Chinas radikale neue Siedlungspolitik
250 Millionen Chinesen sollen vom Land in die Stadt ziehen – wenn nötig unter Zwang: Die chinesische Regierung treibt mit allen Mitteln die Urbanisierung voran. Die Folgen könnten verheerend sein.

Bauern müssen ihr Land abgeben, Bulldozer machen ganze Dörfer dem Erdboden gleich, die Bewohner werden zwangsumgesiedelt – in eigens dafür aus dem Boden gestampfte Städte: Die chinesische Regierung verfolgt eine neue Siedlungspolitik. Bis in zwölf Jahren sollen 250 Millionen Menschen vom Land in die Stadt ziehen. Das sind ebenso viele, wie in der ganzen USA heute bereits in urbanen Regionen leben.
Verantwortlich für diesen einschneidenden Plan ist die Kommunistische Partei Chinas (KP). Sie hat ihre Siedlungsstrategie in den letzten zwei Jahren grundlegend verändert, wie die US-Zeitung «New York Times» (NYT) berichtet.
Während Jahrzehnten sei die KP darauf bedacht gewesen, dass die Menschen vom Land in ihren Heimatdörfern verwurzelt bleiben, selbst wenn sie in der Stadt arbeiteten. Nun verfolge sie die gegenteilige Strategie. Denn wenn die Zahl der Städter wächst, so die Hoffnung der Regierung, wird auch das Wirtschaftswachstum wieder angekurbelt. Die Urbanisierung sei eine seiner höchsten Prioritäten, sagte der neue chinesische Premier Li Keqiang denn auch bei seiner Antrittsrede.
600 Milliarden Dollar pro Jahr
Um die Verstädterung voranzutreiben, wachsen in China deshalb immer mehr Wolkenkratzer in den Himmel, alte Tempel und Kulturgüter müssen Spitälern oder Schulen weichen, neue Strassen ziehen sich durch bislang unberührte Felder. 600 Milliarden Dollar gibt die chinesische Regierung laut der NYT für die neue Infrastruktur aus – pro Jahr. Das Ziel: Bis 2025 sollen 70 Prozent beziehungsweise 900 Millionen aller Chinesen in einer Stadt wohnen. Derzeit ist es die Hälfte.
Doch wie bringt man Menschen dazu, ihr Zuhause im Dorf hinter sich zu lassen, um in eine Metropole zu ziehen? Die chinesische Regierung greift auch dafür tief in die Tasche: Sie lockt die Dörfler mit neuen, kostenlosen Wohnungen in der Stadt und entschädigt sie mit Zehntausenden Dollars für das Land, das sie abgeben. Wenn das nicht reicht, wendet sie Zwang an – und lässt sich mit einer gesetzlichen Bewilligung ausstatten, um die Menschen umzusiedeln.
Der Widerstand der Dörfler wächst
In der Stadt wartet ein auf den ersten Blick besseres Leben auf die Dorfbewohner, mit mehr Jobs und einer höheren Lebensqualität. Doch die negativen Folgen der Umsiedlungspolitik sind schon jetzt sichtbar: Die Arbeitslosigkeit in den Städten ist im Steigen begriffen, die Löhne sinken. «Anstelle von Reichtum könnte die Urbanisierung eine neue Unterklasse in grossen chinesischen Städten schaffen und die ländliche Kultur und Religion zerstören», schreibt die NYT. Dasselbe sei in anderen Entwicklungsländern wie Brasilien oder Mexiko passiert, wo man in den letzten Jahrzehnten ebenfalls auf die Verstädterung setzte.
Die KP erhofft sich von ihrer Siedlungspolitik vor allem wirtschaftliche Vorteile: Sie will den Schwerpunkt weg vom Export hin zum inländischen Konsum verschieben. So soll die Zahl der Menschen, die lediglich konsumieren, was sie selber herstellen, massiv gesenkt werden. Vom Bau neuer Städte erhofft sie sich zudem Aufträge für die Bauindustrie und Verkehrsunternehmen.
Eigentlich habe die KP ihre neue Siedlungsstrategie am Parteitag im vergangenen März vorstellen wollen, schreibt die NYT weiter. Doch einerseits wachse der Widerstand der Dörfler, die ihr Zuhause zwangsweise verlassen müssen. Andererseits sei noch nicht ganz klar, wie die Regierung für die massiven Kosten des Projekts aufkommen wolle. Deshalb habe man die Präsentation der Pläne in den Herbst verschoben, sagen Quellen aus der Regierung gegenüber der NYT.
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