690'000 ausgebüxte Lachse entlarven die Fischindustrie

Die chilenischen Fischer wollen die Tiere gar nicht fangen, denn sie sollen «absolut ungeniessbar» sein.

Die lokalen Fischer halten nichts von «Industrieprodukten»: Arbeiter in einer der Filetierfabriken an der chilenischen Küste. Foto: Getty Images

Die lokalen Fischer halten nichts von «Industrieprodukten»: Arbeiter in einer der Filetierfabriken an der chilenischen Küste. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ladenbesitzer Francisco Vera ist 56 und lebt in einem Holzhaus am Rand des Küstendorfs Pargua, etwa 30 Kilometer entfernt von der Zuchtfarm Punta Redonda. Ein Unwetter hat dort letzten Monat die Netzkäfige zerstört. Das nutzten mindestens 690'000 Fische zur Flucht. Ein paar Tage später spülte die Strömung vor Pargua einen Schwarm an, die Fischer mussten sich nur an den Strand stellen. Tausende offenbar orientierungslose Lachse schwammen ihnen direkt in die Netze. Vera hat sich auf dem Fischmarkt sofort einen gekauft, auf gar keinen Fall, um ihn zu essen. Er hält dieses «Industrieprodukt» für «absolut ungeniessbar». Es ging ihm darum, Beweismaterial zu sichern.

Vera ist ein sanfter Mann mit feiner Ironie, beides kontrastiert mit dem Blick des Deutschen Schäferhundes vor seiner Haustür. «Unangemeldete Besuche können hier wehtun», sagt Vera. Bissige Hunde gehören zur Grundausstattung fast aller Haushalte im wilden Süden Chiles, wo im Zweifelsfall nur ein Gesetz gilt, das des Stärkeren.

«Dieser Fisch ist krank»

Vera hat sich mit den Allerstärksten angelegt, den Herren der Lachszucht. Auf seiner Brust baumelt eine Medaille: Nación Mapuche. Er ist der Sprecher einer indigenen Gemeinde, die seit Jahren gegen die Auswüchse der Fischindustrie kämpft, wobei diese Gemeinde nur noch aus ihm und seinen sieben Brüdern mit ihren Familien besteht. Alle anderen sind weggezogen – mehr oder weniger unfreiwillig. Es gab Prozesse, Verleumdungsklagen und auch mal eins auf die Nase. Vera lächelt: «Wir sind hier die letzten widerspenstigen Indianer.»

Der Tiefkühllachs liegt unverpackt im Eisfach, zwischen Pommes und Lammsteaks. Vera packt ihn mit beiden Händen, ohne Handschuhe. Die Hände eines Mapuche kennen keine Kälte. Er zeigt auf den bleichen Bauch, den öligen Glanz der Schuppen, all das sagt ihm: «Dieser Fisch ist krank.» So krank wie die ganze Bucht.

Vera hat bei der chilenischen Umweltbehörde angefragt, ob sie seinen Lachs untersuchen könnten, auf Antibiotika-Verseuchung, auf andere toxische Spuren. Aber die Umweltbehörde habe ihn an die Fischereibehörde verwiesen und die wiederum habe ihm mitgeteilt, das könne nur der legitime Lachsbesitzer beantragen, also das norwegische Unternehmen Marine Harvest, dem all die Fische entkommen waren. «Da kann ich mich gleich selbst anlügen», sagt Vera. Er legt den Lachs wieder in die Truhe. Dort möge er in Frieden ruhen, bis sich ein unabhängiger Veterinär zu einer Obduktion bereit erklärt.

Heute stammt fast die Hälfte der 157 Millionen Tonnen Fisch, die weltweit jedes Jahr verspeist werden, aus Zuchtanlagen.

Am Eingang zur Firmenzentrale von Marine Harvest in der Regionalhauptstadt Puerto Montt steht ein Schild mit der Aufschrift «Leading the Blue Revolution». Mit der Blauen Revolution ist der Versuch gemeint, die rasant wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, ohne den Planeten zu zerstören. Jedenfalls nicht so konsequent wie bisher. Die industrielle Fleischproduktion, die Massentierhaltung sowie die Überfischung der Weltmeere – all das hat einen grossen Anteil an dieser Zerstörung. Gleichzeitig ist der Appetit der Menschen auf tierisches Eiweiss unbegrenzt. Die Lösung liegt aus Sicht der Blauen Revolutionsbewegung in der Aquakultur.

Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stammt heute fast die Hälfte der 157 Millionen Tonnen Fisch, die weltweit jedes Jahr verspeist werden, aus Zuchtanlagen. Und Marine Harvest bezeichnet sich als treibende Kraft dieser Entwicklung. Die Norweger sind Weltmarktführer auf dem Gebiet der Lachsproduktion.

Wie so viele andere Revolutionen mag auch diese gut gemeint sein und hat bei genauerer Betrachtung viele Fehler. Für diese Erkenntnis mussten nicht erst 690'000 Lachse durch Südchile irren. «Wir engagieren uns mit unseren Key-Stakeholdern kontinuierlich dafür, eine Verbesserung der Regularien sowie der ökologischen und sozialen Verantwortungspraktiken zu garantieren», sagt Fernando Villarroel, Management-Direktor von Marine Harvest Chile, und dann sagt er noch einen verständlichen Satz: «Dieser Vorfall erinnert uns daran, dass wir noch mehr tun müssen.»

Der Aktivist Francisco Vera hat sich Lachs auf dem Markt gekauft, nicht, um ihn zu essen, sondern als Beweismaterial. Foto: Boris Herrmann

Villarroel durfte erst nach Absprache mit der Konzernzentrale in Oslo zu diesem Treffen einwilligen. Am Vorabend bittet sein Pressesprecher um die Zusendung aller Fragen, die schriftlichen Antworten liegen am nächsten Morgen ausgedruckt auf dem Bürotisch. Villarroel redet dann eine Stunde lang offen und frei über den aussergewöhnlich starken Ostwind, über wankende Zuchtfarmstrukturen, kollabierte Käfige, entflohene Fische und die Versuche, sie mit Echoloten und Überwachungsflugzeugen wieder zu finden. Zitiert werden darf aber nur aus dem Papier. Für Marine Harvest ist das nicht nur ein wirtschaftliches Unglück, rund 25 Millionen Franken sind da angeblich entwischt. Die Sache ist auch für die Aussendarstellung nicht ganz ideal.

Jetzt werden natürlich all die Geschichten neu erzählt, die das Image der Lachsindustrie ruiniert haben und die Marine Harvest mit viel PR, Werbung und Kundenbindungs-Events gerade ein wenig aus den Nachrichten verdrängt hatte. Da ist etwa die Bakterienkrankheit SRS, die vor allem im Südpazifik umgeht. Oder die ansteckende Lachsanämie ISA, die 2009 Millionen chilenische Zuchtfische dahinraffte.

Dann die Probleme mit Parasiten wie der Lachslaus Caligus, die sich besonders freut, wenn viele Wirtstiere in engen Käfigen stecken. Oder die Algenplage Marea Roja, die das Meer blutrot färbt. All das lässt sich nur mit Unmengen von Antibiotika oder Pestiziden bekämpfen. Chile kämpft an dieser Front besonders entschlossen. Laut Greenpeace bekommen Lachse in chilenischen Aquakulturen siebenhundert Mal so viel Antibiotika wie in Norwegen.

Geläster über Greenpeace

Wenige Tage nach der Massenflucht aus Punta Redonda teilte die chilenische Fischereibehörde Sernapesca mit: Diese Fische seien «nicht geeignet für den menschlichen Konsum». Laut der Behörde befanden sie sich gerade «mitten in einer Behandlung mit Florfenicol», einem Antibiotikum, das ganz besonders «Schwangere und Kinder unter einem Jahr» meiden sollten. Vertrieb der Fische strengstens untersagt.

Auch Marine Harvest warnte vor einem Verkauf auf «informellen Kanälen», legte in seinem Statement aber Wert auf den Hinweis, dass einer von zehn Käfigen ihrer Zuchtanlage «überhaupt nicht mit Antibiotika» behandelt worden sei. Ausserdem habe Florfenicol nur ein «geringes Risikopotenzial» für menschliche Resistenzen.

 Zuchtlachse werden nicht gefischt, sondern geerntet. Dafür gibt es eine Art Riesenstaubsauger, der sie in Frachtschiffe spült.

Von den 940'000 Lachsen, die sich zum Zeitpunkt des Unwetters in der inzwischen stillgelegten Zuchtstation Punta Redonda befanden, wurden laut Manager Villarroel 250'000 «unmittelbar gerettet». In diesem Fall heisst das: vor der Freiheit bewahrt. Die Firma hat sie in einer ihrer anderen 25 Aquakulturen der Region untergebracht. Dort warten die Geretteten jetzt auf die «Ernte». Zuchtlachse werden nicht gefischt, sondern geerntet. Dafür gibt es eine Art Riesenstaubsauger, der die Lachse samt Wasser in den Bauch von Frachtschiffen spült. Diese liefern die Ware in den Filetierfabriken entlang der Küste ab.

Die Angestellten der Zuchtanlage Huelmo sitzen gerade in der Kantine beim Mittagessen, es gibt Rindfleisch mit Reis. Danach wird in der Raucherecke noch ein bisschen über Greenpeace gelästert, und dann bringt ein Motorboot die Belegschaft wieder raus auf den Ozean zur Nachmittagsschicht. Die Wintersonne schimmert auf das klare Wasser. Am Horizont ist der schneebedeckte Vulkan Osorno zu sehen. Auf den Bojen neben der Zuchtstation liegt eine Seelöwenfamilie und wartet offenbar auf das nächste Leck. Knapp eine Million Lachse sind hier auf zehn Netzkäfige verteilt, je 40 mal 40 Meter breit, 15 Meter tief. Bei der Fütterung pusten vollautomatische Drehrohre braune Kügelchen in die Becken.

Unterwasserkameras zeigen, wie diese sogenannten Pellets langsam absinken. Die Kunst der Zuchtlachsspeisung besteht darin, genügend Pellets einzustreuen, damit sich die Fische nicht um das Futter streiten müssen. Sie sollen ihre Energie nicht verbrauchen, um sich zu bewegen, sondern um zu wachsen. Marine Harvest ist stolz auf seinen Effizienzrekord von 1,1 Kilo Pellets für ein Kilo Gewichtszulage. Um Hühner zu mästen, braucht man mindestens die doppelte Menge, bei Schweinen und Rindern ein Vielfaches. Fast alles, was der Lachs frisst, setzt er als Filet an. Auch das gehört zu der Erzählung von der Blauen Revolution.

Der Fisch soll Vegetarier werden

Nicht so gerne wird in der Branche darüber gesprochen, woraus diese Pellets hergestellt werden. Noch vor einigen Jahren bestanden sie fast ausschliesslich aus Fischmehl und Fischöl. Dafür wurden vor der südamerikanischen Pazifikküste fast die kompletten Sardinenbestände aus dem Meer gezogen. Nicht nur Jorge Bustos, der Präsident des Verbandes der Traditionellen Fischer in Puerto Montt, findet das irre: «Wir killen unseren wichtigsten Fisch, um ihn in Fischfutter zu verwandeln.»

Laut Marine Harvest ist der Anteil des Fischmehls inzwischen deutlich reduziert worden, die Details sind Betriebsgeheimnis. Es gibt Versuche, den Zuchtlachs zum Vegetarier umzuerziehen. Mit Soja vor allem. Aber dafür wird in Brasilien der Regenwald abgeholzt. Verbessert man so die Welt? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2018, 08:48 Uhr

Artikel zum Thema

Lachs aus den Alpen

Wie am Fusse des San Bernardino eine der nachhaltigsten Lachsfarmen der Welt entstand. Mehr...

Die 10 besten Fischgerichte

Sweet Home Würzige Eglifilets oder Lachs mit Mango: feine Fischrezepte für den kommenden Karfreitag. Zum Blog

3900 Junglachse beim Rhein eingesetzt

Lachse in der Schweiz – das gibts. Heute sind Hunderte der Wanderfische in einem Aargauer Nebenfluss des Rheins freigesetzt worden. Ziel ist, dass sie künftig zurückkommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Frauenfürze riechen stärker als Männerfürze

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Das erste Weisshandgibbon Baby des Skopje Zoos steht in seinem Gehäge neben seiner Mutter. (20. Mai 2019)
(Bild: Robert Atanasovski) Mehr...