Zürcher Superbibliothek? Unerwünscht!

Studierende sind fassungslos: Rund 80 Standorte sollen in einer grossen Superbibliothek zentralisiert werden. Ein Schritt in die Zukunft oder eine reine Sparübung?

«Ich will nicht ein effizienteres Studium, sondern ein besseres»: Studierende bei der Arbeit. Foto: Raisa Durandi

«Ich will nicht ein effizienteres Studium, sondern ein besseres»: Studierende bei der Arbeit. Foto: Raisa Durandi

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Leitung der Universität Zürich hat eine Vision: Sie will eine riesige Bibliothek, im Moment noch UZH-Bibliothek der Zukunft genannt. Im Gegenzug sollen die meisten der zurzeit rund 40 Fakultätsbibliotheken, die auf rund 80 Standorte verteilt sind, verschwinden. Bücherbestände werden reduziert, «unnötige Mehrfachexemplare» ausgeschieden, mehr Arbeitsflächen geboten. Angestrebter Eröffnungstermin der zentralisierten Superbibliothek: 2025.

Als der TA im April über das Vorhaben berichtete, ging ein Ruck durch die Uni. Vielen Studierenden und Unimitarbeitenden wurde bewusst, dass es sich beim Projekt, das seit Monaten hinter verschlossenen Türen gedieh, um eine grosse Umstrukturierung handelt. Eine, die ihre wissenschaftliche Arbeitsweise erheblich verändern könnte. Das Bibliothekspersonal fürchtet um Arbeitsplätze, Fakultäten um ihre Autonomie. Trotz der Einberufung von Krisensitzungen gelang es der Projektleitung unter Prorektor Christian Schwar­zenegger nicht, die Wogen zu glätten.

Im Gegenteil: Internationale Medien und Wissenschaftsportale im deutschen Sprachraum ­äusserten sich skeptisch über die «Einzigartigkeit» einer solchen «Bibliotheksrevolution» («Süddeutsche Zeitung»). Für eine Journalistin der «Zeit» wäre die Abschaffung der Freihandbibliotheken «ein weiterer Schritt hin zu einer vollautomatischen Universität, in der Studierende wie auf dem Fliessband von Immatrikulationen zu Studienabschluss geschleust werden» (zum Artikel).

Fehlender Miteinbezug

Noch befindet sich das Projekt in der Vernehmlassungsphase. Bis November können Studierende und Mitarbeitende Stellung beziehen. Heftiger Widerstand leistet die AG Bibliotheken, eine Vereinigung von Studierenden. Ihre Hauptkritik: Studierende und Mitarbeitende würden im Planungsprozess komplett übergangen: «Wir hoffen, dass die Projektleitung unsere Bedürfnisse ernst nimmt, denn wir sind die Hauptnutzenden der Bibliotheken», sagt ­Richard Freigang, Politologiestudent und Mitglied der AG Bibliotheken.

Ende Mai lancierte die Arbeitsgruppe eine Umfrage, deren Resultate dem TA vorliegen. 82 Prozent der Studierenden sind der Meinung, dass Bibliothek und Institut am selben Ort sein sollten – ein klares Verdikt gegen eine Zentralisierung, wie sie der Projektgruppe vorschwebt. An der Umfrage nahmen 3608 Angehörige der Universität teil. Studierende, Mitarbeitende und Dozierende.

Die Unileitung, die bisher nichts von der Umfrage wusste, nimmt die Resultate zur Kenntnis, ohne kommentieren zu wollen. «Dafür ist es noch zu früh», sagt Unisprecher Beat Müller. Die Resultate und Stimmen würden jedoch für das Vernehmlassungsverfahren berücksichtigt.

Dem Wunsch nach mehr Mitsprache ist die Unileitung nun ein wenig entgegengekommen. Vor kurzem lud sie Einzelpersonen ein, zum Projekt Stellung zu nehmen. «Die Rückmeldungen ­fliessen in unsere weitere Planung ein», verspricht Prorektor Schwarzenegger. Für die AG Bibliotheken ist die Öffnung der Vernehmlassung ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch ein «zu kleines Zugeständnis»: «Die Projektleitung hat gemerkt, dass die Studierenden nicht apolitisch und träge nach Kreditpunkten jagen, sondern dass wir klare Meinungen haben, wie wir uns eine moderne Bibliothek vorstellen», sagt Student Freigang.

Die 26'000 Studierenden seien immerhin der grösste Stand der Universität, deshalb wolle man nicht nur ein Mitsprache-, sondern ein Mitentscheidungsrecht: «Wir wollen Einsitz im Steuerungsausschuss, der bis anhin im Alleingang über das Projekt bestimmt.» Diese Forderung richtete die AG Bibliotheken letzten Mittwoch an die Unileitung.

Diese zeigt sich auf Anfrage aufgeschlossen, ohne ein konkretes Versprechen abzugeben: «Wir stehen grundsätzlich einem verstärkten Einbezug der Studierenden offen gegenüber», sagt Uni-Sprecher Müller. Dies werde nun an einer Sitzung der Universitätsleitung geklärt.

Drohung mit Uniwechsel

Der fehlende Miteinbezug gehört gemäss Umfrage zu den meistgenannten Kritikpunkten. 69 Prozent der Befragten halten diesen für zu gering. Anonym äusserten Studierende ihre Bedenken am bisherigen Vorgehen zur Bibliotheksplanung: «Ich finde es erstaunlich, dass ich jeden Tag an der Uni bin, und dennoch nie ­davon gehört habe – das kann ja nicht sein.» Eine andere Stimme: «Grundsätzlich geht es ja darum, die Situation für die Studierenden zu verbessern. Daher erscheint es lächerlich, sie so wenig mit einzubeziehen.»

Andere vermuten hinter der angekündigten Modernisierung des Bibliothekswesens eine reine Sparübung. Die geplante grosse Speicherbibliothek, die nur noch kostenpflichtige Kopiebestellungen zulässt, wird als Frechheit angeprangert: «Das geht gegen den Sinn einer Bibliothek und das Prinzip der Bildungsgleicheit für alle.» Jemand würde gar die Universität wechseln, sollten die Institutsbibliotheken wegfallen: «Ich will nicht ein effizienteres Studium, sondern ein besseres.»


Machen Sie mit bei «Die Schweiz spricht»: Die Aktion bringt Menschen ins Gespräch, die nahe beieinander wohnen, aber politisch unterschiedlich denken.


Unterschiede gibt es zwischen den Fakultäten: Für die meisten Theologie- und Philosphiestudierenden kommt die Aufgabe der Institutsbibliotheken nicht infrage. Studierende der restlichen Fakultäten zeigen sich für eine Zentralisierung aufgeschlossener, sind aber immer noch deutlich dagegen.

Die Umfrage zeigt die Ansprüche der Studierenden an die Bibliotheken: sofortige Verfüg­barkeit aller Bücher, Mehrfachexemplare, Fachkompetenz des Bibliothekspersonals, facheigene Räume. Es sind Ansprüche, die heute erfüllt werden, durch die Zentralisierung, so die Meinung der Gegner, aber auf dem Spiel stehen. «Die Rückmeldungen werden ausgewertet, und dann wird man sehen, ob und wie das Projekt angepasst werden muss», sagt Unisprecher Müller, ohne auf einzelne Punkte einzugehen.

«Wir kämpfen weiter. Unsere Bibliotheken sind uns wichtig.»Richard Freigang, AG Bibliotheken

Die AG Bibliotheken bleibt skeptisch, was ihr Mitspracherecht betrifft. Bologna 2020 habe bei vielen ein Gefühl der Machtlosigkeit ausgelöst, sagt Freigang. «Kleine Nebenfächer wurden aufgelöst, einige Fächer gibt es in Zukunft gar nicht mehr, und wir wurden nie dazu befragt.» Das habe die Leute wachgerüttelt. «Wir haben es satt, immer erst im Nachhinein über wichtige Änderungen informiert zu werden.» Sollten die studentischen Anliegen kein Gehör finden, will sich die AG Bibliotheken mit «kreativem Protest» Gehör verschaffen. «Wir kämpfen weiter, denn unsere Bibliotheken sind uns wichtig.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 11:01 Uhr

Artikel zum Thema

Universität Zürich will Bibliotheken schliessen

Die Universität Zürich plant eine neue Grossbibliothek. Im Gegenzug werden Dutzende Bibliotheken verschwinden und Bücher aus dem Sortiment genommen. Mehr...

Bürgerliche brüskieren Kantone mit Sparplan

Im Bundeshaus schwelt ein Streit zwischen Bildungs- und Finanzpolitikern. Letztere wollen das Sparen bei Unis und Fachhochschulen erleichtern. Mehr...

«Die ETH wird kaum je mit US-Spitzenuniversitäten mithalten können»

Interview Für den englischen Ranking-Papst Phil Baty ist das Abschneiden in einem Hochschulranking vor allem eine Frage des Geldes. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Und die Haare fliegen hoch: Besucher des Münchner Oktoberfests vergnügen sich auf einem der Fahrgeschäfte. (22. September 2018)
(Bild: Michael Dalder ) Mehr...