalt wie bei den Vorhersagen auf der Website – oder uhuere heiss wie beim lustigen Aussand (der wohl darauf beruhen mag, dass ein hierzulande relativ unbekannter US-Wetterdienst etwas bekannter werden wollte), auf den so viele Medien hereingefallen sind.

Die richtige Antwort: «Keine Ahnung»

Die ehrlichste und wissenschaftlichste Antwort auf die Frage, wie denn der Sommer wird, wäre zum heutigen Tag: keine Ahnung.

Immerhin gibt es das Europäische Zentrum für Mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF), das weltweit die besten Langfristvorhersagen macht – sind zwar keine amerikanischen Experten, dafür viel besser. Vorhersagen über mehrere Monate sind generell mit Vorsicht zu geniessen, aber nach dem ECMWF soll der Sommer bei uns eher zu warm und zu trocken, aber nicht dramatisch heiss oder waldbrandesk ausfallen.

Halt so ein bitzli wie immer. In zwei Wochen kommt die neue Vorhersage.

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Erstellt: 27.05.2019, 16:18 Uhr

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