Alter schützt vor Allergien nicht

Die Entwicklung von Allergien ist in jedem Alter möglich – auch jenseits der 70. Das kann zu Komplikationen führen, wenn bereits andere Krankheiten vorliegen.

Heute sind zunehmend auch ältere Menschen von Allergien betroffen. Foto: Getty Images

Heute sind zunehmend auch ältere Menschen von Allergien betroffen. Foto: Getty Images

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Hanna Müller* ist 75 Jahre alt, gesund und fährt täglich mit dem Velo einkaufen. Irgendwann diesen Frühling bemerkt sie, dass ihre Augen bei diesen Fahrten immer tränen und sie stets niesen muss. Als sie auch keine Äpfel mehr essen kann, weil ihr Mund dabei brennt und kribbelt, geht sie zum Arzt. Nach einem Allergietest steht fest: Sie hat eine Birkenpollenallergie entwickelt und reagiert auch auf Kernobst überempfindlich.

«Während man Allergien noch vor 30 Jahren als Krankheiten von Kindern und Jugendlichen einordnete und allergische Erkrankungen bei Menschen über 50 seltener beobachtete, sind heute zunehmend auch ältere Patienten jenseits des 70. Lebensjahres von klassischen allergischen Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Neurodermitis betroffen», sagt Ludger Klimek, Leiter des Zentrums für Rhinologie und Allergologie in Wiesbaden in der «Pharmazeutischen Zeitung».

Häufigkeit stagniert

Klar ist: Allergien sind eine Volkskrankheit. Am häufigsten sind Allergiker von Heuschnupfen betroffen, gefolgt von Asthma, Neuroder­mitis und Kontaktallergien. Die Häufigkeit allergischer Erkrankungen hat seit den 1970er-Jahren in Ländern mit westlichem Lebensstil stark zugenommen, scheint sich nun aber allmählich auf einem hohen Niveau zu stabilisieren.

Laut dem Robert-Koch-Institut in Berlin wird bei jedem vierten Kind oder Erwachsenen mindestens einmal im Leben eine Allergie diagnostiziert. «Die Zahlen dürften für die Schweiz ähnlich sein», so Julia Katharina ­Genser, Oberärztin an der Allergiestation des Universitätsspitals Zürich. Grundsätzlich konzentriert sich die Allergieforschung auf Kinder und Jugendliche, sodass es nur wenige Daten zur Entwicklung von Allergien im Erwachsenen- oder gar Rentenalter gibt. Die Europäische Stiftung für Allergieforschung (Ecarf) schätzt jedoch, dass bei rund zehn Prozent der über 65-Jährigen allergische Beschwerden wie Heuschnupfen und Asthma jetzt im Rentenalter ­auftreten.

Eine Allergie ist eine Störung des Immunsystems. Normalerweise bekämpft die körpereigene Abwehr gefährliche ­Eindringlinge wie Bakterien oder Viren. «Das Immunsystem eines Allergikers täuscht sich und richtet sich versehentlich gegen harmlose ­Stoffe wie beispielsweise Pollen», erklärt Torsten Zuberbier vom Allergiezentrum Charité in Berlin und Leiter der Ecarf. Das Ergebnis sind vielfältige Krankheitsbilder wie Heuschnupfen, Asthma bis hin zum lebensbedrohlichen allergischen Schock.

Mangelt es an Dreck?

Warum Allergien in den vergangenen Jahrzehnten so stark zugenommen haben und warum offenbar ein Zusammenhang mit dem westlichen Lebensstil besteht, ist nach wie vor nicht vollständig geklärt. Die sogenannte Hygiene-Hypothese besagt, dass es Menschen in Industrieländern an Dreck, Fäkalien und Würmern in ihrer Umgebung mangelt. Dadurch fehlt der Kontakt zu Keimen, denen der Mensch jahrtausendelang ausgesetzt war. Da das Immunsystem unterfordert ist, reagiert es überempfindlich auf harmlose Stoffe, ­sogenannte Allergene. Dafür spricht die schon mehrfach durch Studien belegte Beobachtung, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, seltener an Allergien leiden als Stadtkinder.

«Hausärzte denken bei älteren
Menschen oft nicht an eine Allergie.»
Julia Katharina Genser,
Oberärztin Unispital Zürich

«Die Umweltbedingungen haben sich generell so verändert, dass heute Allergien – egal ob bei jungen oder älteren Menschen – leichter entstehen können», sagt der Wiesbadener Allergieexperte Klimek. Dazu gehört auch der Klimawandel. Wegen der steigenden Durchschnittstemperaturen blühen die Pflanzen früher und länger – und auch ursprünglich nicht in Europa heimische Gewächse fassen hierzulande Fuss. Etwa die aus Nordamerika eingeschleppte Beifuss-Ambrosia, die zu den stärksten Allergieauslösern der Pflanzenwelt gehört und die sich trotz Bekämpfungsmassnahmen weiter ausbreitet.

Auch die gestiegene Schadstoffbelastung der Luft scheint eine Rolle zu spielen. «Zwar wird oft diskutiert, dass Luftschadstoffe Asthma verursachen – stichhaltige wissenschaftliche Beweise dafür gibt es bislang aber nicht», schreibt der «Allergie-Informationsdienst» auf seiner Internetsite. Er räumt aber ein, dass es «Hinweise gibt, dass eine starke Belastung mit Luftschadstoffen, darunter etwa Ozon, Stickoxide oder Feinstaub wie Russpartikel aus Dieselauspuffgasen, das allergische Krankheitsgeschehen ebenfalls beeinflusst».Das geschieht, indem die Schleimhäute der Atemwege gereizt werden, sodass Allergene wie ­Pollen leichter in den Körper ­eindringen können. Ausserdem haben ­Pollen, die mit Schadstoffen belastet sind, offenbar ein höheres allergisches Potenzial.

Unterschätzte Gefahr

«Hausärzte denken bei älteren Menschen oft nicht an die Möglichkeit einer Allergie», sagt Genser, «vor allem allergisches Asthma wird häufig unterschätzt. Die Diagnose ist schwieriger, da ältere Menschen häufiger auch an Erkrankungen leiden, die ­ähnliche Symptome auslösen, etwa Bronchitis, die chronisch obstruktive Lungenkrankheit (COPD) oder Herzinsuffizienz.»

Auch die Betroffenen selber gehen manchmal zu leichtfertig um mit einer Allergie. «Viele haben ihre Beschwerden sechs bis acht Wochen im Jahr. Dann holen sie sich ihre Medikamente in der Apotheke. Ist die ­Pollensaison vorüber, haben sie die Beschwerden vergessen, bis es im ­nächsten Jahr wieder losgeht», so Klimek.

Dass eine Allergie eine chronisch entzündliche Erkrankung ist und das Risiko eines «Etagenwechsels» Richtung Bronchien existiert, wissen viele Betroffene nicht. «Bei 40 Prozent der Patienten schlägt ein unbehandelter Heuschnupfen aber in Asthma um», erklärt Zuberbier. «Ältere Menschen, die oft auch an Herz-Kreislauf-Krankheiten leiden, sind besonders gefährdet.»

Es gib aber auch eine gute Nachricht: Allergien sind heute – unabhängig vom Alter – gut be­handelbar. «Früher hat man gedacht, dass eine Hyposensibilisierung über 60 nicht mehr sinnvoll ist, weil das Immunsystem schwächer wird», sagt Genser. «Neue Studien aber zeigen, dass diese Annahme falsch war, und dass auch ältere Menschen gut auf diese Therapie ansprechen.»

* Name von der Redaktion geändert

Erstellt: 05.11.2019, 21:48 Uhr

Wie man das Allergierisiko senkt

Ob jemand im Laufe seines Lebens eine Allergie entwickelt, entscheidet sich oft schon in der Kindheit – oder sogar vor der Geburt. So lässt sich das ­Erkrankungsrisiko reduzieren:

Mütter sollen sich während Schwangerschaft und Stillzeit ausgewogen und vielfältig ­ernähren.

Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, haben offenbar ein erhöhtes Allergierisiko. Wenn ein Kaiserschnitt medizinisch nicht notwendig ist, sollten Eltern das bei der Wahl des Geburtsver­fahrens bedenken.

Ein Säugling sollte die ersten vier Lebensmonate voll gestillt werden. Ist Stillen nicht möglich, sollten Risikokinder, also Kinder, bei denen mindestens ein Elternteil oder Geschwister bereits an Heuschnupfen, Neurodermitis oder Asthma leidet, hydrolisierte Säuglingsnahrung bekommen.

Ab dem 5. Monat kann die Beikost unter Berücksichtigung der geltenden Empfehlungen (www.kinderandentisch.ch) ein­geführt werden. Eine vielseitige Ernährung im ersten 1. Lebensjahr soll vor Asthma und Lebensmittelallergien schützen.

Wer ein Risikokind hat, sollte sich keine Katze anschaffen, da das Risiko für Neurodermitis steigt. Ansonsten haben Haustiere keinen Einfluss auf die Entstehung einer Allergie.

Aber auch als Erwachsener kann man das Risiko senken:

Neue Studien zeigen auf, dass ein gesundes Mikrobiom, also eine gesunde Darmflora, wichtig ist. Die besteht aus Billionen von Kleinst-lebewesen, die auf der Haut, im Darm und in den Schleimhäuten leben. Dieses Mikrobiom hat eine schützende und regulierende Funktion, die auch bei der Entwicklung von Allergien eine wichtige Rolle spielt. Beeinflusst wird das Mikrobiom unter anderem durch unsere Nahrung. Die sollte «gesund» sein, also möglichst unverarbeitet und ausgewogen.

Ein gutes Raumklima kann sich ebenfalls positiv auswirken: Durch regelmässiges Lüften etwa wird eine Schimmelpilzbelastung verhindert, die allergisches ­Asthma auslösen kann.

Passivrauchen erhöht das Allergierisiko.

Das Allergiezentrum Schweiz aha! bietet vormittags eine kostenlose Tel.-Beratung an: 031 359 90 50

(ji/sae/aha)

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