100 Prozent Bio erhöht den CO2-Ausstoss

Nachhaltige Landwirtschaft verbraucht mehr Fläche, weil ihre Erträge deutlich geringer sind. Das führt zu mehr Treibhausgas-Emissionen.

Bioanbau: Nachhaltige Landwirtschaft ist nur möglich, wenn die Konsumenten ihr Verhalten ändern. Foto: Gaetan Bally/Keystone

Bioanbau: Nachhaltige Landwirtschaft ist nur möglich, wenn die Konsumenten ihr Verhalten ändern. Foto: Gaetan Bally/Keystone

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Die globale Klimabewegung, aber auch die eidgenössischen Wahlen haben es gezeigt: Die Menschen spüren, dass wir tatsächlich etwas unternehmen müssen, um weltweit – und in der Schweiz – die Treibhausgasemis­sionen schnell und deutlich einzudämmen. Das gilt für den Verkehr, für Gebäude und die Industrie, das gilt aber ebenso für die Landwirtschaft. Denn mindestens jedes achte Kohlendioxid-Molekül (CO2), das in der Schweiz ausgestossen wird, kommt aus diesem Sektor.

Die Landwirtschaft muss ökologischer werden respektive ihren Treibhausgasausstoss senken. Genau das fordert die 2011 beschlossene Klimastrategie Landwirtschaft des Bundes, gemäss der die Emissionen bis 2050 um ein Drittel gesenkt werden sollen im Vergleich zu 1990. Nur: Die Vorgaben zur Reduktion wurden bislang deutlich verfehlt, und nun kommt noch eine weitere schlechte Nachricht hinzu, die ausgerechnet den Biolandbau betrifft. Gemäss einer aktuellen britischen Studie würde nämlich die Umstellung auf 100 Prozent Bio die Treibhausgasemissionen des Sektors Landwirtschaft nicht senken, sondern er­höhen.

Um 21 Prozent würden die Treibhausgasemissionen zunehmen, falls man vollständig umstellt, so das Fazit der Studie.

Das hat damit zu tun, dass die Erträge pro Fläche in der biologischen Landwirtschaft noch immer deutlich unter jenen der konventionellen Bewirtschaftung liegen. Um rund 40 Prozent geringer würden die Erträge ausfallen, wenn man ganz England und Wales auf Biobetriebe umstellen würde, berichteten Forscher der Cranfield University kürzlich im Fachblatt «Nature Communications». Weniger Erträge heisst jedoch, dass mehr Fläche landwirtschaftlich genutzt werden muss, um die gleiche Menge an Nahrung zu produzieren. Und ein höherer Landverbrauch bedeutet immer höhere Treibhausgasemissionen, weil bei der Umnutzung Kohlenstoff aus dem Boden freigesetzt wird.

Positiver sieht die Treibhausgasbilanz für den Biolandbau aus, wenn man die produzierte Einheit betrachtet, also zum Beispiel eine Tonne Mais oder ein Kilo Rindfleisch. Hier schneidet gemäss der britischen Studie Bio besser ab, bei der Viehwirtschaft um etwa 5 Prozent, bei Getreide und Gemüse um rund 20 Prozent. Insgesamt, wenn also die tieferen Erträge mit ein­gerechnet werden, ergibt sich für den Ökolandbau ein Minus: Um 21 Prozent würden die Treibhausgasemissionen zunehmen, falls man vollständig umstellt, so das Fazit der Studie.

Biolandbau hat Optimierungspotenzial

«Soweit ich das beurteilen kann, ist die Studie gut gemacht», sagt Paul Mäder, Leiter des Departements für Bodenwissenschaften am Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (Fibl) in Frick. Die Treibhausgase und der Landverbrauch seien tatsächlich sehr wichtige Indikatoren für die Nachhaltigkeit, aber nicht die einzigen. «Auch die Biodiversität, die Belastung der Böden und des Wassers mit Pestiziden sowie die Bodenqualität im Allgemeinen sind wichtig», sagt Mäder. Und hier schneide der Biolandbau deutlich besser ab, weil auf Kunstdünger und synthetische Pestizide verzichtet werde (natürliche ­Pestizide wie Kupfer sind im Biolandbau zugelassen). Man müsse alle diese Faktoren ­berücksichtigen, wenn es darum gehe, die Nachhaltigkeit von Landwirtschaftssystemen gesamtheitlich zu beurteilen.

Mäder räumt ein, dass der Biolandbau beim Output Optimierungspotenzial hat. «Wir müssen uns sehr bemühen, die Erträge zu steigern», sagt er. Das sei aber möglich, «wir haben diverse Mittel». So könne man den Ertrag eines Maisfelds mit einer vorgängigen Gründüngung um 30 Prozent steigern. Auch mit dem Einsatz von Recycling-Düngern – etwa festen und flüssigen Resten der Biogasgewinnung – lasse sich der Ertrag stark verbessern. Die Frage sei allerdings, ob man damit nicht eine Konventionalisierung des Biolandbaus fördere, was letztlich zu den gleichen Problemen führen könnte, wie sie die konventionelle Landwirtschaft kenne: «Dichtere Pflanzenbestände, geringere Biodiversität, höheres Risiko von Auswaschung, Überdüngung von Oberflächengewässern.»

Eine andere Option, um die Treibhausgasemissionen zu senken, ist die «Direktsaat». Dabei verzichten die Bauern auf Pflug­einsätze. Diese Methode habe viele Vor­teile, sagt Thomas Nemecek, stellvertretender Gruppenleiter Ökobilanzen bei der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope. «Man stört den Boden weniger, es kann sich mehr Humus bilden, und es gibt einen besseren Schutz vor Erosion und Auswaschung.» Nach­teile seien der Herbizideinsatz gegen das Unkraut sowie Pilzerkrankungen, die sich auf Pflanzenresten bilden und potenziell die nächste Kultur infizieren können. Wegen des Unkrautdrucks kann der Biolandbau kaum ganz auf das Pflügen verzichten, er versucht, den Pflugeinsatz aber zu reduzieren.

Es braucht weniger Foodwaste und Fleischkonsum

Auch Adrian Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Umweltentscheidungen an der ETH Zürich sowie am Departement für Sozioökonomie am Fibl, stellt der Methodik der britischen Studie prinzipiell ein gutes Zeugnis aus. Die Situation in England und Wales sei aber nicht generell vergleichbar mit anderen Ländern wie der Schweiz. So gehen eigene Berechnungen für die Schweiz und Österreich laut Müller von einem Ertragsdefizit von 25 bis 30 Prozent aus, wenn man die gesamte Landwirtschaft auf Bio umstellen würde – und nicht von 40Prozent wie in England und ­Wales.

Diesen für die Schweiz etwas geringeren Unterschied bei den Erträgen bestätigt auch Thomas Nemecek. Bei Hülsenfrüchten etwa, die mithilfe von Bakterien an den Wurzeln Stickstoff fixieren können, sei der Unterschied gering oder nicht existent, bei Weizen, Raps oder Kartoffeln seien die Ertragsdifferenzen jedoch gross. Generell stimme es aber schon, so Nemecek: «In der Biolandwirtschaft braucht es mehr Land, um das Gleiche zu produzieren.»

Beim Thema höherer Landverbrauch des Biolandbaus kritisiert Paul Mäder vom Fibl indes, dass ein wichtiger Aspekt nicht berücksichtigt werde: nämlich, dass die Böden bei einer intensiven konven­tionellen Produktion kaputtgehen. «Ich finde, das müsste man in Ökobilanzen jeweils aufwiegen.»

Einig sind sich die meisten Experten, dass eine nachhaltigere Landwirtschaft nur möglich ist, wenn sie auch das Verhalten der Konsumenten ändert. So zeigte eine Studie des Fibl von 2017, dass ein Ausbau der biologischen Landwirtschaft nur dann Sinn mache, wenn die Menschen weniger Fleisch essen würden und weniger Lebensmittel durch Food-Waste verloren gingen. Würde man bei unverändertem Verhalten und Konsum auf 100 Prozent Bio umstellen, sei dies kein praktikables Szenario, weil das einen grösseren Landverbrauch bedeuten würde, schreiben die Forscher. Oder, wie es Paul Mäder sagt: «Ohne weniger Fleisch zu essen und ohne weniger wegzuwerfen, löst kein System die Klimaproblematik.»



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Erstellt: 09.11.2019, 18:00 Uhr

Bio boomt wie noch nie

Der Biolandbau ist nach wie vor auf dem Vormarsch. Im Jahr 2018 setzten gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik schweizweit über 7000 (von insgesamt rund 50'000) Landwirtschaftsbetriebe auf biologische Anbaumethoden, und zwar auf 161'000 Hektaren oder 15 Prozent der gesamten Landwirtschaftsfläche. Der Biolandbau hat dabei in allen Kantonen und Landwirtschaftsbereichen gegenüber dem Vorjahr zugenommen.

Auch auf Konsumentenseite boomt Bio. 2018 stieg gemäss einer Mitteilung von Bio Suisse der Umsatz von biologischen Produkten erstmals über drei Milliarden Franken. Schweizerinnen und Schweizer kauften letztes Jahr pro Kopf für 360 Franken Bio­lebensmittel – in keinem anderen Land wird mehr für Bioprodukte ausgegeben. 27,6 Prozent aller verkauften Eier hierzulande waren 2018 Bio, beim Frischbrot betrug der Anteil 25,3 Prozent und bei Gemüse, Salaten und Kartoffeln 21,8 Prozent. (nw)

Die drei Treibhausgase der Landwirtschaft

In der Landwirtschaft, und zwar sowohl in der konventionellen wie auch der biologischen, fallen im Wesentlichen drei Treibhausgase an: Methan, Lachgas und Kohlendioxid (CO2).

Methan wird vorwiegend von rülpsenden Wiederkäuern produziert und abgegeben, aber es entweicht zum Beispiel auch im Reisanbau. Lachgas (N2O) entsteht im Boden aus dem durch Düngung eingebrachten Stickstoff. Eine kürzlich von Forschern des Fibl in «Scientific Reports» publizierte Studie konnte zeigen, dass beim Bioanbau die Lachgasemissionen im Feld um etwa 40 Prozent geringer ausfallen als beim konventionellen Anbau. CO2 schliesslich fällt zum Beispiel bei den eingesetzten Maschinen oder bei der Beheizung der Ställe an.

Da Methan 25-mal und Lachgas 300-mal so klimawirksam ist wie CO2, rechnet man diese Emissionen um in CO2-Emissionen und spricht dann von «CO2-Äqui­valenten». (nw)

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