Abwarten oder einleiten?

Experten sind uneins, wann Babys nach dem errechneten Termin auf die Welt geholfen werden sollte. Sechs Todesfälle in Schweden geben der Diskussion zusätzliche Brisanz.

Nicht immer richtet es die Natur: Lässt ein Baby zu lange auf sich warten, kann die Medizin helfen. Foto: Getty Images

Nicht immer richtet es die Natur: Lässt ein Baby zu lange auf sich warten, kann die Medizin helfen. Foto: Getty Images

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Kinder sind unberechenbar – und das von Anfang an. Warum einige den schützenden Mutterleib schon nach 28 Schwangerschaftswochen verlassen wollen, während andere nach 40 Wochen noch keine Anstalten machen, das Licht der Welt erstmals anzublinzeln, vermag niemand genau zu sagen. Ob ein Baby «über Termin» sich Zeit lassen kann oder die Geburt eingeleitet werden sollte, ist in der Fachwelt ebenfalls umstritten.

Eine umfangreiche Studie, mit deren Hilfe diese Frage geklärt werden sollte, ist in Schweden vorzeitig abgebrochen worden. Sechs Babys starben, nachdem die Schwangerschaft bis zum Ende der 42. Woche fortgesetzt worden war. Eigentlich sollten 10 000 gesunde Schwangere an der gross angelegten Untersuchung teilnehmen. Eine Hälfte würde nach 41 Schwangerschaftswochen entbunden werden, die andere nach Beendigung der 42. Woche, so der ursprüngliche Plan.

Eigentlich eine gute Idee. «Das ist ein kritisches Thema in der Geburtshilfe, das viel hinterfragt wird», sagt Maria Delius, Leiterin der Geburtshilfe im Perinatalzentrum an der Uni-Frauenklinik Innenstadt in München. «Die Leit­linien ändern sich ständig.» Auch international besteht unter Frauenärzten keine Einigkeit, wann der beste Zeitpunkt ist, eine Geburt ­einzuleiten. «Derzeit gibt es die Empfehlung, es Frauen sieben Tage nach Termin anzubieten und nicht mehr als 14 Tage zuzulassen», sagt ­Delius. «Älteren Schwangeren sollte man es aber früher anbieten.»

Vier von zehn Kindern kommen nach dem ­errechneten Termin

Gerade in der Geburtshilfe kommt es auf individuelle Risiken an. Die Gefahr für einen intrauterinen Fruchttod, wie Ärzte den Tod des Babys im Mutterleib nennen, ist zum Beispiel bei fettleibigen Müttern während der gesamten Schwangerschaft um 60 Prozent erhöht. Bei Frauen zwischen 35 und 39 Jahren steigt das Risiko um 50 Prozent, bei über 40-Jährigen ist es gar mehr als doppelt so hoch. Die Gefahr, dass dem Baby etwas zustösst, ist auch für Raucherinnen und Erstgebärende grösser.

Gerechnet vom ersten Tag der letzten Regelblutung dauert eine normale Schwangerschaft im Schnitt 280 Tage – üblicherweise beschrieben als 40 Schwangerschaftswochen. In den ersten zwei Wochen danach sprechen Ärzte von «Terminüberschreitung», nach 14 Tagen, also nach der Woche 42, von «Übertragung».

Mehr als 40 Prozent aller Kinder kommen nach dem ­errechneten Termin zur Welt. Für die werdende Mutter wie für Hebammen und Geburtshelfer stellt sich die Frage nach der richtigen Entscheidung: Abwarten bei regelmässiger Kontrolle oder hormonelle Einleitung der Geburt? «Viele Menschen denken, das wird bestimmt von allein gut gehen, die Natur wird es schon richten», sagt Frauenärztin Delius. «Manchmal ist die Natur aber grausam und es ist ein Segen, wenn die Medizin helfend eingreifen kann.»

Da es zwar etliche Hinweise, aber keine stichhaltigen Belege dafür gibt, dass die Risiken für Mutter wie Kind steigen, je länger sich die Geburt zwischen der 40. und 42. Woche hinauszögert, wollten die schwedischen Ärzte bei gesunden Schwangeren den optimalen Zeitpunkt für eine Einleitung ermitteln. Denn es könnte öfter ein Kaiserschnitt erforderlich sein oder das Kind eher an Komplikationen leiden, wenn die Geburt in dieser Phase zu lange auf sich warten lässt.

Stärkere Überwachung kann die Risiken minimieren

An der Fragestellung der Studie kam denn auch keine Kritik auf – wohl aber am Umgang damit nach dem vorzeitigen Ende. Das Aus für die Untersuchung kam nämlich schon im Oktober 2018, als erst ein Viertel der Teilnehmerinnen rekrutiert worden war. Im Sommer 2019 berichtete das schwedische Fernsehen von den sechs Todesfällen, zu denen es im Verlauf der Studie gekommen war. Trotzdem hielten sich die Verantwortlichen der Uni-Frauenklinik Göteborg mit öffentlichen Äusserungen zurück. Sie wollten erst die Analyse in einer Fachzeitschrift abwarten.

Inzwischen hat eine beteiligte Forscherin Details aus der Studie in ihrer Doktorarbeit publik gemacht. Womöglich sei es nötig, die Empfehlungen zu ändern und «die Geburt spätestens nach der Schwangerschaftswoche 41 einzuleiten», lautet ihre Schlussfolgerung. Unter dem öffentlichen Druck erklärte der Chef der Geburtshilfe an der Uniklinik Göteborg dem «Guardian» zufolge, dass man zwar ursprünglich die wissenschaftliche Auswertung abwarten wollte, jetzt aber plane, «baldmöglichst allen Frauen über Termin die Einleitung in der 41. Woche anzubieten».

Schwangere erst mit einem Jahr Verspätung zu warnen, stösst zwar auf Kritik. Ob die frühere Intervention auf andere Länder übertragen werden sollte, ist dennoch fraglich. «Man kann auch Risiken minimieren, indem man genauer hinschaut», sagt Delius. «In Deutschland werden Schwangere nach Termin häufiger kontrolliert als in Schweden. Insofern könnte die engmaschige Überwachung schon etwas bringen.»

Die Einleitung der Geburt ist übrigens ohne grössere Risiken. «Es ist halt ein Eingriff, aber es sind Hormone, die von der Schwangeren sowieso beizeiten ausgeschüttet werden», sagt Delius. «Und gerade an dieser Entscheidung lässt sich trefflich diskutieren, ob wir Ärzte als die Bösen oder die Retter wahrgenommen werden.»

Als Beispiel für einen Fehlanreiz aus ökonomischen Gründen, wie sonst oft in der Medizin zu beobachten, taugt die Geburtseinleitung jedenfalls nicht. Nachdem die Hormone als Tabletten oder vaginal gegeben worden sind, dauert es zwei, drei Tage unter klinischer Überwachung, bis das Kind zur Welt kommt. Bei den gegenwärtig übervollen Kreisssälen lohnt sich diese Eile für Ärzte oder Kliniken also nicht. In der Diskussion geht es allein um die Gesundheit von Mutter und Kind.



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Erstellt: 02.11.2019, 19:04 Uhr

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