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Kolumne zum Thema AusgangClubfasten

Momentan sind wir alle auf Entzug. Unsere Autorin hat sich Gedanken darüber gemacht, was die fehlenden Partys mit uns machen.

Irgendwo ganz weit weg ist das Ende der Fastenzeit zu sehen: Eine Frau blickt in die Ferne.
Irgendwo ganz weit weg ist das Ende der Fastenzeit zu sehen: Eine Frau blickt in die Ferne.
Bild: David Gavi/Unsplash

Ich erinnere mich noch, als meine Mutter einmal beschloss (oder sich eher von einer Freundin überreden liess), zu fasten. Bis heute erzählt sie, wie neidisch sie meinem Bruder und mir auf dem Spielplatz zusah, wie wir Apfelschnitze assen, während sie tagelang nur Tee trinken durfte.

Immer wieder begegnen mir Artikel über Saftkur-Selbstversuche. Wie reinigend diese seien – und zwar für Körper und Geist. Kürzlich wies mich eine Freundin darauf hin, dass wir auch fasten würden. Ausgangsfasten. Doch im Gegensatz zu meiner Mutter damals verzichten wir nicht freiwillig.

Die Clubs sind zu, Konzerte abgesagt, und ob wir diesen Sommer auf Festivals tanzen werden, ist auch unklar. Diese Aussicht betrübt mich. Denn es fallen zwar fiese Kater und hohe Drink­rechnungen weg, aber eben auch spontane Begegnungen mit Leuten, die man lange nicht mehr gesehen hat, sowie neue Bekanntschaften, die man in dieser Form nur um 3 Uhr morgens auf der Piazza Cella oder dem Frauen-WC macht. Es ist das Unplanbare, das mir fehlt. Noch immer finde ich es an den Wochenenden komisch, um 23 Uhr zu Hause zu sein und zu bleiben.

Wie sich die erste Nacht draussen wohl anfühlen wird?

Annik Hosmann

Das Ausgangsfasten, meinte besagte Freundin, die selber oft und gerne draussen ist, mache sie ruhiger. Sie setze sich mehr mit sich auseinander. Im ersten Moment überraschte mich ihre Aussage. Denn ich empfinde sie als jemanden, der sehr reflektiert ist. Mit sich im Reinen. Aber ich glaube, sie hat recht. Weil wir alle auf dieser unfreiwilligen Partyfastenkur sind (die zwar mit Streamings von Konzerten und DJ-Gigs immer wieder unterbrochen wird, was aber eben doch nicht ganz dasselbe ist), haben wir mehr Zeit für uns. Für uns allein (oder mit dem Freund, der Mitbewohnerin, der Familie), um nachzudenken.

Auch ich spüre die Ruhe, die einkehrt. Manchmal die Lethargie. Aber mindestens so oft kommt Wehmut auf. Nach dem, was im Moment eben nicht ist. Es ist ein kleiner Verzicht im Vergleich zum Impact, den er haben kann. Und natürlich ist es ein höchst privilegierter Verzicht.

Meine Mutter meinte, dass ihr ein Apfel noch nie so gut geschmeckt hat wie derjenige nach ihrer Fastenkur. Wie sich die erste Nacht draussen wohl anfühlen wird?

4 Kommentare
    Fabian Römer

    Ein toller Beitrag mit wichtigen, tiefgehenden Einsichten.