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Boris Johnson, der reale Satiriker

Das ganze Land lacht über ihn, und er profitiert davon. Britische Komiker fragen sich, was sie falsch gemacht haben.

Und er steht immer wieder auf: Boris Johnson posiert in Manchester. Foto: Frank Augstein (Reuters)
Und er steht immer wieder auf: Boris Johnson posiert in Manchester. Foto: Frank Augstein (Reuters)

Der britische Humor, hat der Musiker Elvis Costello einmal gesagt, zementiere die Verhältnisse, über die er sich lustig mache. Die Katharsis des Lachens nimmt den Leuten den Ärger und erspart ihnen das Handeln. Es gibt viele Länder, in denen man schon wegen einer Karikatur ins Gefängnis kommen kann. Grossbritannien gehört nicht dazu. Das Land brilliert mit seinen Satirikern – am Radio, in Film und Fernsehen, in den Zeitungen, in den Clubs.

Nun ist in den letzten Wochen darüber diskutiert worden, ob die Satire ihr Ziel noch erreicht, nämlich die Mächtigen zu demontieren. Am meisten stellt sich die Frage bei Boris Johnson, der mit seinen Tories nächste Woche in die Wahlen zieht. Satiriker und Komiker in England reden darüber, ob sie mit ihren Parodien und Attacken und Verhöhnungen dem Premier mehr genützt haben, statt ihn aufklärerisch blosszustellen.

Boris Johson perfektionierte seine Schussligkeit zu einer Performance.

Die Frage ist nur: Wofür will man ihn noch blossstellen, was er nicht selber besorgt? Keine Karikatur, kein Skandal, keine Enthüllung kann ihm etwas anhaben. Er darf Interviews verweigern und Debatten ignorieren, auf der nach oben offenen Trump-Skala unbekümmert daherlügen. Er interessiert sich nicht für Details und feiert seine Inkompetenz. Nicht einmal seine Serie von Niederlagen im Parlament scheint ihm zu schaden. Er kann zwar toben wie Donald Trump, aber er hat auch Humor.

Wie früh Johnson seine Tollpatschigkeit zum eigenen Vorteil einsetzte, zeigten seine Auftritte in der Satiresendung «Have I Got News for You», wo der Journalist Ian Hislop und der Komiker Paul Merton mit wechselnden Gästen die Aktualität kommentieren. Die Sendung läuft seit dreissig Jahren und erreicht zehn Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer.

Um mit dem hohen Tempo der Gastgeber mithalten zu können, müssen die Eingeladenen geistreich und schlagfertig reagieren. Wer das schafft, kann zum Star werden, die Sendung hat einen grossen Coolness-Faktor. Boris Johnson, der wiederholt auftreten durfte und die Sendung auch mehrmals moderierte, entschied sich von Anfang an für das, was er am besten kann: den Komikern noch mehr Gelegenheiten zu geben, sich über ihn lustig zu machen. Er perfektionierte seine Schussligkeit zu einer Performance. «Boris Johnson ist sein eigener Satiriker geworden», hat der Schriftsteller Jonathan Coe schon vor Jahren erkannt.

Johnson wird zuletzt lachen

Könnte es sein, fragt bange der Komiker Matt Charlton im «Guardian», dass die britische Satire sich zur Komplizin von Idioten gemacht habe? Charlton findet Johnson das ideale Objekt für Spott, weil Boris selber eine Cartoonfigur sei. «Vor allem aber ist er lustig – ob freiwillig oder nicht.» Der Unterschied spielt keine Rolle, weil sich Johnson mit seiner riesenbabyhaften Art selber als Unterhaltung anbietet: ein Clown an der Downing Street.

Dadurch lenkt er von wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen ab, von denen vor allem die Reichen profitieren. Bei der Brexit-Frage hat er sich nie für eine gerechte Politik interessiert. Schon als Bürgermeister von London hatte er Grosskonzerne, ausländische Investoren und Schwerreiche hofiert, ein Butler der Hochfinanz. Aber er unternahm nichts gegen die hohe Luftverschmutzung, die überteuerten Wohnungen und Fahrkosten der Stadt. Boris Johnson ist eine Witzfigur mit finsteren Absichten. Wir lachen jetzt, er lacht zuletzt.

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