Chicagos Drogenhölle und eine frühe Nuklearforscherin

Krimi der Woche: Mit Verbrechen, die tief in der Geschichte wurzeln, feiert Sara Paretskys Detektivfigur V. I. Warshawski in «Kritische Masse» ein Comeback.

Die Hauptfigur in Sara Paretskys Krimi ist eine Frau. Vor 35 Jahren war die Autorin damit Pionierin – Detektive in der Literatur waren bis dahin Männer.

Die Hauptfigur in Sara Paretskys Krimi ist eine Frau. Vor 35 Jahren war die Autorin damit Pionierin – Detektive in der Literatur waren bis dahin Männer. Bild: PD

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Der erste Satz

«Oh.».

Das Buch
Der «hardboiled detective», der hartgesottene Privatdetektiv, wurde von den Vätern der modernen Kriminalliteratur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt: Dashiell Hammett schuf Sam Spade (in «Der Malteser Falke»), Raymond Chandler Philip Marlow (in «Der grosse Schlaf» und weiteren Romanen). Noch in den 1980ern prägte die Figur des einsamen Kämpfers und Frauenhelden mit der harten Schale und dem manchmal weichen Kern, der sich von niemandem, schon gar nicht von den Vertretern staatlicher Macht, etwas sagen liess, einen grossen Teil der amerikanischen Kriminalliteratur. Mickey Spillanes Mike Hammer ermittelte in New York, Robert B. Parkers Spenser in Boston, Loren D. Estlemans Amos Walker in Detroit. Kaum eine grössere Stadt, in der es keinen Romandetektiv gab.

Dann betrat V. I. Warshawski in Chicago die Szene. «Private Eye» Warshawski firmierte nur mit den Initialen der Vornamen, damit potenzielle Klienten nicht dadurch abgeschreckt wurden, dass es sich bei diesem Detektiv um eine Detektivin handelt. Victoria Iphigenia sind ihre Vornamen, ihre Freunde nennen sie Vic. Sie kann so hart und unerschrocken sein wie ihre männlichen Kollegen, aber sie hat ebenso klar feministische Züge. Heute sind solche Heldinnen keine Seltenheit mehr, aber vor 35 Jahren war Autorin Sara Paretsky mit dieser Figur eine Pionierin.

Paretskys Romane waren damals auch auf Deutsch erfolgreich. Mit der Zeit kamen nur noch sporadisch neue Titel von ihr bei uns heraus und schliesslich gar keine mehr. Jetzt bringt das Frauenkrimiprogramm Ariadne mit «Kritische Masse», im Original vor fünf Jahren erschienen, so etwas wie das Magnum Opus von Paretsky. Der über 500 Seiten starke Wälzer brilliert mit einem komplexen Plot, der weit zurück in die Geschichte geht, in die 1920er-Jahre in Europa, in die Nazizeit, und dabei nicht nur die Judenverfolgung, sondern auch das Schicksal von Frauen in der Wissenschaft thematisiert.

Es beginnt mit dem Hilfeschrei einer drogensüchtigen Frau. Dann verschwindet deren 20-jähriger Sohn, der bei einem Hightech-Unternehmen tätig ist. Auf der Suche nach der Frau, deren Grossmutter in Wien Nuklearforscherin war, gerät Warshawski in eine Schiesserei in einem Drogenhaus. Hat das Verschwinden des Sohns mit seinem Job zu tun oder mit der Geschichte seiner Familie?

Sara Paretsky verwebt geschickt die verschiedenen Zeitebenen und jagt dabei ihre Detektivin durch eine spannende Geschichte voller Action, bei der auch Humor, oft ziemlich sarkastischer, nicht zu kurz kommt. Ein schönes Wiedersehen mit einer alten Heldin.

Die Wertung

Die Autorin
Sara Paretsky, geboren 1947 in Ames, Iowa, wuchs im US-Bundesstaat Kansas auf. Sie studierte Politikwissenschaften an der University of Kansas in Lawrence. 1977 promovierte sie in Geschichte an der University of Chicago. Während zehn Jahren arbeitete sie als Marketing Manager für eine Versicherungsgesellschaft in Chicago. Schon als Kind wollte sie Schriftstellerin werden, doch sie begann erst mit Mitte dreissig zu schreiben. 1982 veröffentlichte sie ihren ersten Krimi mit der Privatdetektivin V. I. Warshawski. Der jetzt auf Deutsch erschienene Band «Kritische Masse» ist der 16. Warshawski-Krimi. 13 der früheren Titel sind seit 1984 auf Deutsch erschienen. Im Oktober dieses Jahres erschien in den USA bereits der 19. Band, «Shell Game». Paretsky heiratete 1976 den Physiker Courtenay Wright, mit dem sie seit 1970 zusammen war. Das Paar hatte drei Kinder. Wright, der Professor an der University of Chicago war, ist vor drei Wochen gestorben, einen Monat nach seinem 95. Geburtstag. Sara Paretsky lebt in Chicagos Stadtteil South Side.

Sara Paretsky: «Kritische Masse» (Original: «Critical Mass», by G.P. Putnam’s Sons, New York 2013). Aus dem Englischen von Else Laudan und Boris Szelinski. Ariadne/Argument-Verlag, Hamburg 2018. 539 S., ca. 33 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.12.2018, 12:03 Uhr

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