Er spielt am liebsten auf den schlechten Plätzen

Ousmane Doumbia ist der kleine Bruder von Sion-Stürmer Seydou und beim FC Winterthur. Bei schlechten Platzverhältnissen fühlt er sich wohl.

Das Handy für einmal in der Tasche: Ousmane Doumbia auf der Tribüne der Schützenwiese. (Bild: Andrea Zahler)

Das Handy für einmal in der Tasche: Ousmane Doumbia auf der Tribüne der Schützenwiese. (Bild: Andrea Zahler)

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Er sieht den Rasen der Schützenwiese, der eigentlich kein Rasen mehr ist. Und er fühlt sich an daheim erinnert, an die Sandplätze von Adjamé, wo er einst das Kicken lernte. «So ist es bei uns, wenn es regnet», sagt Ousmane Doumbia und zeigt auf seinem Handy ein Foto von einem Fussballspiel im tiefen Schlamm.

Die Schützenwiese ist ein Acker an diesem Mittwoch vergangener Woche, als der FC Winterthur im Cup auf den FC Thun trifft. Der Dauerregen hat einem Terrain zugesetzt, das verbraucht ist und im nächsten Sommer ersetzt wird. «Ich mag das sehr», sagt Doumbia und strahlt. Wenn der Ball so verspringt, dass er ans Schienbein prallt und zwei Meter wegfliegt. Wenn ein Spieler nachsetzen muss, um ihn wieder unter Kontrolle zu bringen. «Du wirst sehen», sagt Doumbia darum vor dem Match gegen Thun zu Davide Callà, seinem Captain, «das wird mein Spiel.»

Seydou Doumbia sagt Ousmane: «Wenn du die Qualität nicht hast, hilft dir keiner.»

Und es wird sein Spiel. Wie er die Bälle jagt, wie er sie erobert, wie er sie über den Sumpf treibt, als würde er nie müde, hebt ihn von allen anderen ab, auch von Callà, dem Schützen des Siegtores, und erst recht von jedem Thuner.

«Ich bin nicht schlecht gewesen», sagt Doumbia eine Woche später, frei von jeder Übertreibung. Er ist beim FCW schon oft nicht schlecht gewesen, um in seinem Bild zu bleiben. Das Verblüffende ist weniger seine Konstanz, das Verblüffende ist, dass er trotzdem noch immer in der Challenge League feststeckt.

Einer wie Millionen

Doumbia, 27, hat einen Bruder. Gut, er hat vier Brüder, der älteste 50, und auch vier Schwestern, aber er hat einen berühmten Bruder: Seydou, Nationalspieler der Elfenbeinküste. Das ist der Stürmer, der 2008 wie eine Urgewalt über den Schweizer Fussball hereinbrach, in zwei Saisons 63 Tore für die Young Boys erzielte und dann für 13 Millionen Franken zu ZSKA Moskau weiterzog. Inzwischen – nach einer Odyssee, zu der auch eine Saison, ein Double und 21 Tore in Basel gehören – ist er bei Sion gelandet.

Täglich reden die beiden Brüder miteinander. «Hast du mein Tor gesehen?», fragt Seydou dann immer, und der kleine Bruder, der nicht so viele Tore schiesst, muss kontern: «Ich habe auch gesehen, dass du einen Ball verloren hast.» Er erzählt es mit einem Schmunzeln.

Ousmane sitzt in der Libero-Bar der Schützenwiese. Die Kapuze der weissen Trainerjacke hat er über den Kopf gezogen, es ist auch kühl geworden in der Schweiz. Auf seinem Weg von der Elfenbeinküste hierher hat er viel Hilfe von Seydou erhalten. Seydou lud ihn regelmässig nach Moskau ein, um ihn auf das Leben in Europa vorzubereiten. Er kennt die Fremde, seit er mit 18 nach Japan zog und da unglücklich wurde, weil er allein war. Darum hat er seinem kleineren Bruder gesagt: «Du wirst allein sein. Nur die Qualität zählt. Wenn du die nicht hast, hilft dir keiner. Also: Arbeite!»

Beim Fussball findet der kleine Ousmane das Vergnügen wie Millionen afrikanische Kinder. Da vergisst er alles um sich herum. Im Fernsehen sieht er die grossen Spiele aus Frankreich und England. Athletic Adjamé heisst sein erster Verein, Adjamé ist eine Gemeinde von Abidjan. Ousmane verliert früh die Mutter, er erlebt den Bürgerkrieg, der das Land während Jahren im Griff hat. Er lebt in Angst, auch wenn der Vater und die älteren Geschwister ihm zeigen wollen, dass er die nicht zu haben braucht. Er hört von den Toten. Und er hört am Fernsehen Didier Drogba, den grossen Star, wie er die Kriegsparteien auffordert, die Waffen niederzulegen. 2007 ist der Krieg zu Ende.

Didier Drogba wendet sich an die Bevölkerung der Elfenbeinküste.

Ein Jahr darauf reist Ousmane Doumbia mit der ivorischen U-15 an ein Turnier in Frankreich. Er hat das erste Mal das Gefühl, dass aus ihm ein Profifussballer werden kann. Den Schritt nach Europa kann er im Sommer 2013 machen, er ist 21 und kommt bei Servette unter, damals in die Challenge League abgestiegen. Eine Woche ist er in Genf, als sein Vater stirbt.

Sein erstes Testspiel bestreitet er gegen Etoile Carouge. Nach 40 Minuten wird er ausgewechselt. Er ist überfordert vom Tempo, «der Boden war zu gut für mich», sagt er. Aber er weiss auch: «Fussball bedeutet Angewöhnung.» Und er gewöhnt sich so schnell ein, dass er bei Servette bald Stammspieler ist. Nur ans Leben muss er sich länger anpassen, er vermisst die Familie und die Freunde, die Betriebsamkeit von Abidjan. Immerhin beginnt er Genf zu entdecken, die Stadt, den See, die Menschen sprechen die gleiche Sprache. Er weiss: «Hier ist das Paradies.»

Nach zwei Jahren erhält er eine Anfrage von Sion. Servette lässt ihn trotz der Zwangsrelegation in die Promotion League nicht gehen. Er wird erstmals an der Hüfte operiert, zwei Jahre später nochmals. Der FC Winterthur ist da schon auf ihn aufmerksam geworden, aber er zögert mit der Verpflichtung, weil er nicht weiss, wie sich Doumbia von der zweiten Operation erholt. Doumbia geht zu Yverdon, spielt sechs Spiele und zeigt, dass er wieder fit ist. Der FCW bekommt auf das Frühjahr 2018 seinen Mann fürs defensive Mittelfeld.

Er möchte sein wie Weltmeister N’Golo Kanté: «Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuschauen.»

In Winterthur bezieht Doumbia eine Einzimmerwohnung in Töss, er fährt ins Training und nach dem Training wieder heim, «ich mache die Tür zu», sagt er, «und fini». Er geniesst die Ruhe dieser Stadt, das Vertrauen des Vereins und den Segen der Technik. Wenn er einmal aus dem Haus geht und das Portemonnaie vergisst, ist das nicht weiter schlimm. Aber wenn es das Handy sein sollte, kommt das einer mittleren Katastrophe gleich. Wobei ihm das kaum passieren kann, es scheint an seiner Hand festgewachsen, wenn er nicht gerade Fussball spielt oder von daheim erzählt. Das Handy ist dank Whatsapp oder Facebook seine günstige Verbindung mit der Heimat.

Seine Verhältnisse

Doumbia hat als Knirps nie ein Vorbild gehabt, heute aber möchte er sein wie N’Golo Kanté, Weltmeister mit Frankreich, Meister mit Leicester und Chelsea. Kanté ist ein zäher Kämpfer, enorm laufstark, überragend in der Balleroberung. «Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuschauen», sagt Doumbia. Mit 1,75 m ist er nur 7 Zentimeter grösser als Kanté.

Doumbias Vorbild: N'Golo Kanté von Chelsea. (Bild: Matt Dunham/Keystone)

Sein Vertrag beim FCW läuft bis 2021. Sportchef Oliver Kaiser schätzt sich glücklich darüber und stellt doch verwundert fest, dass ein Spieler wie Doumbia bei anderen Clubs «nicht mehr zum Thema wird». Er macht sich darum Gedanken darüber, ob die Challenge League verkannt wird, ob die Clubs nur aufs Alter eines Spielers schauen und auf die Möglichkeit, ihn mit Gewinn weiterverkaufen zu können. Mit seinem Alter entspricht Doumbia nicht mehr dem Begriff des Talents, dabei müsste er mit seinen Qualitäten eigentlich in der Super League daheim sein.

«Was mein Ziel ist?», fragt er zurück. «Das Wichtigste ist, nicht verletzt zu sein. Sonst nehme ich Match für Match.» Er redet wie ein alter Profi.

Heute spielt der FCW gegen GC (live ab 20 Uhr im Abo+-Ticker). 8000 Zuschauer werden auf der Schützenwiese erwartet. Der Rasen ist tief und sandig. Es sind Doumbia-Verhältnisse.

Erstellt: 08.11.2019, 16:53 Uhr

Kein Champagner

Wenn Uli Forte vom Spiel heute in Winterthur spricht, tönt das so: «Das wird ein Kampf», «das wird ein Kampfspiel», «da ist kein Champagner-Fussball zu erwarten». Der Trainer der Grasshoppers hat grossen Respekt vor den Bedingungen und dem Gegner. Der FCW hat von seinen letzten neun Spielen sechs gewonnen und nur eines verloren. Das weiss Forte, und er weiss auch, wie zäh es in der Challenge League ist, und verweist darum auf das 3:2 des abgeschlagenen Tabellenletzten Chiasso zuletzt gegen Leader Lausanne. Er kann auch die Spiele seiner Mannschaft nehmen, die abgesehen vom 3:0 gegen Wil nie leichtfüssig zu ihren Punkten gekommen ist. «Wir haben im Sommer bei null angefangen», sagt er, «unser Konstrukt ist darum noch nicht so stabil.» Trotzdem betont er: «Charakter und Mentalität der Spieler stimmen.» (ths.)

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