1800 Senioren wegen Verkehrsdelikten verurteilt

315 Unfälle mit Schwerverletzten oder Toten verursachten Autofahrer über 70 letztes Jahr. Junge hingegen fahren immer sicherer.

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Elida ist noch keine 20 Jahre alt. In Lenzburg AG will sie die Hauptstrasse überqueren, korrekt, auf dem Fussgängerstreifen. Da wird sie von einem Volvo erfasst und meterweit weggeschleudert. In kritischem Zustand kommt sie ins Spital, dort erliegt sie wenig später ihren Verletzungen.

Der Lenker ist über 60 Jahre älter. Er bleibt unverletzt. Angetrunken war er unterwegs, ohne Führerschein, weil ihn die Polizei einst innerorts mit 80 km/h erwischt hatte. Später gibt er an, Elida nicht gesehen zu haben. Wegen der Dunkelheit und dem Regen.

Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte den 82-Jährigen dieses Jahr wegen fahrlässiger Tötung. Er gehört zur rasant wachsenden Gruppe von Rentnern, die gegen das Strassenverkehrsgesetz verstossen – im letzten Jahr wurden 1802 Personen über 70 verurteilt. Ein Rekord und doppelt so viele Schuldsprüche wie 2008.

Die Staatsanwaltschaft Graubünden untersucht derzeit den Unfall einer 74-Jährigen. Ihr Wagen kam im letzten August bei Flims von einer schmalen Bergstrasse ab und überschlug sich mehrmals. Die Lenkerin überlebte – ihr Sohn auf dem Beifahrersitz verstarb jedoch am Unfallort.

Im Aargau wiederum führen die Behörden aktuell ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger schwerer Körperverletzung. Es geht um den Todesfall einer 39-jährigen Touristin aus Griechenland. Zu Fuss war die Frau letzten Dezember in Bad Zurzach unterwegs, als sie ein 71-Jähriger mit seinem Lieferwagen auf dem Trottoir erfasste.

315 Unfälle mit Schwerverletzten oder Todesfolge

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) gibt es spezifische Gründe für die Zunahme der Verurteilungen. Etwa neu geschaffene Verkehrsbereiche, die gerade Rentnern Probleme bereiten: «Früher gab es zum Beispiel kaum Begegnungszonen und viel weniger Kreisel», sagt Karin Huwiler, Expertin im Bereich Strassenverkehr. «Es ist gut möglich, dass Betagte hier eher Fehler machen beim Vortritt als Junge, die es von Anfang an so gelernt haben.»

Eine Analyse der Unfallstatistik vom Bundesamt für Strassen (Astra) durch die SonntagsZeitung zeigt: Fast täglich verursacht in der Schweiz ein älterer Autofahrer einen schweren Unfall. Für 2018 verzeichnet die Datenbank 315 Ereignisse mit Schwerverletzten oder Todesopfern, bei denen eine über 70 Jahre alte Person am Steuer sass. Meist missachteten sie die Verkehrsregeln oder waren unaufmerksam und abgelenkt.

Im öffentlichen Fokus stehen die Alten indes kaum. Stattdessen machten im Oktober junge Verkehrssünder Schlagzeilen, die mit PS-starken Sportboliden rasten oder Schäden verursachten. Die Auswertung zeigt aber: Autofahrer zwischen 18 und 24 Jahren waren 2018 nur für 238 schwere Unfälle verantwortlich.

Pro Einwohner liegen Junglenker als Unfallverursacher zwar noch an erster Stelle. 3,6 schwere Unfälle kamen letztes Jahr auf 10 000 Personen zwischen 18 und 24 Jahren. Allerdings hat sich die Unfallquote dieser Jahrgänge seit 2011, als die Daten erstmals erhoben wurden, halbiert.

Im Gegensatz dazu sind ältere Autofahrer nicht weniger gefährlich unterwegs als früher. Sie kamen im letzten Jahr auf 2,7 schwere Ereignisse pro 10'000 Einwohnern über 70. Bleibt die Tendenz stabil, haben Senioren bald die höchste Quote.

Experten führen gern an, dass immer mehr Senioren den Führerschein haben. So steige die Zahl der Lenker über 70 und damit auch deren Unfallquote. Das Bild bleibt aber gleich, wenn man die Zahl der Führerscheine berücksichtigt. Auch pro 10'000 Fahrberechtigten liegen Junglenker bei schweren und tödlichen Unfällen heute nur noch knapp vor Fahrern über 75.

«Ich hatte diese Kontrolluntersuchung dreimal absolviert und am eigenen Leib erkannt, dass Alter 70 wesentlich zu früh ist.»Abtretender SVP-Nationalrat Maximilian Reimann

Bei Letzteren liegt die Fahrprüfung manchmal schon arg lange zurück. Die Datenbank des Astra zeigt: Der älteste Unfallfahrer 2018 war 100 Jahre alt. Er verursachte in Luzern unter Einfluss von Medikamenten einen Parkschaden. In Oberengstringen ZH verletzte sich eine 97-jährige Lenkerin leicht. Und in Vernier GE verunfallte ein Gleichaltriger, weil er eine Markierung missachtet hatte. Seinen Führerschein hatte er im Sommer 1947 gemacht.

Immer mehr Lenker über 70 müssen den Fahrausweis inzwischen abgeben. 7446 Ausweisentzüge waren es im letzten Jahr, auch das ist eine Verdoppelung im Vergleich zu 2008. Die allermeisten Entzüge erfolgten wegen Krankheit und Gebrechen. Ein Indiz dafür, dass die «verkehrsmedizinische Kontrolluntersuchung» gut funktioniert. Bis letztes Jahr waren diese ärztlichen Checks für Autofahrer ab 70 obligatorisch. Alle zwei Jahre mussten sie sich untersuchen lassen. Doch auf Anfang 2019 hat das Parlament die Auflagen gelockert – obwohl sich der Anteil der Senioren an schweren Unfällen kontinuierlich erhöht. Neu erhalten Autofahrer erst ab 75 ein Aufgebot zur Kontrolle.

«Ich hatte diese Kontrolluntersuchung dreimal absolviert und am eigenen Leib erkannt, dass Alter 70 wesentlich zu früh ist», sagt der ­abtretende SVP-Nationalrat Maximilian Reimann. Er hatte die Erhöhung angestossen. «Alter 70 stammt aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, seither sind die Senioren physisch und psychisch mindestens sechs Jahre länger fit. Ebenso sind Autos heute wesentlich einfacher zu fahren.» Senioren aus Deutschland, Österreich oder Frankreich dürften hierzulande ohne Kontrollen auf die Strasse. Für Schweizer hingegen gelte «staatliche Bevormundung». Dass die Quote schwerer Unfälle zunimmt, dazu will sich Reimann nicht äussern. «In diesen Zahlensalat mische ich mich nicht mehr ein.»

«Ein Nachteil ist es sicher nicht, sich regelmässig kontrollieren zu lassen.»Dr. Matthias Pfäffli, Schweizerische Gesellschaft für Rechtsmedizin (SGMR)

Diplomatisch bleibt das Astra. «Der Bundesrat war gegen eine Erhöhung der Limite», erklärt Sprecher Thomas Rohrbach. «Der Entscheid des Parlaments ist aber anders ausgefallen und nun so umzusetzen.» Man werde beobachten, wie sich die Zahlen entwickeln.

Aktuelle Daten der kantonalen Strassenverkehrsämter lassen Böses erahnen. Sie haben im ersten Halbjahr 2019 insgesamt mehr Führerscheine weggenommen als in der Vorjahresperiode. Ausgerechnet bei Personen zwischen 70 und 74 Jahren brach die Zahl der Entzüge jedoch um 20 Prozent ein. Das sind exakt jene Jahrgänge, die im laufenden Jahr nicht mehr zur ärztlichen Kontrolle mussten.

Sorgt die Erhöhung der Alterslimite dafür, dass weniger fahruntüchtige Senioren erkannt und aus dem Verkehr gezogen werden? «Der Verdacht ist sicher gerechtfertigt», sagt Dr. Matthias Pfäffli von der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin (SGMR). «Ich sehe zumindest keinen anderen Grund, warum die Zahl der Entzüge um 20 Prozent abgenommen hat bei dieser Altersklasse.» Die SGMR war ebenfalls gegen eine Anpassung der Altersgrenze. «Es gibt zwar noch keine Studie in der Schweiz, welche die Wirksamkeit der verkehrsmedizinischen Untersuchung im Alter überprüft hat. Ein Nachteil ist es aber sicher nicht, sich regelmässig kontrollieren zu lassen», sagt Pfäffli.

Denn die Lenker selbst sehen kaum ein, dass sie nicht mehr hinter das Steuer gehören. Die Versicherung AXA führte 2017 eine repräsentative Umfrage durch bei Pensionierten. «Sie schätzten die Wahrscheinlichkeit, dass ihnen beim Autofahren ein Fehler passieren könnte, relativ gering ein», sagt Mediensprecherin Anna Ehrensperger. «Demgegenüber zeigt eine Auswertung der Unfallzahlen, dass die Schadenfrequenz bei Senioren ab Alter 70 kontinuierlich ansteigt.»

Rentner auch unter den Todesopfern übervertreten

Ehrensperger weist darauf hin, dass Senioren nicht nur häufig schuld sind an Verkehrsunfällen. Sondern dass sie auch überdurchschnittlich oft Opfer werden. «Gründe dafür sind, dass Senioren verletzlicher sind. Zudem sind sie vor allem innerorts und auf Landstrassen unterwegs, wo es häufiger zu Unfällen kommt.»

Vor zwei Wochen hat die BfU einen Report über das Unfallgeschehen von 2018 publiziert. «Die Gefahr, tödlich zu verunfallen, ist bei Senioren ab 65 Jahren am höchsten», heisst es darin. Die Anzahl Getötete pro 10'000 Personenschäden sei «gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern um das Drei- bis Sechsfache erhöht».

Häufig handelt es sich um Selbstunfälle. In Vex VS stürzte ein 84-Jähriger mit dem Auto einen Abhang hinunter, in Moutier BE fuhr ein 72-Jähriger in eine Hauswand. Eine 84-Jährige wiederum geriet bei Ermatingen TG in den Bodensee. In Luterbach SO und Genthod GE kollidierten Autofahrer über 70 mit einem Zaun respektive einem Baum. Alle Lenker starben in den letzten vier Wochen. Keine aussergewöhnliche Häufung, sondern traurige Realität auf Schweizer Strassen.



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Erstellt: 10.11.2019, 07:45 Uhr

«Betroffene sind geschickt darin, Anzeichen zu vertuschen»

Laut Dr. Wettstein fühlen sich viele Senioren ohne Auto nicht mehr autonom.

Albert Wettstein war während 28 Jahren Zürcher Stadtarzt. Foto: Doris Fanconi

Wie bringt man der eigenen Grossmutter bei, dass sie nicht mehr Auto fahren sollte?
Indem man Alternativen aufzeigt. Es gibt Freunde und Nachbarn, die fahren können. Oder Elektromobile, die maximal 12 Stundenkilometer fahren, was für den Einkauf gut reicht. Wer kein Auto mehr hat, der spart auch Geld und kann sich Taxis leisten oder Fahrdienste wie etwa vom Roten Kreuz.

So einfach lassen sich Senioren kaum vom Steuer fernhalten.
Tatsächlich sind viele hartnäckig. Was verständlich ist, weil die Abgabe des Führerscheins als grosser Eingriff in die Selbstständigkeit empfunden wird. Aktuell kommt eine Generation ins Rentenalter, bei der fast alle Männer und auch Frauen ihr ganzes Leben lang Auto fuhren. Auf diese Autonomie wollen sie nicht plötzlich verzichten.

Gibt es viele Ältere, die trotz Ausweisentzug weiterfahren?
Davon ist auszugehen. Ich hatte zumindest schon solche Fälle. Eine pensionierte Professorin etwa, der nach einem Bagatellunfall das Billett weggenommen wurde. Sie fuhr weiter, bis ich ihr den Schlüssel abnahm. Da ging sie zum Automechaniker und liess sich einen neuen anfertigen. Das Beispiel zeigt: Betroffene sind in der Regel clever darin, neue Wege zu finden, um doch weiter zu fahren.

Die meisten Ausweise werden wegen Krankheiten entzogen. Worum geht es konkret?
Allermeist um Demenz. Sie beeinträchtigt das Raumempfinden und die Entscheidungsfähigkeit, beides wichtige Faktoren für einen sicheren Strassenverkehr. Das Problem ist, dass diese Krankheit oft erst spät erkannt wird. Die Betroffenen gestehen sich selbst nicht ein, dement zu sein. Sie sind geschickt darin, Anzeichen zu vertuschen. Und Ausreden zu finden, wenn es zu einem Vorfall gekommen ist.

Sollten Angehörige solche Fälle beim Kanton melden?
Wenn es akut ist und man sich Sorgen macht, dann ist das sicher gut. Aber sonst wäre ich zurückhaltend. Betroffene können es als Vertrauensbruch empfinden, wenn sie ein Angehöriger beim Amt meldet. Ich finde es besser, sich an den Hausarzt zu wenden. Dieser kann die gängigen Tests durchführen. Und sich an das Strassenverkehrsamt wenden, wenn der Patient wirklich nicht mehr fahrtüchtig ist.

Auch Hausärzte wollen es sich nicht verscherzen mit der Kundschaft. Melden sie solche Fälle konsequent?
Gesichertes Wissen darüber gibt es nicht. Aus meinen Kontakten mit Hausärzten weiss ich jedoch, dass die meisten eine Gefährdung der Öffentlichkeit durch fahruntaugliche Betagte nicht auf die leichte Schulter nehmen und konsequent auf Rückgabe des Fahrausweises hinwirken. Und falls dies nichts fruchtet, diese den Strassenverkehrsämtern melden.

Roland Gamp

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