Brutale Morde im Freiluft-Irrenhaus

Krimi der Woche: Altmeister James Lee Burke zeichnet in seinem Roman beiläufig ein eindrückliches Bild des heutigen Amerika.

In seiner Karriere ging es auf und ab. Einer von James Lee Burkes Romanen floppte gar gänzlich, bevor er später für den Pulitzerpreis nominiert wurde.

In seiner Karriere ging es auf und ab. Einer von James Lee Burkes Romanen floppte gar gänzlich, bevor er später für den Pulitzerpreis nominiert wurde. Bild: Robert Clark

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Der erste Satz
In melancholischen Momenten, wenn ich das Gefühl habe, dass das Leben auf dieser Erde zu viel für uns ist und wir schon bald von unserer Macht, alles zu bekommen und zu verschwenden, ausgelöscht werden, fühle ich mich wie ein Dichter des frühen 19. Jahrhunderts dazu genötigt, eine Pause einzulegen und meine Erfahrungen mit den Toten zu reflektieren, und wie sie unser Leben beeinflussen.

Das Buch
Eine Frau wurde vergewaltigt, und sie beschuldigt einen aufstrebenden Politiker. Oder war es doch der armselige Underdog, der kurz danach brutal umgebracht wird? Hat das etwas zu tun mit den acht unaufgeklärten Morden an jungen Frauen im benachbarten County? Und wer ist der mysteriöse Killer, der in der Gegend eine längere Liste abzuarbeiten scheint? Mit dem Stoff, aus dem der 82-jährige Altmeister James Lee Burke den gegen 600 Seiten starken Roman «Mein Name ist Robicheaux» gebaut hat, würden andere Autoren mehrere Bücher bestreiten.

Im Mittelpunkt steht, hier bereits zum 21. Mal in mehr als 30 Jahren, Dave Robicheaux, Ermittler beim Sheriff-Departement in New Iberia in Louisiana, als Icherzähler. Er kämpft schon seit Jahrzehnten mit Depressionen, Alkoholismus und seinen Vietnam-Traumata. Unlängst hat er seine Frau bei einem Autounfall verloren, was sein Leiden verschärft. Als er erfährt, dass das möglicherweise gar kein zufälliger Unfall war, stellt er den Verursacher zur Rede.

Kurz darauf wird der Mann brutal ermordet. Robicheaux wird zum Hauptverdächtigen. Er ist selbst nicht sicher, ob er den Mann nicht getötet hat, denn er hatte einen schweren Alkoholabsturz und erinnert sich an nichts. Sein Kumpel Clete glaubt an ihn: «Dein Krieg war immer einer, den du gegen dich selbst geführt hast, nicht gegen andere.»

Demagogische Politiker und weisse Rassisten gehören ebenso zum Personal wie machtgierige Gangster und korrupte Cops.

«Mein Name ist Robicheaux» ist ein grossartiger Kriminalroman, aber auch ein eindrückliches Südstaaten-Epos. Die verschiedenen Fälle, Robicheaux’ Kämpfe mit seinen Dämonen sowie grundsätzliche Auseinandersetzungen mit Fragen nach Schuld, Sühne und Erlösung sind ein gewichtiger Teil dieses Buchs.

Daneben entwirft Burke in den Reflexionen seines Helden beiläufig aber auch ein aktuelles Bild des Zustandes des Landes und vor allem seiner Südstaaten. Demagogische Politiker und weisse Rassisten gehören ebenso zum Personal wie machtgierige Gangster und korrupte Polizisten. New Orleans ist hier nicht «The Big Easy», sondern «The Big Sleazy», die «grosse Anrüchige». Louisiana wird als «Freiluft-Irrenhaus» geschildert, in dem Leberzirrhose «eine Erbkrankheit» sei.

Und auch seine eigene Zunft sieht Robicheaux kritisch: «Ungefähr ein Drittel aller Polizisten lieben ihren Job, ein Drittel isst zu viele Donuts, und ein Drittel sind Menschen, denen man besser keine Macht über andere gegeben hätte.»

Doch Robicheaux glaubt an das Gute im Menschen, und für die Guten setzt er sich leidenschaftlich ein. Auch wenn seine Chefin ihm zu bedenken gibt: «Du willst unbedingt glauben, dass die Menschen besser sind, als es tatsächlich der Fall ist.»

Die Wertung

Der Autor
James Lee Burke wurde 1936 in Houston, Texas, geboren. Er wuchs im Grenzgebiet von Texas und Louisiana an der Golfküste der USA auf, studierte Literatur an der University of Louisiana in Lafayette und an der University of Missouri in Columbia. Er veröffentlichte in den 60er-Jahren seine ersten Bücher, die von der Kritik gelobt wurden. Nachdem sein Roman «Lay Down My Sword & Shield» (Deutsch unter dem Titel «Zeit der Ernte», 2017 bei Heyne) 1971 floppte, bekam er für sein viertes Buch, «The Lost Get-Back Boogie», über 100 Absagen (nachdem es 1986 doch noch erschien, wurde es für den Pulitzerpreis nominiert), und es dauerte 13 Jahre, bis er sein nächstes Buch veröffentlichen konnte.

Burke arbeitete derweil in verschiedenen Jobs, unter anderem als Lastwagenfahrer und als Reporter, als Sozialarbeiter in Los Angeles und in einem Arbeitsprogramm für arbeitslose Jugendliche in Kentucky. In den 80er-Jahren lehrte er kreatives Schreiben an der Wichita State University in Kansas.

1987 startete er mit «Neon Rain» die Serie um Dave Robicheaux, einen Ermittler in Louisiana, die inzwischen 22 Romane umfasst, von denen 16 auf Deutsch erschienen sind; die ganze Reihe wird derzeit vom Pendragon-Verlag auf Deutsch neu aufgelegt. Mit Robicheaux hatte Burke erstmals grossen Erfolg, und er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Daneben gibt es von Burke zehn Romane, in denen es um verschiedene Mitglieder und Generationen einer texanischen Familie namens Holland geht, von denen neun auch auf Deutsch erschienen sind, sowie rund ein halbes Dutzend nicht übersetzte weitere Romane.

Mit seiner Frau Pearl Pai Chu hat James Lee Burke vier Kinder. Tochter Alafair Burke, geboren 1969, studierte Juristin, ist ebenfalls erfolgreich als Krimiautorin. Burke lebt in Lolo in der Nähe von Missoula in Montana und, wie sein Held Dave Robicheaux, in New Iberia in Louisiana.

James Lee Burke: Mein Name ist Robicheaux (Original: Robicheaux. You Know My Name, Simon & Schuster, New York 2018). Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Pendragon-Verlag, Bielefeld 2019. 600 S., ca. 32 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

Erstellt: 23.10.2019, 11:17 Uhr

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