Bettel-SMS bei den SBB

Weil den SBB Lokführer fehlen, müssen Mitarbeiter zunehmend Extraschichten schieben.

Lokführer bei den SBB: heiss begehrt, aber überarbeitet. Allein in Zürich fehlen bis Ende Oktober mehr als 20 pro Tag.

Lokführer bei den SBB: heiss begehrt, aber überarbeitet. Allein in Zürich fehlen bis Ende Oktober mehr als 20 pro Tag.

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Personalmangel, Pannenzüge und Pünktlichkeitsprobleme – es sind keine einfachen Zeiten für SBB-Mitar­beitende. Nicht erst seit dem tödlichen Unfall eines 54-jährigen Zugbegleiters in Baden vor zwei Wochen brodelt es beim Lokpersonal. Gar keine Freude haben sie an einer anderen Neuheit: Bettel-SMS vom Arbeitgeber. Weil den SBB Lokführer fehlen, müssen die Mitarbeiter immer öfter Extraschichten schieben und auf freie Tage verzichten, damit die Züge nicht stehen bleiben.

Hans-Ruedi Schürch, Zentralpräsident des Lokomotivpersonalverbands und Lokführer, erhält fast täglich solche Nachrichten. Es beginnt jeweils mit einem Rund-SMS: «Liebes Lokpersonal, für den Donnerstag, 8.8.2019, sind wir immer noch auf eure Hilfe angewiesen. Im Depot BG sind noch sieben Touren offen und im Depot Zürich sind noch 18 Touren offen in jeder Schichtlage. Für eure Angebote oder Gegenangebote wendet euch bitte an die ­Tageseinteilung.» Laut Schürch werden Lokführer in ihrer Freizeit auch persönlich angerufen, wenn Personalbedarf besteht. Er ist seit mehr als 30 Jahren bei den SBB und findet: «So schlimm wie jetzt war es noch nie.»

Allein in Zürich fehlen bis Ende ­Oktober mehr als 20 Lokführer pro Tag, wie aus dem «Locofolio», dem Magazin des Verbands der Lokführer, hervorgeht. An Spitzentagen sind es gar 56. Besserung ist nicht in Sicht, denn viele Lokführer werden in den nächsten Jahren pensioniert, die SBB brauchen rund 1000 neue Lokführer – bei einem Gesamtbestand von 3500.

Hans-Ruedi Schürch zum Beispiel hat deswegen in den letzten Jahren mehr als 732 Überstunden ­angehäuft– bei seinem 90-Prozent-Pensum sind das 20 Wochen Überzeit. Wegen der chronischen Unterbesetzung kann er diese kaum kompensieren. Auch bei der Gewerkschaft des Verkehrspersonals sind Bettel-SMS und -Anrufe ein grosses Problem. «Im Raum Zürich wird dauernd nachgefragt, ob noch kurzfristig Einsätze geleistet werden können», sagt Vizepräsident Manuel Avallone.

In Zürich ist die Lage momentan am schlimmsten

Zürich trifft es am härtesten, weil hier am meisten gebaut wird und viele ­grosse Veranstaltungen wie die Street Parade oder das Züri-Fäscht stattfinden. Schweizweit haben Events und Bau­stellen laut den SBB in den letzten beiden Jahren zugenommen. «Wir fahren diesen Sommer über 1900 Extrazüge – so viele wie seit der Expo 2002 nicht mehr», sagt ein Sprecher. «Deswegen kam es vor allem in Zürich zu einer ­angespannten Situation.» Deutlich ­wurde das Ende Mai, als erstmals Züge ausfielen, weil die SBB keine Lok­führer fanden.

Grundsätzlich fehle es den SBB aber nicht an Lokführern. Der planmässige Bestand reiche lediglich derzeit nicht aus, um die Zusatzleistungen von Mai bis Oktober zu decken. Um die Situation zu entschärfen, verzichten die SBB beispielsweise auf Dienstzüge, verschieben Weiterbildungen, die an «kritischen Tagen» geplant sind, und versuchen, «Kader und fahrfähiges Personal» zu mobilisieren. Um die Pensionierungswelle abzufangen, bilden sie zudem ­laufend circa 200 Lokführer aus. Der Job sei nach wie vor gefragt, die SBB alsArbeitgeberin beliebt.

Für die Lokführer muss das wie ein Hohn klingen. «Viele Bähnler haben resigniert und warten nur noch auf ihre Pensionierung», sagt Schürch. Aval­lone befürchtet Kündigungen. Die Zugausfälle von Ende Mai würden kein Einzelfall bleiben: «Wir werden uns mit Ausfällen und Verspätungen anfreunden müssen.»



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Erstellt: 17.08.2019, 22:01 Uhr

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