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Stadien im Corona-Modus«Che Culo» – So klingt Geisterfussball

Was auf dem Feld geredet wird, ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse im Fussball. Jetzt sind die Stadien leer. Wir haben genau hingehört beim Spiel GC Zürich gegen Winterthur (0:6).

«Schiri! Schiri!»: Veroljub Salatic, Captain der Grasshoppers, im Spiel gegen Winterthur.
«Schiri! Schiri!»: Veroljub Salatic, Captain der Grasshoppers, im Spiel gegen Winterthur.
Foto: Alexandra Wey / Keystone

Der Stadionsprecher schnurrt wie eine Raubkatze, als müsse er einen Boxkampf ansagen. Seine Lieblingsworte sind «oisi» und «oisä», ein Vaterunser als Kriegsruf, aber niemand interessiert sich dafür. Das Stadion ist praktisch leer.

Am 2. August spielt der Grasshopper Club Zürich im Letzigrund gegen den FC Winterthur. Es ist das letzte Spiel der Saison. Gewinnt GC, schafft es der Club in die Relegation zur Super League – sofern der direkte Konkurrent, der FC Vaduz, gegen Kriens verliert.

Es ist ruhig im Stadion, man hört selbst das Klicken der Kameras, die Fotografen haben sich auf die Jagd gemacht. Platz gäbe es für 26'000, aber nur 1000 dürfen kommen. Covid-19 hat den Fussball verändert. Die Leere zerstört die Illusion, der Sport sei etwas Überirdisches.

Geisterspiel. Das Wort ist nicht neu, man kennt es aus Zeiten, als sündige Clubs damit bestraft wurden, tue Busse, und du wirst erlöst. Was irgendwie zum Fussball passt. Er hat die Kirchen – die ja im Wesentlichen darin bestehen, den Leuten ein schlechtes Gewissen zu machen – in ihrer Religiosität längst überholt.

Die GC-Fussballer betreten den Rasen und kicken ein bisschen umher. Als die Winterthurer dazustossen, ruft jemand «Pfui!», das i zum Schluss wird immer dünner, bis es irgendwo zwischen den leeren Plastiksitzen verschwindet.

Die Rufe der Spielernamen sind Ausdruck jenes Irrtums, man könne die Zufälle im Fussball ausräumen.

Der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Zoltan Kadar, der Trainer der Grasshoppers, ruft: «Okay, okay, Peti, okay!» Und dann: «Nassim noch mehr, Nassim noch mehr, Kevin, Nassim, noch mehr!»

Jemand vom GC-Stab, seine Stimme ist gut im Raucherraum abgehangen, schreit: «Arigoni! Nehmed de Ball, kontrolliered ihn. Arigoni! … Kevin, zeig dich wieder, Kevin, mach mal! Kevin! Kevin, chumm ine! Arigoni!»

Wie ein Schwarm Raben fliegen die Namen durchs Stadion; wildes Durcheinander, und es ist unmöglich, einen Sinn daraus zu lesen. Die Rufe sind wohl Ausdruck jenes Irrtums, man könne die Zufälle im Fussball ausräumen.

«Achtung, Arigoni, nicht zu viel, nicht zu viel!»: GC Trainer Zoltan Kadar (hier bei einem früheren Spiel).
«Achtung, Arigoni, nicht zu viel, nicht zu viel!»: GC Trainer Zoltan Kadar (hier bei einem früheren Spiel).
Foto: Andy Müller / Freshfocus

Und da meldet sich auch Ralf Loose, der Coach des FC Winterthur. Er gibt sich besonnen und sagt: «Gut, keine Angst!»

Kadar dazwischen: «Guter Lauf, Arigoni, sehr gut!»

Granit Lekaj, langbeiniger Verteidiger und Captain der Winterthurer, schwartet den Ball übers Feld und ruft erbost: «Jungs, hey! Spieled gnauer, Mann! Eifache Ball, hey!»

Das Spiel ist schon längst weitergezogen, und Petar Pusic, der Antreiber von GC, ruft seinen Mitspieler Nassim Ben Khalifa, der den Ball hat: «Nassim!» Und ein anderer ruft auch: «Nassim!» Und Pusic ruft wieder: «Nassim!» Und Pusic erhält den Ball.

Die Raucherstimme: «Arigoni! Arigoni, ein Auge da!»

Und Kadar redet wie ein Ernährungsberater: «Achtung, Arigoni, nicht zu viel, nicht zu viel. NICHT ZU VIEL!»

«Mensch, wo will er denn hin!»

Ralf Loose, Trainer des FC Winterthur

Ein GC-Spieler, es könnte Veroljub Salatic sein, der Captain, ist unzufrieden. Er ruft: «Schiri, Schiri. Schiedsrichter, Schiedsrichter … Schiri! Schiri …» Der Schiedsrichter ignoriert ihn.

Dann wieder Salatic, als ein weiter Ball auf seine Verteidigung zufliegt: «Erste, zweite! Abeneh! Ufmache!»

Salatic ist der Lautsprecher des GC. Pausenlos gibt er seinen Mitspielern Anweisungen. «Zweite Ball, Allen, allez, hajde!», brüllt er. «Your Ball, Allen, your ball … Allen, Allen.» (Der Ball fliegt einige Meter über Allen hinweg.)

Dann Abseits gegen GC. Die Raucherstimme hat es anders gesehen: «Hey! HEY! Schiri, was söll das? Wie gseht er das? Det isch de Linierichter, oder nöd? Das cha doch nöd sii. Das cha doch nöd sii. De stoht zäh Meter hinnedra. De gsehts nid, Mann.»

Ralf Loose ist aufgebracht, GC stürmt auf Winterthurs Tor zu, und er ruft: «Bleib bei ihm, Pauli! Bleib bei ihm, Pauli!» Dann resigniert, zu sich selbst: «Mensch, wo will er denn hin.» Danach, in aller Ruhe: «Yannick, du musst auf der Seite, da musst du den Gegner decken. Nicht nur im Raum stehen. Wenn du – den musst du mar-kie-ren.»

«Zwei Fouls! Hier und da!»: Ralf Loose, Trainer des FC Winterthur.
«Zwei Fouls! Hier und da!»: Ralf Loose, Trainer des FC Winterthur.
Foto: Alexandra Wey / Keystone

Kurz vor der Pause erzielt Winterthur das 0:1. Nicht wirklich verdient, GC hat ungefähr 80 Prozent Ballbesitz und verpasst einige gute Chancen. Danach gehen die Mannschaften in die Kabine. Im Letzigrund kehrt Stille ein, die nur vom Stadionsprecher unterbrochen wird; er schnurrt die Namen von Sponsoren herunter.

Nach der Pause werden die Rufe lauter und weniger verständlich. Aber das Stakkato der Namen bleibt. Streng nach der Regel: Je öfter man etwas wiederholt, desto wirklicher wird es.

Ein Winterthurer wird gefoult, Loose ruft: «Ouuheeey! Zwei Fouls! Hier und da! Gibts doch gar nicht.»

Von der GC-Bank die Replik: «Mein Gott. Ja, wetsch zweimal Gääl, oder was?»

Aber Loose ist schon weiter: «Pauli!»

Manchmal erinnern Spieler und Trainer an ein müdes Ehepaar. – Was willst du essen? Ja, danke, der Prostata gehts gut.

In der 53. Minute schiesst Sayfallah Ltaief ein schönes Tor für Winterthur zum 0:2, und ein Grasshopper grummelt: «Etz chummi denn de Wahnsinn über.»

Gleichzeitig schwärmt jemand auf der Tribüne vom Torschützen: «Wenn de so wiiter macht … Und ich ha s Gfühl, de isch no eine, wo … wo … wo ersch afangt … Dänn … ähm … de chasch … oder.»

Kollege: «Ja, ja, genau.»

«HEY! Wir können nicht zehn zu null verlieren, hey!

Zoltan Kadar, Trainer des Grasshopper Club, nach dem Tor zum 0:4

Gleich darauf das 0:3 für Winterthur. Und dann ein weiterer Konter. Ein Winterthurer rennt wie der Blitz übers Feld. Jemand schreit: «Verzögere! Verzögere! Verzögere!» Aber der Spieler wird nur noch schneller, überspurtet die ganze Abwehr und schiebt ein ins weite Eck des Tors. 0:4.

Ein paar GC-Fans schreien sich einen gutschweizerischen Ärger vom Leib: «Pfui! Pfui!»

Zoltan Kadar, er klingt nicht wütend, nicht enttäuscht, bloss leer: «Defensiv denken! Hey! Defensiv denken! HEY! Wir können nicht zehn zu null verlieren, hey!» Als Kadar fertig gerufen hat, schiesst Winterthur schon das 0:5, und Kadars Leere füllt das ganze Stadion.

«Guck, wir spielen sehr gut. Weidda, weidda»: Die Winterthurer freuen sich über ein weiteres Tor gegen GC.
Foto: Marc Schumacher / Freshfocus

Das Spiel geht weiter, die Winterthurer geniessen die Kür. GC ist verstummt, eingegangen wie eine Pflanze ohne Wasser.

Kadar, tapfer: «Marcin, nur defensiv, nur defensiv. Zehn Tore, hey. Bleib weiter da … Fabio! FABIO! Ja. Jaa.»

Irgendwer, ausser Rand und Band: «GC, DU HUERESOHN!»

Kadar wechselt einen Stürmer mit dem schönen Namen Zé Turbo ein. Und weist ihn gleich an: «Turbo!
Turbo! Go in the deep, hey. Always to the ball.»

Loose: «Guck, wir spielen sehr gut. Weidda, weidda.»

Kadar: «Turbo! Turbo!»

Raucherstimme: «Vorwärts, Turbo! Vai!»

«Ufstiiger, hä!»

Ein hämischer GC-Fan nach dem Spiel

GC kassiert das 0:6. Wenig später hat der Schiedsrichter Erbarmen und pfeift das Spiel ab.

Ein GC-Fan ruft hämisch: «Ufstiiger, hä!»

Ein anderer Fan: «Schämed oi! Schämed oi!» Und dann ausser sich: «SCHÄMED OI, HEY!»

Als Mirko Salvi, der Torhüter der Grasshoppers, vom Feld schleicht, fragt er einen
Reporter: «Wie ging das andere Spiel aus?» – Reporter: «2:1 für Kriens.» Mit einem Sieg hätte es GC in die Relegation geschafft. Salvi lacht ungläubig, kratzt sich am Kopf und flucht: «Che culo.»

«Wie ging das andere Spiel aus?», fragt Mirko Salvi, der GC-Torhüter.
«Wie ging das andere Spiel aus?», fragt Mirko Salvi, der GC-Torhüter.
Foto: Alexandra Wey / Keystone

Dieser Artikel ist inspiriert von einem Beitrag im «Zeit Magazin».