Bienengift-Skandal schreckt Bauern auf

Der Bauernverband kritisiert, dass selbst Briefkastenfirmen Bewilligungen für Pestizide bekommen.

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln birgt Gefahren: Verendete Bienen (Symbolbild). Foto: Keystone

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln birgt Gefahren: Verendete Bienen (Symbolbild). Foto: Keystone

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Hunderttausende Bienen sind verendet, weil Landi-Agrarcenter schweizweit kontaminiertes Insektizid aus Indien verkauften, wie die SonntagsZeitung letzte Woche aufdeckte. Das warf vor dem Hintergrund der aktuellen Pestizid- und Trinkwasserinitiative hohe Wellen. Zahlreiche Öko-Organisationen verbreiten den Skandal in den sozialen Medien als Beweis für die Notwendigkeit eines Giftverbotes in der Landwirtschaft. Und Franziska Herren von der Trinkwasserinitiative sagt: «Es zeigt in aller Deutlichkeit, welche Gefahren Pflanzenschutzmittel bergen.» Beide Initiativen kommen nächstes Jahr an die Urne.

Der Skandal setzt Landwirte und Behörden unter Druck. Denn es zeigte sich, dass die Bewilligungsinhaberin für den Vertrieb des kontaminierten Spritzmittels eine reine Briefkastenfirma ist. Obwohl die Niederlassung des indischen Pestizidherstellers im Notfall für Rückrufe verantwortlich ist und für Schäden geradestehen muss, hat sie weder Büros noch Mitarbeiter. Mangels Ansprechpersonen der Briefkastenfirma musste schliesslich die Agrargenossenschaft Fenaco als Verkäuferin des kontaminierten Spritzmittels den Skandal stellvertretend für die Briefkastenfirma ausbaden.

Es ist kein Einzelfall: Nachforschungen zeigen, dass zahlreiche Pflanzenschutzmittel auf blosse Briefkastenfirmen zugelassen sind. Eigentlich schreibt das Gesetz zwar ausdrücklich vor, dass nur Schweizer Niederlassungen eine Bewilligung für Pflanzenschutzmittel erhalten. Doch das Bundesamt für Landwirtschaft als Zulassungsbehörde akzeptiert Firmen, die nur auf dem Papier existieren.

Auch Kantonsbehörden fordern Ansprechpersonen

Nun wird der Bauernverband aktiv. Präsident Markus Ritter sagt: «Wir fordern, dass Firmen mit Zulassungsbewilligungen für Pflanzenschutzmittel vor Ort in der Schweiz Ansprechpersonen haben müssen.» Und Geschäftsleitungsmitglied Martin Rufer konkretisiert: Wichtig sei dies, «wenn man bei Problemen mit dem Spritzmittel aus Sicherheitsgründen schnell handeln» müsse. Es dürfe nicht sein, dass man bei Schwierigkeiten «zuerst irgendwo im fernen Ausland eine Ansprechperson suchen muss».

Ähnlich klingt es bei kantonalen Behörden: Er erwarte, dass «die Bewilligungsinhaberin mindestens einen Mitarbeiter vor Ort hat, mit welchem wir als Behörde in unserer Sprache kommunizieren können», sagt Armin Feurer vom Amt für Verbraucherschutz des Kantons Aargau. Feurer war in die Ermittlungen des Bienengiftskandals involviert. Für ihn ist klar: Die Inhaber der Zulassungsbewilligung «müssen rasch Massnahmen umsetzen können» und «rechtlich greifbar sein».

Insgesamt wurden 2000 Packungen des kontaminierten Pestizids in die Schweiz importiert. Diese Menge reicht zum Spritzen von 3300 Hektaren aus. Das entspricht der Fläche von 180 Bauernhöfen oder 4700 Fussballfeldern. Das an sich legale Spritzmittel Pirimicarb war verunreinigt mit dem verbotenen Bienengift Fipronil. Das Bundesamt für Landwirtschaft musste eine dringliche Rückrufaktion anordnen. Anzunehmen ist, dass ein Grossteil des Gifts bereits auf den Kulturen ausgebracht wurde. Erwiesen ist laut den Behörden, dass das Gift zu einem Bienensterben im Kanton Aargau geführt hat. Laut dem Bienengesundheitsdienst ist davon auszugehen, dass das kontaminierte Biozid aber auch an anderen Orten schweizweit zum Tod ganzer Bienenvölker führte.



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Erstellt: 02.11.2019, 22:17 Uhr

Neue Messmethode zeigt problematische Giftstoffe

ETH-Forscher haben eine revolutionäre Methode zur Messung von Insektiziden entwickelt. Sie kann die Konzentration bestimmter Pflanzenschutzmittel im Wasser bereits bei geringsten Konzentrationen, nämlich im Picogramm-Bereich, messen. Ein Picogramm ist ein Billiardstelgramm. Gemessen werden Pyrethroid- und Organophosphat-Insektizide. Die beiden Stoffe sind schon im Picogrammbereich hochgiftig für Wasserlebewesen.

Im Rahmen einer Studie haben die Forscher nun mit der neuen Methode in sechs ausgewählten Schweizer Gewässern über Monate Messungen durchgeführt. Das Resultat lässt aufhorchen. In fünf der sechs Bäche und Flüsse haben die Wissenschaftler bedenkliche Konzentrationen der Insektizide gefunden.

Die Konzentrationen waren überall so gross, dass sie laut den Forschern ein Risiko für die Kleinst­lebewesen darstellen. Gewässer sind sensible Gleichgewichts­systeme. Sterben die Mikroorganismen im Wasser, kann das verheerende Folgen für Fische und die Wasserqualität haben. (aeb)

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