Bayern als Wiege der Menschheit

Das Skelett einer neuen Hominidenart namens Udo könnte den Stammbaum des Menschen auf den Kopf stellen.

So sah Udos Kiefer aus. Foto: PD

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«Wir sind Papst», titelten die Zeitungen, als mit Papst Benedikt XVI. ein Deutscher das geistliche Oberhaupt der katholischen Kirche wurde. Das könnte man heute ergänzen mit: «Wir sind Wiege der Menschheit», zumindest in Bayern, genauer im Allgäu. Dort nämlich schreibt dieser Tage ein Forschungsteam der Uni Tübingen rund um Paläoanthropologin Madelaine Böhme Wissenschaftsgeschichte.

Dabei geht es um vier teilweise intakte Skelette, die zwischen 2015 und 2018 in einer Tongrube bei Pforzen ausgegraben wurden. Es handelt sich um die versteinerten Überreste einer bislang unbekannten Primatenart – eine wissenschaftliche Sensation, die die bisherige Evolutionsgeschichte des Menschen auf den Kopf stellen könnte.

«Udo» nannten die Forscher das männliche Exemplar der ausgegrabenen Hominiden, nach dem deutschen Sänger Udo Lindenberg. Dieser feierte nämlich am Tag der Entdeckung seinen 70. Geburtstag, seine Songs dudelten aus dem Radio, während die Forscher sich an den gefundenen Knochen zu schaffen machten. Bald war man sich einig: Das Skelett des neu entdeckten Hominiden musste Udo heissen. Drei Jahre lang analysierten verschiedene Forscherteams die Überreste von Udo und seiner Familie.

Ob er Werkzeuge benutzte, ist noch unklar

Offiziell heisst die neue Affenart Danuvius guggenmosi. Es handelte sich um Hominiden von etwa einem Meter Wuchs, die zwischen 18 und 31 Kilo wogen und sich von harten Pflanzenteilen ernährt haben dürften. Sie lebten vor 11,6 Millionen Jahren in den europäischen Wäldern, bewegten sich mit langen Armen kletternd durch Baumwipfel, konnten aber auch ohne Hilfe der Arme auf zwei Beinen gehen und etwa einen Spaziergang am Waldboden unternehmen.

Darin liegt die Sensation, denn der aufrechte Gang war bislang das Alleinstellungsmerkmal des modernen Menschen. Dieser aber soll sich gemäss der Lehrmeinung viel später in Afrika entwickelt haben, als unsere Vorfahren die Bäume verliessen, sich in der Savanne aufrichteten und Werkzeuge zu benutzen begannen.

Dank der neu entdeckten Art wissen wir aber nun, dass es schon viel früher und auch in Europa Arten gegeben haben muss, die auf zwei Beinen gingen und die Hände frei hatten. Noch ist allerdings unklar, ob Udo auch Werkzeuge benutzte und damit eine Kulturleistung erbrachte. Das würde alle bisherigen Theorien über die Stammesgeschichte des Menschen auf den Kopf stellen, die Fachwelt, müsste die genauen Entwicklungs­linien unserer Spezies neu zeichnen.

Auch Klimawandel gab es schon

Udo ist so gesehen nicht unbedingt das «Missing Link», das fehlende Bindeglied zwischen Mensch und Menschaffe. Vielmehr dürfte er ein Indiz sein für die These, dass die Entwicklungslinien unserer Spezies nicht linear verliefen, sondern es verschiedene Populationen gegeben haben muss, die sich dynamisch vernetzten und über lange Zeiträume vermischten und wieder trennten.

Damit wäre auch denkbar, dass unsere afrikanischen Vorfahren ihrerseits europäische Verwandte hatten, die vor sieben bis neun Millionen Jahren nach Afrika migrierten. Wahrscheinlichster Auslöser für diese Bewegung: ein globaler Klimawandel.

Erstellt: 07.11.2019, 19:49 Uhr

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