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Evolution einer PflanzeBloss nicht entdeckt werden!

Die Natur behilft sich auch gegen menschliche Sammelwut, wie das Beispiel eines chinesischen Liliengewächses zeigt.

Begehrte Pflanze: Fritillaria delavayi wächst im Geröll im chinesischen Hengduan-Gebirge.
Begehrte Pflanze: Fritillaria delavayi wächst im Geröll im chinesischen Hengduan-Gebirge.
Foto: Yang Niu

Fritillaria delavayi ist eine begehrte Pflanze. Ihre Zwiebel wird seit mehr als zwei Jahrtausenden in der chinesischen Medizin verwendet. Hohe Preise von bis zu 480 Dollar pro Kilogramm – das entspricht rund 3500 Zwiebeln – haben in den letzten Jahren zu verstärktem Sammeln geführt. Nun ist Fritillaria delavayi unscheinbarer geworden und damit für Menschen schwerer zu finden.

In Gebieten, in denen die Pflanze besonders häufig ausgegraben werde, verschmelze ihr Äusseres stärker mit dem Hintergrund als in anderen Regionen, berichten Forscher im Fachmagazin «Current Biology». Besser getarnte Pflanzen hätten eine höhere Überlebenschance – und es sei in diesem Fall der Mensch, der die Art
zu evolutionärer Anpassung getrieben habe.

Selbstschutz vor der Sammelwut des Menschen: Fritillaria delavayi hat sich innert kurzer Zeit an die Natur angepasst.
Selbstschutz vor der Sammelwut des Menschen: Fritillaria delavayi hat sich innert kurzer Zeit an die Natur angepasst.
Fotos: Yang Niu

Das mehrjährige Liliengewächs wächst an den felsigen Hängen des chinesischen Hengduan-Gebirges. Die Färbung seiner Blätter variiert von Grau über Braun bis Grün. Nach dem fünften Jahr wird jeweils eine einzelne Blüte pro Jahr gebildet.

Die Forscher um Martin Stevens von der University of Exeter erfassten über fünf Jahre hinweg für acht Populationen der Art, wie gut die Pflanzen jeweils an ihre Bergumgebung angepasst waren – und damit auch, wie schwer sie für Menschen zu entdecken waren. Parallel sprachen sie mit Einheimischen, um abschätzen zu können, wie intensiv die Art in der jeweiligen Region gesammelt wird.

Von Grün bis Braun

Das Ergebnis: Tarnungsgrad und Sammelaufkommen korrelieren miteinander. In Regionen mit hohem Sammeldruck fügten sich die Pflanzen eher in unscheinbarem Grau-Braun in die felsige Umgebung ein,
in unberührten Gebieten strahlten sie hingegen eher in frischem Grün, das sich deutlich vom Fels abhebt. Ergänzend belegten die Forscher in einem Computerexperiment, dass die stärker an ihre Umgebung angepassten Pflanzen tatsächlich weniger gut von Menschen entdeckt werden.

Zunächst sei angenommen worden, dass Fritillaria delavayi ihr Aussehen wie andere sich tarnende Pflanzen verändert habe, um seltener von pflanzenfressenden Tieren aufgespürt zu werden, erklärte Yang Niu vom beteiligten Kunming-Institut für Botanik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. «Aber wir haben solche Tiere nicht gefunden.»

Es sei in diesem Fall vielmehr der Mensch, der die Veränderung hervorgerufen habe. Der Selektionsdruck durch die kommerzielle Ernte sei ein viel stärkerer als der durch natürliche Einflüsse, ergänzte Hang Sun vom Kunming-Institut für Botanik.

«Es ist bemerkenswert zu sehen, dass Menschen einen so direkten und dramatischen Einfluss auf die Färbung wild lebender Organismen haben können, nicht nur auf ihr Überleben, sondern auch auf ihre Evolution», sagte Martin Stevens. Der Mensch könne auch andere Abwehrstrategien bei Pflanzen vorangetrieben haben, bisher gebe es dazu aber kaum Forschung.

6 Kommentare
    Rolf Baumberger

    Mit den Korrelationen ist es eben so eine Sache. Ich bin selber Botaniker und auch Evolutionsbiologe und stelle genau solchen Phänomenen nach. Natürlich hat das Ganze mit Evolution zu tun. Wenn man jedoch mal die Originalarbeit liest und auch die zusätzlichen Informationen im Annex durchliest, stellt man fest, dass die unscheinbaren Formen weit oben im Gebirgszug vorkommen. Die gelben Formen kommen von 3600 m bis ca 4000 m vor. Die aschgrauen und dunklen Formen von 4300 m ü M. bis 4810 m. Also eine beträchtliche Höhe. Dort oben ist die Sonneneinstrahlung gross und die Temperaturunterschiede am Tag und nachts ebenfalls. Es ist kaum vorzustellen, dass gerade an diesen unwirtlichen Stellen der Mensch als Zwiebelräuber einen grösseren Einfluss auf die Färbung der Pflanze hat.

    Vielmehr ist es ein UV-Schutz, welche die meisten Pflanzen über Anthocyan-Pigmentierung bewerkstelligen. Die Übergänge zwischen gelb und dunklen Zonen sind jedoch interessant. Denn die Zone sollte sich mit dem Klimawandel bergauf verschieben.

    rolfy