Ärzte verschreiben bei Halsschmerzen zu oft Antibiotika

In welchen Fällen eine alternative Behandlung wirksamer ist und warum Schulmediziner den neuesten Erkenntnissen hinterherhinken.

Die sich akzentuierende Resistenzproblematik ist einer der Hauptgründe, warum der Einsatz von Antibiotika zurückgeht. Foto: Thomas_EyeDesign, iStock

Die sich akzentuierende Resistenzproblematik ist einer der Hauptgründe, warum der Einsatz von Antibiotika zurückgeht. Foto: Thomas_EyeDesign, iStock

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Sind homöopathische Mittel, Kräutertees und Akupunkturnadeln wirksamer als Antibiotika? Manche Komplementärmediziner sehen das so. Dieses Selbstverständnis schwingt auch mit, wenn deren Dachverband (Dakomed) heute in Zürich zu der öffentlichen Veranstaltung «Reduzierter Antibiotikaeinsatz dank Komplementärmedizin» einlädt, um «über die bislang zu wenig bekannten Methoden» zu informieren, dank derer auf die potenten Medikamente verzichtet werden kann.

Tatsächlich verschreiben Mediziner mit Zusatzausbildung in Homöopathie, Anthroposophie, Phytotherapie, Akupunktur oder Traditioneller chinesischer Medizin deutlich weniger oft Antibiotika als Schulmediziner. Eine Auswertung des Dakomed von Krankenkassenabrechnungsdaten kommt auf halb so hohe Verschreibungsraten. Normale Haus- und Kinder­ärzte verordnen demnach durchschnittlich bei 13 Prozent ihrer Patienten Antibiotika, die Kollegen mit Komplementärmedizinzusatz 4 bis 7 Prozent.

Inwieweit die Patienten der verschiedenen Ärztegruppen un­tereinander vergleichbar sind, ist allerdings fraglich. «Wir wissen nicht, ob sie andere Krankheiten haben und wie oft sie den Arzt aufsuchen», sagt Philip Tarr, Infektiologe und Co-Chefarzt der Medizinischen Universitätsklinik am Kantonsspital Baselland. Beim Schulmediziner würden Patienten zudem Antibiotika immer wieder erwarten. «Jedes Mal, wenn eine Person mit Antibiotika behandelt wird, verstärkt sich leider ihre positive Meinung darüber, obwohl das Medikament gar nicht zu ihrer Genesung beigetragen hat», so Tarr.

Solche Faktoren hat 2018 eine Studie im Fachblatt «BMJ Open» bei 7000 englischen Ärzten mit und ohne Zusatz in Komplementärmedizin untersucht. Darin setzten Komplementärärzte 22 Prozent seltener Antibiotika ein. «Ich vermute, dass die Ergebnisse in der Schweiz ähnlich ausfallen würden», sagt Tarr.

Der Körper wird mit den Erregern oft selbst fertig

Doch behandeln Komplementärmediziner tatsächlich so wirkungsvoll, dass Antibiotika unnötig sind? Oder verschreiben sie gar zu wenig davon und haben deswegen bei ihren Patienten häufiger schwere Komplikationen? Beides stimmt so nicht. Vielmehr haben sich die offiziellen Therapieempfehlungen für unkomplizierte Infektionen in jüngster Zeit so verändert, dass sie heute der Behandlungsstrategie der Komplementärmediziner gleicht. Demnach soll möglichst auf Antibiotika verzichtet werden, weil der Körper in der Regel selbst mit den Krankheitserregern fertig wird.

Krankheiten wie Blasen­entzündung, Bronchitis, Nasennebenhöhlen- und Mittelohr­entzündung, die in Haus- und Kinderarztpraxen häufig anzutreffen sind, wurden früher fast immer mit Antibiotika behandelt. Dies, um die Symptomdauer zu verkürzen und Komplikationen zu verhindern. Doch oft fehlten Studien, die den Nutzen belegen würden. Als diese in den letzten Jahren nachgeholt wurden, zeigte sich: Solche Vorteile sind nur sehr beschränkt oder gar nicht vorhanden.

Zuletzt kam es in der Schweiz im vergangenen Juli bei der häufigsten bakteriellen Mandel­entzündung, der Streptokokken­angina, zu einem solchen Paradigmenwechsel. Bei dieser wurde ab den 50er-Jahren geraten, mit einem Antibiotikum zu behandeln, um gefährlichen Komplikationen vorzubeugen. Dazu zählen besonders eitrige Abszesse im Hals und gefährliches rheumatisches Fieber mit Gelenk­entzündungen, Herz- und Hirnschäden. Beide Komplikationen sind allerdings sehr selten geworden. Heute ist klar, dass Antibiotika bei einer Streptokokkenangina nicht vor diesen Erkrankungen schützen.

Philip Tarr betont , dass die neuen Richtlinien nicht bedeuten, dass gar keine antibiotischen Medikamente mehr verordnet werden sollen. 

Als dritter Grund, bei Streptokokkenangina Antibiotika einzunehmen, galt eine behauptete Verkürzung der Symptomdauer. Doch inzwischen zeigen grosse internationale Übersichtsstudien, dass dieser Effekt bescheiden ist und Risiken wie Resistenzbildung, schwere allergische Reaktionen oder eine beeinträchtigte Darmflora nicht aufwiegt. Heute wird bei unauffälligen Verläufen geraten, auf Antibiotika zu verzichten. «Ab Frühjahr fällt vermutlich auch die Empfehlung weg, dass Kinder mit Angina wegen der Ansteckungsgefahr erst nach 24 Stunden mit Antibiotika wieder zur Schule dürfen», sagt Tarr.

Der wichtigste Grund, auf Antibiotika zu verzichten, ist die sich verschärfende Resistenzproblematik. In der Schweiz sterben gemäss Schätzungen derzeit jedes Jahr 300 Patienten an Infektionen mit antibiotikaresistenten Keimen. Arztpraxen haben daran einen bedeutenden Anteil. «Bei Halsschmerzen geben Grund­versorger in 44 Prozent der Fälle Antibiotika, nötig wäre es bei höchstens 10 Prozent», sagt Tarr. «Das ist auch im internationalen Vergleich kein guter Wert.»

Tarr betont aber, dass die neuen Richtlinien nicht bedeuten, dass gar keine antibiotischen Medikamente mehr verordnet werden sollen. «Bei schweren Verläufen oder wenn Komplikationen drohen, ist es absolut richtig, Antibiotika zu verwenden», sagt der Infektiologe. Das grosse Problem sei jedoch der reflexartige, schlecht begründete Einsatz dieser Medikamente.

Nicht die Ursachen, sondern die Symptome bekämpfen

«Es ist dem beispiellosen Siegeszug der Antibiotika zuzuschreiben, dass im Umgang mit Infektionskrankheiten der Fokus lange Zeit allzu einseitig auf den Erreger gelegt wurde», sagt ­Gisela ­Etter, Präsidentin der Union schweizerischer komplementärmedizinischer Ärzteorganisationen. Für die Homöopathin ist jedoch klar, dass Komplementärmediziner Antibiotika zwar sparsam, aber trotzdem sach­gerecht einsetzen würden.

Dank dieser Umwälzungen bei der Behandlung von Infektionen erfüllen die Komplementärmediziner die neuen Therapieempfehlungen, obwohl sie das Gleiche tun wie davor. Darin sind sie besser als der Durchschnitt ihrer schulmedizinischen Kollegen, weil diese oft nicht mitziehen. «Nach den neuen Empfehlungen bekamen wir Rückmeldungen von Ärzten, die fanden, dass es Patienten nur verwirre, wenn jetzt plötzlich keine Antibiotika verschrieben werden sollten», sagt Tarr. «Ich finde es allerdings eher verwirrend, dass die Medikamente während 50 Jahren ohne belegten Nutzen verschrieben wurden.»

Der Infektiologe ist gegenüber der Arbeitsweise der Komplementärmediziner aufgeschlossen. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 74 arbeitet er bei seinem Projekt zur Impfskepsis mit Homöopathen zusammen. Für Tarr ist klar: «Wir können von ihnen lernen.» Zu lange seien die Fronten verhärtet gewesen. «Wir sollten versuchen, ihre Erfahrung kons­truktiv zu nutzen.» Das gelte auch für den Einsatz von Antibiotika. «Früher war Symptombekämpfung verpönt, das Übel sollte mit Antibiotika an der Wurzel gepackt werden», so Tarr. Dabei sei eine gute Symptomlinderung, bis die Infektion durchgestanden sei, durchaus sinnvoll. «Das machen die Komplementärmediziner besonders gut.»

Erstellt: 13.11.2019, 10:36 Uhr

276

Menschen starben 2015 in der Schweiz an antibiotika­resistenten Bakterien. Diese Zahl hat das Schweizerische Zentrum für Antibiotikaresistenzen (Anresis) errechnet.

3/4

aller Antibiotika im Bereich ­Humanmedizin werden in der Schweiz in Arztpraxen ­verschrieben.

36 Prozent

ist der weltweite Antibiotika­verbrauch in der Humanmedizin im
letzten Jahrzehnt gestiegen. In der Schweiz ist der Einsatz dieser Medikamente seit einigen Jahren rückläufig.

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