Plötzlich brach der Zeuge in Tränen aus

Der Mord an einer Journalistin wühlt Malta immer stärker auf. Nach der zufälligen Festnahme eines Mittelmannes wankt nun die ganze Regierung.

Tausende demonstrierten gegen Korruption mit Bildern von Daphne Caruana Galizia – und von Premier Joseph Muscat. Foto: Rene Rossignaud (AP)

Tausende demonstrierten gegen Korruption mit Bildern von Daphne Caruana Galizia – und von Premier Joseph Muscat. Foto: Rene Rossignaud (AP)

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Es sind Blumen gewachsen über den Fleck, auf dem Daphne Caruana Galizia verbrannte. Drumherum ist der Acker an der Landstrasse nach Bidnija längst wieder umgegraben. Nur an dieser Stelle stehen immer noch Kerzen, laminierte Trauerbotschaften, Pflanzentöpfe und ein Banner mit der Aufschrift «Justice» – Gerechtigkeit. Daneben haben Trauernde ein Transparent auf ein Metallgestell gespannt. Es zeigt ein Porträt von Daphne Caruana Galizia, mehrere Quadratmeter gross, leicht schräg gekippt in Richtung der Strasse. Wer durch die Kurve fährt, in der am 16. Oktober 2017 eine Bombe unter dem Autositz der Journalistin explodierte, muss ihr direkt ins Gesicht schauen.

Wenige Hundert Meter Luftlinie entfernt steht das Haus, in dem Daphne – in Malta nennen sie alle bei ihrem Vornamen – lebte. An diesem Samstagnachmittag warten dort ihr Witwer Peter und ihre Söhne Andrew, Paul und Matthew auf einen Gerichtstermin, der ein erster Schritt in Richtung Gerechtigkeit für ihre Mutter und Frau sein könnte. Gegen Yorgen Fenech, Geschäftsmann und einer der reichsten Männer Maltas, soll am Abend Anklage erhoben werden. Es wird der Auftakt sein zu 24 Stunden, in denen die juristische Aufbereitung des Mordanschlags auf die Journalistin entscheidend vorankommen wird. 24 Stunden, an deren Ende der Premierminister trotzig seinen baldigen Rückzug verkünden wird.

Die mutmasslichen Dratzieher warten seit zwei Jahren auf den Prozess

Dass es so weit kommen konnte, ist wohl auch Spaniel Peter zu verdanken. Der Spürhund des maltesischen Zolls hatte am 13. November 2019 bei Kontrollen am Flughafen auf einen Passagier reagiert, der in ein Flugzeug nach Istanbul steigen wollte. Als die Beamten sein Gepäck durchsuchten, fanden sie 210'000 Euro in bar. Der Mann, ein Taxifahrer namens Melvin Theuma, kam in Gewahrsam, die Einheit für Wirtschaftsverbrechen übernahm, eigentlich ein Routinevorgang. Als die Beamten mit der Befragung beginnen wollten, brach Theuma in Tränen aus, verlangte nach dem Chefermittler im Mordfall Daphne Caruana Galizia. Dem Zoll war durch Zufall eine Schlüssel­figur für die Aufklärung des Attentats in die Arme gelaufen.

Theuma erzählte den Ermittlern, dass er der Mittelsmann zwischen den mutmasslichen Drahtziehern und den drei Auftragsmördern gewesen sei. Die sitzen bereits seit Dezember 2017 in Haft und warten auf den Beginn ihres Prozesses. Die maltesische Polizei hatte sie anhand ihrer Mobilfunkdaten überführt.

Hotels, Casinos, ein Gaskraftwerk

Als Theuma in den Verhören Yorgen Fenech als Verantwortlichen hinter dem Mordkomplott belastete, rückte der Fall immer näher an die Regierung von Joseph Muscat heran. Denn Yorgen Fenech ist nicht nur der Erbe eines Familienimperiums, zu dem Hotels und Casinos gehören. Seine Unternehmensgruppe ist auch an einem Gaskraftwerk beteiligt, das die Insel mit Strom versorgt. Das Kraftwerk war ein Prestigeprojekt der Labour-Partei nach deren Wahlsieg 2013. Es sollte die Strompreise für alle Malteser erschwinglicher und dreckige Ölkraftwerke überflüssig machen. Die Regierung gewann internationale Grosskonzerne und lokale Investoren dafür, die Anlage zu betreiben. Einer davon war, etwas überraschend, Yorgen Fenech.

Es hätte eine Erfolgsgeschichte werden können, ein Beweis für die Fähigkeit der Labour-Regierung, das kleine Land nach 15 Jahren christdemokratischer Regierung zu modernisieren. Wäre da nicht Daphne Caruana Galizia gewesen. Im Februar 2016 deckte sie auf, dass die beiden engsten Vertrauten von Premierminister Muscat, sein langjähriger Stabschef Keith Schembri und der frühere Energieminister Konrad Mizzi, Briefkastenfirmen in Panama besassen. Aus den Panama Papers ging später hervor, dass diese Firmen Millionensummen aus Dubai erhalten sollten, von einer dubiosen Firma. Eigentümer unbekannt. Der Verdacht lag nahe, dass die beiden Männer Schmiergelder über ihre Briefkastenfirmen erhalten sollten. Der Skandal beschäftigte Malta über Monate. Joseph Muscat sah sich 2017 sogar gezwungen, Neuwahlen abzuhalten. Alles wegen Daphne Caruana Galizia.

Zu den Besonderheiten der maltesischen Politik gehört die Gleichgültigkeit im Umgang mit den Enthüllungen.

Aber die Malteser wählten ihn und seine Partei wieder, mit komfortablem Vorsprung. Viele der etwa 475'000 Einwohner hatten von der guten wirtschaftlichen Entwicklung der Muscat-Jahre profitiert. Das zählte für sie, Skandale hin oder her. Dann starb Daphne Caruana Galizia.

Der brutale Mord spornte eine ganze Riege internationaler Journalistinnen und Journalisten an. Sie schlossen sich im «Daphne-Projekt» zusammen, um die Recherchen der getöteten Kollegin fortzuführen. So gelang es vor etwas mehr als einem Jahr herauszufinden, wer hinter der Firma in Dubai steckte, die Millionen an Muscats Vertraute zahlen sollte: Yorgen Fenech.

Zu den Besonderheiten der maltesischen Politik gehört die Gleichgültigkeit im Umgang mit den Enthüllungen. Muscats Vertraute traten nicht zurück, nur Energieminister Mizzi bekam nach den Neuwahlen das Tourismusministerium zugeteilt. Lieber stritt man sich vor Gericht, strengte Verleumdungsklagen an. Gegen Oppositionspolitiker der konservativen Partei oder gegen Journalistinnen wie Daphne Caruana Galizia. Als sie starb, liefen 47 Verfahren gegen sie.

Politiker fallen wie Dominosteine

Die Strategie des Aussitzens und Weglächelns scheitert erst, als der Taxifahrer Melvin Theuma auspackt und Yorgen Fenech verdächtigt. Fenech versucht noch im Morgengrauen, mit einer seiner Luxusjachten zu fliehen. Sicherheitskräfte stoppen ihn, er wird festgenommen und tagelang verhört. Am Dienstag dann fallen die Politiker wie Dominosteine. Stabschef Keith Schembri tritt zurück und wird festgenommen. Fenech hatte ihn belastet. Kurz darauf tritt auch Tourismusminister Mizzi zurück, Wirtschaftsminister Christian Cardona lässt sein Amt vorübergehend ruhen. Auf den Strassen der Hauptstadt Valletta demonstrieren schockierte Bürger.

Keith Schembri wird am Donnerstag wieder freigelassen, die Polizei sieht keine Veranlassung, ihn weiter festzuhalten. Aber es liegt ein Schatten auf der Regentschaft seines Freundes Joseph Muscat. Von den Ermittlungen dringt wenig nach aussen, aber zumindest für die Verwicklung Fenechs in den Mord scheint die Polizei genügend Beweise zu haben. So fährt letzten Samstagabend ein grauer Polizeitransporter durch die engen Gassen Vallettas zum Gerichtsgebäude, auf der Rückbank sitzt Yorgen Fenech. Im Gerichtssaal wartet bereits Daphne Caruana Galizias Familie.

Bevor Fenech den Gerichtssaal betritt, werden ihm die Handschellen abgenommen, es gilt die Unschuldsvermutung. Als Beklagter ist sein Platz direkt vor der ersten Reihe, in der die Familie sitzt, weniger als einen Meter von ihnen entfernt. Fenech, in dunkelgrauem Anzug, mit glatt rasiertem Kopf, schaut auf den Boden, während der Chefermittler vorliest, was ihm zur Last gelegt wird: Mittäterschaft in einem Mord, die Verschwörung mit anderen in Absicht einer Straftat, die Förderung und Finanzierung einer kriminellen Organisation.

Nach einer knappen Viertelstunde ist die Verhandlung vorbei. Zwei Jahre nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia ist es der bisher grösste Schritt hin zu einer Verurteilung eines der mutmasslichen Drahtzieher. Daphne Caruana Galizias Schwester Corinne Vella sitzt später auf einer Holzbank und atmet tief durch. Eine surreale Erfahrung sei das Aufeinandertreffen mit Yorgen Fenech gewesen. Aber Erfahrungen wie diese reihen sich für die Familie seit zwei Jahren aneinander. «Daphne wurde am 16. Oktober 2017 ermordet, und seither war es wie ein einziger langer Tag.»

Eine Chance auf Veränderung

Es gibt keine Pause für eine Familie, um zu trauern, wenn sie mitten im Zentrum einer nationalen Krise steht. «Wir sitzen hier neben dem Protestmahnmal, das jede Nacht zerstört wird», sagt Corinne Vella. Das Mahnmal gegenüber dem Gericht erinnert eigentlich an die Gefallenen zur Zeit der Belagerung Maltas durch die Osmanen im 16. Jahrhundert. Doch in den vergangenen zwei Jahren ist es zu einem symbolischen Ort für die Auseinandersetzung zwischen Daphne Caruana Galizias Anhängern und der Regierung geworden.

Die Aktivisten und ihre Freunde erklärten es nach ihrem Tod zu einem Denkmal für die Journalistin. Seitdem lässt die Regierung jede Nacht Bilder, Botschaften, Blumen abräumen. «Und jeden Morgen kommen Menschen und schmücken es wieder. Das ist sehr ermutigend für uns», sagt die Schwester. Corinne Vella hofft, dass aus etwas Schrecklichem etwas Positives erwachsen kann. «Wenn die Ermordung einer Journalistin ein Land nicht zusammenbringt, dann gibt es nichts, was es zusammenbringen könnte», sagt sie. Es gebe nun kurz die Chance auf Veränderung. Wenn das Land diese Gelegenheit verstreichen lasse, sei eine zweite Chance innerhalb einer Generation nicht zu erwarten.

Am Abend strahlt der einzige maltesische Fernsehsender eine Ansprache von Joseph Muscat aus. Seit Yorgen Fenechs Anklage sind genau 24 Stunden vergangen. Muscat kündigt an, im Januar zurückzutreten. Er bereue zutiefst, dass Daphne Caruana Galizia auf so brutale Weise getötet wurde. Habe sie doch «mit all ihren positiven und negativen Qualitäten» einen Beitrag zur Demokratie geleistet. Diesen Seitenhieb kann er sich nicht verkneifen.

Erstellt: 03.12.2019, 19:39 Uhr

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