Das Ende der Welt

Warum es mit dem Klimawandel wie mit dem Tramfahren ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor der Tür meiner Genter Wohnung beginnt eine lange Strasse, an deren Ende eine Tramhaltestelle liegt. Natürlich kommt das Tram ­immer bei maximaler Distanz, und ich kann es (und damit den Zug) nur erwischen, wenn ich wie ein Verrückter renne. Weshalb ich aus ­Bockigkeit meist nicht schneller, sondern noch langsamer gehe und damit meinen ganzen Tag verpasse.

Ähnlich verhält es sich mit dem Klimawandel: Obwohl es jener Kampf ist, den wir gewinnen müssen, da sonst alle anderen Kämpfe sinnlos sind, kommen wir irgendwie nicht in die Gänge. Natürlich lähmt uns die schiere Grösse dieses Wandels. Wobei das Perfide ist, dass die gefühlte Hilflosigkeit der Passivität in die Hände spielt. Und diese Passivität hinwiederum ist politisch bedingt.

Nehmen wir beispielsweise den Konflikt, der in Frankreich ursprünglich um die Erhöhung des Benzinpreises ausgebrochen ist. Jede Statistik sagt absolut unzweideutig, dass die westlichen Industriestaaten ihren CO2-Ausstoss nur per Begrenzung des privaten Personenverkehrs senken können. Ist Benzin unerschwinglich, fahren die Leute weniger Auto – oder steigen ganz auf die Bahn um. So jedenfalls dachte es sich Macron.

Das Problem war nur: Das französische Bahnnetz wurde im Zeitalter des Neoliberalismus auf eine Weise wegrationalisiert, dass es unmöglich ist, ausserhalb von Paris ohne Auto einer Arbeit nachzugehen. Erhöhung des Benzinpreises bedeutet also, die Welt um den Preis zu retten, dass nur noch reiche Pariser ihr Haus verlassen können. Logischerweise mündete das in eine Revolution der Provinz gegen die Hauptstadt. Denn wie die Schriftstellerin Annie Ernaux in einem Interview sagte: «Die Leute interessieren sich nicht für das Ende der Welt, sie interessieren sich für das Ende des Monats.»

Letzte Woche sah ich auf Youtube die Rede, die die 15-jährige Greta Thunberg aus Schweden auf dem Weltklimagipfel hielt. «Ich werde um nichts bitten», sagte Greta, «ich bitte stattdessen die Menschen auf der ganzen Welt, zu verstehen, dass unsere politischen Führungen versagt haben.» Wobei das nicht ganz fair ist: Eine Lobby-Demokratie ist einfach nicht die ideale Herrschaftsform für eine Ökodiktatur. Kein Politiker wurde gewählt, um die Welt zu retten. Und ­versucht er es trotzdem, dann bedeutet das ­normalerweise das Ende seiner Karriere.

Denn jedermann weiss, dass die Welt, sollte es dazu kommen, auf dem Rücken der Armen gerettet werden wird – und sicherlich nicht zu ihrem Vorteil. Macron, der gleichzeitig zur Erhöhung des Benzinpreises die Aufhebung der Reichensteuer durchsetzt, wirkt wie die zynische Kirsche auf einer globalen Double-Bind-Situation, in der die so dringend nötige Zusammenarbeit zwischen Elite und Zivilgesellschaft wohl ein für alle Mal blockiert ist.

Es ist wie bei dem Beispiel mit dem Tram: ­Alles hängt davon ab, ob wir es erwischen. Aber der Tramführer ist eh ein Arschloch, der uns vor der Nase davonfährt. Das Tram ist, wenn es dann mal kommt, zu teuer. Da nehmen wir lieber gleich das Auto. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.12.2018, 17:33 Uhr

Artikel zum Thema

Aischylos in Mosul

Kolumne Niemand berichtet mehr über die Stadt – der IS ist ja offiziell besiegt. Was es nun braucht. Mehr...

Es hat sich gelohnt

Kolumne Milo Rau über eine komplett chaotische Solidaritätsveranstaltung für Kirill Serebrennikow. Mehr...

Milo Rau wird mit Europäischem Theaterpreis ausgezeichnet

Ob der Berner seine Auszeichnung in St.Petersburg wird abholen können, ist jedoch ungewiss. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Eine Karawane zieht durch die Strasse: In Selcuk im Westen der Türkei sind ein Viehbesitzer und sein Kamel auf dem Weg zum jährlichen Kamelringen. Der traditionelle Wettkampf existiert bereits seit 2400 Jahren (19. Januar 2019)
(Bild: Bulent Kilic) Mehr...